Ein Schild fordert am Viktualienmarkt in der Münchner Innenstadt zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung auf. | Bildquelle: dpa

"Great Barrington Declaration" Alte Ideen - neu verpackt

Stand: 16.10.2020 11:10 Uhr

International fordern mehrere Wissenschaftler die Aufhebung der meisten Corona-Maßnahmen. Ihre Alternativvorschläge sind nicht neu - bergen aber Gefahren für die Risikogruppen, die sie schützen sollen.

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder

Die Ideen sind nicht neu - aber jetzt wurden sie von wissenschaftlicher prominenter Seite noch einmal neu formuliert: Man solle die meisten Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie umgehend einstellen, da diese verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben. Dafür solle man sich auf den Schutz gefährdeter Gruppen konzentrieren und so eine Herdenimmunität aufbauen, auch ohne auf einen Impfstoff zu warten -  das fordern drei Wissenschaftler der renommierten Universitäten Harvard, Oxford und Stanford.

Die Autoren der "Great Barrington Declaration" erklären, die Erklärung unabhängig und ohne Interessenkonflikte formuliert zu haben. Sie hätten jedoch den Sitz des American Institute for Economic Research (AIER) in Great Barrington für Ihr Treffen nutzen dürfen und von diesem Unterstützung bei der Erstellung eines Videos erhalten. Zudem wurde die offizielle Webseite der "Great Barrington Declaration" von dem privaten Institut registriert. Das AIER gilt als libertärer Think Tank, der massive Kritik an den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie äußert und den Klimawandel in Zweifel zieht.

In entscheidenden Punkten vage

Den Forderungen des Trios haben sich inzwischen andere Forscher und Ärzte angeschlossen. Gleichzeitig gibt es aber auch deutliche Kritik. So sieht Martin Eichner, Professor am Institut für klinische Epidemiologie und angewandte Biometrie der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, eine entscheidende Schwäche: Bei der Umsetzung der geforderten Maßnahmen bleiben die Autoren äußerst vage.

"Natürlich wäre es gut, wenn wir die besonders gefährdeten Personen vor einer Infektion und vor der Erkrankung schützen könnten, während der Rest der Bevölkerung eine - hoffentlich - leichte Infektion durchmacht, welche - wiederum hoffentlich - keine bleibenden Schäden hinterlässt", sagt Eichner dem ARD-faktenfinder. Allerdings sehe er zum Beispiel in Mehrgenerationenhaushalten keine Möglichkeit, das Infektionsrisiko zu senken. "Gerade, wenn die Infektion sich in den jüngeren Altersgruppen stärker ausbreitet, sollte dies dazu führen, dass solche Personen dann noch schneller infiziert werden als in Alten- und Pflegeheimen."

Eine ältere Frau geht in einem Senioren-Wohnstift durch einen Gang. | Bildquelle: dpa
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Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden auch in Alten- und Pflegeheimen so nicht funktionieren, meint Epidemiologe Eichner.

Auch die anderen in der Erklärung beschriebenen Maßnahmen seien organisatorisch nicht so leicht umsetzbar, meint Eichner. Noch verheerender sei es jedoch, wenn - wie vorgeschlagen - Bewohner von Altenheimen ihre Angehörigen außerhalb des Heimes treffen würden. Falls sie sich dabei ansteckten, würden sie die Ansteckung unbemerkt in das Heim tragen. "Kurz nach der Infektion, also bei ihrer Rückkehr in das Heim, kann ein Test noch gar nicht positiv werden", erklärt Eichner.

Gefahr auch durch und für Jüngere

Ähnlich sieht das Berit Lange, Ärztin und Epidemiologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Sie kann den Wunsch danach, dass das Leben - zumindest für einen Teil der Bevölkerung - wieder so verläuft, wie wir es bis Anfang 2020 gewohnt waren, durchaus verstehen. Auch sie hält es für falsch, auf eine natürliche Herdenimmunität und die alleinige Isolation von Risikogruppen zu setzen: Eine solche Isolation sei aus ihrer Sicht praktisch nicht durchführbar.

Menschen, die den Risikogruppen angehören, würden nicht alle in Institutionen leben, in die man Eintragungen von Infektionen vollständig verhindern könnte, erklärt sie gegenüber dem ARD-faktenfinder. Eine Eintragung der Infektionen von den Jüngeren zu den Älteren sei somit immer - allerdings häufig mit Verzögerung - zu erwarten, wenn die die Infektionszahl unter Jüngeren deutlich steigt.

Patienten auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Bayern. | Bildquelle: dpa
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Eine geplante Durchseuchung könnte das Gesundheitssystem überlasten und Langzeitfolgen auslösen, befürchtet Epidemiologin Lange.

Gleichzeitig warnt Lange vor den Gefahren, die auch in der Durchseuchung vermeintlich risikoarmer Bevölkerungsteile liegen: "Wir sehen schwere Verläufe der Krankheit und mögliche Langzeitfolgen auch bei jüngeren Patienten." Diese könnten bei einer Anstieg der Infektionszahlen das Gesundheitssystem überlasten und sowohl zu Sterbefällen als auch zu vielen Menschen mit Langzeitfolgen von Covid-19 führen.

Hoher Preis - geringe Gewissheit

Auch Eichner würde sich, wie die Unterzeichner der "Great Barrington Declaration", eine Herdenimmunität wünschen. Er sehe aber nicht, wie man diese erreichen könne, ohne dass die Infektion besonders verwundbare Personen erreiche und dort zu zahlreichen Hospitalisierungen und Todesfällen führe. Zudem müsse man die in der "Great Barrington Declaration" erwähnten "irreparablen Schäden" durch Langzeiteffekte der gegenwärtigen Maßnahmen genau untersuchen, um nicht auf Vermutungen und emotionale Äußerungen angewiesen zu sein, sagte er dem ARD-faktenfinder.

Epidemiologin Lange sieht es zudem keinesfalls als gewährleistet an, dass eine möglicherweise zu einem hohen Preis erkaufte Herdenimmunität von Dauer sei. "Von anderen Coronaviren wissen wir, dass die Immunität über die Zeit abnimmt." So könnte es nach Aufhebung der Teilquarantäne zu einer neuen Infektionswelle kommen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt ebenfalls vor einer solchen Strategie. Eine unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus zuzulassen, damit sich die Menschen massenweise ansteckten, sei "unethisch", sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Niemals in der Geschichte des Gesundheitswesens sei es vorgekommen, dass eine solche Strategie gegen einen Krankheitsausbruch oder eine Pandemie eingesetzt worden sei.

Szene der Maßnahmen-Kritiker gespalten

In der Szene der Kritiker wird die Erklärung unterschiedlich aufgenommen: Während viele den Appell zur Einstellung der Corona-Maßnahmen begrüßen, wird die enthaltene Forderung nach PCR-Tests und den Quarantänemaßnahmen weitgehend abgelehnt. Andere unterstützten die "Great Barrington Declaration" zunächst, rieten dann aber wieder von einer Unterschrift ab.

Die Anzahl der realen Unterstützer ist ungewiss. Zwar werden auf der Website hohe Zahlen von "besorgten Bürgern", Ärzten und Wissenschaftlern als Unterzeichner aufgeführt - diese basierten allerdings auf einem Webformular, das jeder ausfüllen kann. Nachdem mehrere Medien auf offensichtliche Doppel-, Fantasie- und Spaßeinträge hingewiesen hatten, wurde die Liste zur "Überprüfung" offline genommen.

Widerspruch von Medizinern und Wissenschaftlern

Mittlerweile haben zahlreiche Mediziner und Wissenschaftler eine Erwiderung auf die "Great Barrington Declaration" formuliert. In der renommierten Fachzeitung "The Lancet" veröffentlichten sie das "John Snow Memorandum", benannt nach dem Arzt, der 1854 die Cholera-Übertragung durch Trinkwasser nachgewiesen hatte.

Die Unterzeichner warnen vor dem in der "Great Barrington Declaration" vorgeschlagenen Weg, den sie als "unethisch" bezeichnen. Zudem könnte die unkontrollierte Übertragung unter Jüngeren zu erheblichen Gesundheitsschäden und zum Tod vieler Menschen führen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Oktober 2020 um 00:00 Uhr.

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