Zelle (rot), die mit dem Coronavirus (gelb) befallen ist | Bildquelle: dpa

Coronavirus Das Problem mit der Sterblichkeitsrate

Stand: 17.04.2020 21:03 Uhr

In Deutschland sind anscheinend bislang weniger Corona-Erkrankte gestorben als in anderen Ländern. Woran liegt das? Ist das Gesundheitssystem besser gewappnet - oder wird hier nur anders gezählt?

Von Christian Baars, NDR

Jeden Tag veröffentlicht die Johns-Hopkins-Universität neue Zahlen zur Covid-19-Pandemie: Wo gibt es die meisten Erkrankten, die meisten Todesfälle. Auffällig ist, dass in Deutschland die Sterblichkeitsrate (auch Letalität genannt) seit Wochen deutlich niedriger ist als in vielen anderen Ländern.

Anscheinend sterben hier im Vergleich wenige der offiziell registrierten Erkrankten. Die Rate der Todesfälle liegt in Deutschland laut der Johns-Hopkins-Daten aktuell bei etwa 2,8 Prozent, in den USA bei 4,5 Prozent, in der Schweiz bei 4,7 Prozent sowie in Frankreich, Italien, Großbritannien und Italien sogar bei rund 13 Prozent. Die höchste Zahl an Verstorbenen in Europa verzeichnet demnach aktuell Belgien mit 13,2 Prozent (Stand: 16.4.2020).

Länder testen unterschiedlich viele Personen...

Wie kommen diese Unterschiede zustande? Die Johns-Hopkins-Universität selbst schreibt auf ihrer Internetseite, dies liege unter anderem an der Zahl der getesteten Personen: Je mehr Leute auf das Virus untersucht werden, desto mehr milde Fälle werden gefunden. Damit sinkt folglich die Rate der Todesfälle. Tatsächlich liegt in Island, wo mit großem Abstand am meisten getestet wird, dieser Wert deutlich niedriger: bei etwa 0,5 Prozent. Dort wurden bereits mehr als 100 Tests pro 1000 Einwohner durchgeführt.

... und nicht die gleichen Gruppen

Es kommt jedoch nicht nur darauf an, wie viele Menschen getestet werden, sondern auch welche. So haben einige Länder zum Beispiel nur Menschen mit Symptomen oder solche aus Risikogruppen auf das Coronavirus untersucht, wie zum Beispiel Rückkehrer aus Orten mit hoher Infektionsrate. Selbst diesen wurde der Test aus Kapazitätsgründen teilweise verweigert. Eine solche Vorauswahl kann die Letalitätsrate ebenfalls verfälschen.

Viele Tests in Deutschland

Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor in Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet. | Bildquelle: dpa
galerie

In Deutschland werden nach Anlaufschwierigkeiten überdurchschnittliche viele MEnschen auf das Virus getestet.

Und auch Deutschland testet umfassender als viele andere Länder. Das zeigen Daten der Universität Oxford. Dort trägt eine Gruppe von Wissenschaftler Angaben zu den Tests aus vielen Ländern der Welt zusammen. Bis Ende vergangener Woche hatte demnach Deutschland insgesamt mehr als 20 Untersuchungen pro 1000 Einwohner durchgeführt - und damit deutlich mehr als Belgien (10,5), die USA (8,5), Frankreich (5,1) oder Großbritannien (4,2). Allerdings lag in Italien die Zahl fast genauso hoch (17,1) wie in Deutschland, in der Schweiz sogar darüber (22,4). Dies allein erklärt also nicht die Differenzen bei den Todesfällen.

Altersstruktur spielt eine Rolle

Laut Johns-Hopkins-Universität könnte auch die Demographie eine Rolle spiele. Die Sterblichkeit sei in Länder mit einer älteren Bevölkerung tendenziell höher. Ein Blick in die Datenbank der Weltbank zeigt jedoch: Dies allein liefert auch keine Erklärung. Zwar leben in Italien prozentual etwas mehr Menschen im Alter von über 65 Jahren (22,8 Prozent) als in Deutschland (21,5 Prozent), aber in den anderen Ländern sind es weniger (Frankreich: 20,0 Prozent, Belgien: 18,8 Prozent, Großbritannien: 18,4 Prozent, USA: 15,8 Prozent).

LandAnteil der Über-65-Jährigen an BevölkerungTests pro 1000 EinwohnerLetalitätsrate (Todesfälle / registrierte Covid-19-Fälle)
Deutschland 21,5%20,9  2,8%
Belgien   18,8%10,5 13,2%
Frankreich 20,0%5,1 12,8%
Großbritannien18,4%4,2    13,0%
Italien 22,8%17,1          13,1%
Island   14,8%102,7       0,5%
Schweiz  18,6%22,4  4,7%
USA     15,8%8,5 4,5%

Der Faktor Zufall

Offen ist dabei auch die Frage, wie viele besonders gefährdete Menschen in den jeweiligen Ländern infiziert worden sind. Dies kann auch von Zufällen abhängen. Anfangs waren etwa in Deutschland laut dem Robert Koch-Institut überdurchschnittlich viele junge Menschen erkrankt. Mittlerweile breitet sich das Virus aber auch zunehmend in Seniorenheimen aus. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum hier innerhalb weniger Wochen die Zahl der Verstorbenen deutlich gestiegen ist. Anfang März lag sie noch unter 0,2 Prozent, mittlerweile etwa 15-mal so hoch.

Ein anderer Grund für den deutlichen Anstieg der Rate dürfte allerdings auch die Zeitverzögerung zwischen der Ansteckung und dem Eintreten des Todes sein. Deshalb ist scheinbar in allen Ländern die Letalität in den vergangenen Wochen angestiegen, in Italien beispielsweise von etwa fünf Prozent Anfang März auf nunmehr 13 Prozent.

Wie gut sind die Gesundheitssysteme?

Ein Arzt arbeitet auf der Covid-19-Intensivstation des San Matteo-Krankenhauses im italienischen Pavia. | Bildquelle: dpa
galerie

Die Qualität der medizinischen Versorgung beeinflusst ebenfalls die Letalitätsrate.

Ein weiterer Faktor ist laut der Johns-Hopkins-Universität die Ausstattung der jeweiligen Gesundheitssysteme. Die Sterblichkeit könne steigen, wenn Krankenhäuser überlastet werden. Dies ist in einigen Regionen bereits geschehen: etwa in Norditalien, im Westen Frankreichs oder in New York.

Doch beispielsweise in Belgien war dies offenbar noch nicht der Fall. Dort, so heißt es, würden aber auch Verdachtsfälle mitgezählt. Dies könnte die Statistik deutlich verzerren. Tatsächlich wird nicht einheitlich erfasst, ob erkrankte Menschen tatsächlich an dem Virus verstorben sind.

Todesursache unterschiedlich definiert

So zählt in Deutschland das Robert-Koch-Institut (RKI) alle Fälle, bei denen Sars-Cov-2 nachgewiesen worden ist. Die Stadt Hamburg weicht jedoch davon ab. Dort werden alle Verstorbenen rechtsmedizinisch darauf untersucht, ob tatsächlich Covid-19 die Todesursache gewesen ist. So liegen die Zahlen der Stadt Hamburg niedriger (65) als die vom RKI erfassten (80) (Stand: 16.4.2020).

Wohl sehr hohe Dunkelziffern

Umgekehrt - darauf wies unter anderem RKI-Chef Lothar Wieler kürzlich hin - kommt es sicherlich auch vor, dass Menschen an dem neuen Virus sterben, dies aber nicht diagnostiziert wird.

Dies dürfte beispielsweise in der italienischen Kleinstadt Nembro passiert sein. Dort starben bis Ende März laut offizieller Zählweise 31 Patienten an Covid-19. Die italienische Zeitung "Corriere Della Sera" hat diese Angaben überprüft. Sie stellten fest, dass in der Zeit zwischen Januar und März dort insgesamt 158 Menschen gestorben sind. In den Jahren zuvor waren es im Durchschnitt nur 35. Möglicherweise sind also viermal so viele Menschen an Covid-19 gestorben wie offiziell erfasst.

Modellrechnungen sollen Klarheit bringen

Einige Wissenschaftler haben auf Basis von bislang verfügbaren Daten versucht, die Dunkelziffer - also die nicht gemeldeten Fälle - zu schätzen und somit zu berechnen, wie viele aller Infizierten sterben. So kamen Forscher für den Ort Gangelt in Nordrhein-Westfalen jüngst auf eine Rate von 0,37 Prozent. Wissenschaftler des Imperial College in London schätzten sie in einer Studie von Ende März - auf Basis von Daten aus China - auf 0,66 Prozent.

Forscher der Universität Göttingen kamen bei ihrer jüngsten Berechnung von Mitte April auf einen Wert von 1,3 Prozent für Deutschland. Wissenschaftler der Universität Oxford erörtern indes, dass die Rate auch deutlich niedriger liegen könnte, möglicherweise irgendwo zwischen 0,1 und 0,36 Prozent. Die Schätzung der Raten sei in der Frühphase von Ausbrüchen jedoch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet.

Anomalie in Schweizer Statistik

All dies zeigt, dass es aktuell noch sehr schwierig zu schätzen ist, wie viele Covid-19-Erkrankte sterben. Manche Länder - wie etwa die Schweiz - veröffentlichen jedoch regelmäßig Zahlen aller Todesfälle. Und hier zeigt sich, dass dort seit Mitte März mehr Menschen gestorben sind als in der selben Zeit der Vorjahre.

Auffällig ist der Unterschied vor allem bei den Über-65-Jährigen. In der Woche bis zum 5. April starben in dieser Altersgruppe in der Schweiz mehr als 1650 Menschen. Laut der offiziellen Statistik waren dies etwa 500 mehr, als zu erwarten gewesen sind.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Thema" am 16. April 2020 um 09:35 Uhr.

Darstellung: