Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf dem Flughafen in Athen vor ihrem Flug nach Luxemburg | Bildquelle: AFP

Geburtsdatum von Flüchtlingen Warum es oft der 1.1. ist

Stand: 24.04.2020 13:48 Uhr

Deutschland nimmt Minderjährige aus den überfüllten griechischen Flüchtlingslagern auf - die meisten seien jünger als 14 Jahre und Mädchen. Doch nun werden Bundesregierung und Flüchtlingen falsche Angaben vorgeworfen.

Von Gabor Halasz, NDR

Sie steigen in ein Flugzeug, winken noch einmal. Manche filmen mit dem Handy. Zu sehen sind Kinder und Jugendliche auf dem Weg nach Deutschland. Sie wirken auf den ersten Blick verunsichert, aber viel verraten diese wenigen Bilder nicht. Erst recht nicht, wie alt die 43 Jungen und vier Mädchen sind, die am Samstag in Hannover landeten. Aber für einige reichen die Bilder, um sich zu empören.

Geboren am 1.1.2006?

Der Chef der Werteunion Alexander Mitsch twittert: "Schon seltsam, dass fast die Hälfte der Migranten, die Deutschland nun quasi im Alleingang aus Griechenland als Flüchtlingskinder eingeflogen hat, das Geburtsdatum 1.1.2006 haben. Hoffentlich sind die anderen Informationen über sie glaubwürdiger."

Die "Bild"-Zeitung greift das auf, berichtet von "Verärgerung in der CDU". Und der innenpolitische Sprecher der AfD im Bundestag, Gottfried Curio, schreibt auf Twitter, die Jugendlichen hätten sich jünger gemacht, um nach Deutschland zu kommen: "Aus jungen, kranken Mädchen sind auf wundersame Weise fast durchgehend kräftige, gesunde junge Männer geworden, die ebenso wundersamer Weise fast zur Hälfte am selben Tag (1.1.2006) geboren sind. So werden die Deutschen getäuscht"

Kein genauer Tag der Geburt registriert

Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums dementiert auf Anfrage des NDR, dass fast die Hälfte der aufgenommen Flüchtlinge unter einem Geburtsdatum 01.01.2006 geführt wird. Das treffe lediglich auf 13 Kinder zu. Das liege daran, dass zwingend ein genauer Geburtstag erfasst werden müsse. "Bei ungesicherten Angaben zum Geburtstag ist es grundsätzliche Praxis, das Geburtsdatum auf den 01.01. des Geburtsjahres festzulegen;  nicht in allen Ländern und Kulturen werden Geburtsdaten auf den Tag und Monat genau registriert."

Diese Praxis bestätigt auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR): "Etwa 70 Prozent der Menschen in den Camps kommen aus Afghanistan und Syrien, also der islamischen Welt. Im Islam wird zwar die Geburt gefeiert, die Geburtstage danach aber in aller Regel nicht. Deshalb ist, auch den Behörden im Heimatland, nur das Geburtsjahr wichtig, aber nicht der Geburtstag. In Afghanistan kommt hinzu, dass seit mehr als 40 Jahren Krieg ist. Viele Flüchtlinge kennen ihren Geburtstag schlicht nicht, nur das Jahr ihrer Geburt."

Der 1.1. - ein bequemes Datum

In der Tat: Wer Afghanen nach dem Geburtstag fragt, blickt oft in ahnungslose Augen.  Den Tag weiß fast niemand, manchmal können sich die Menschen an das Jahr erinnern. Sie wissen vielleicht, ob Sommer oder Winter war oder wer gerade regiert hat. Lange gab es keine Geburtsurkunden, im Ausweis wurde das Alter nach dem Aussehen geschätzt. Doch immer öfter wird auch in Afghanistan nach einem Geburtsdatum gefragt - von Behörden oder auch, wenn man sich in Sozialen Netzwerken anmelden will. Auch hier geben viele den 1. Januar an - weil es bequem ist.

Schon öfter wurde die Frage des Geburtsdatums von der AfD aufgegriffen - ohne nach den Gründen zu fragen. Das damalige Parteimitglied André Poggenburg aus Sachsen-Anhalt gratulierte dem überwiegenden Teil der "sogenannten Flüchtlinge" süffisant am 1. Januar 2019 zum Geburtstag und wünschte eine reibungslose Heimreise. Poggenburgs Tweet war der Anlass für eine kleine Anfrage der SPD im Landtag von Magdeburg. Ergebnis: Im Jahr 2015 wurde bei etwa 13 Prozent der Asylbewerber in Sachsen-Anhalt der 1. Januar als Geburtstag registriert, im Jahr 2018 waren es noch 9 Prozent.

Jungen, allein auf der Flucht

Die Kinder, die am Samstag in Hannover landeten, stammen aus den überfüllten Flüchtlingslagern der griechischen Inseln Chios, Samos und Lesbos. Sie wurden auf der Flucht von ihren Eltern oder Geschwistern getrennt. Andere haben sich allein bis nach Griechenland durchgeschlagen. Oft werden Jungen alleine losgeschickt. Ihre Familien wollen so verhindern, dass sie in den Krieg geschickt würden. Oder wenigstens einer aus der Familie soll die Chance auf ein besseres Leben haben.

Nach Angaben der EU sind die Flüchtlinge zwischen acht und 17 Jahren alt. Anders als es der Koalitionsausschuss Anfang März beschlossen hatte. Damals entschieden Union und SPD: "Es handelt sich dabei um Kinder, die entweder wegen einer schweren Erkrankung dringend behandlungsbedürftig oder aber unbegleitet und jünger als 14 Jahre alt sind, die meisten davon Mädchen."

Hilfe für kranke Kinder

Das Bundesinnenministerium erklärt dazu: "Bei den ersten 47 Kindern handelt es sich um unbegleitete Minderjährige, insbesondere unter 14 Jahren. Die Identifikation von schwer erkrankten, dringend behandlungsbedürftigen Kindern, welche für das freiwillige Aufnahmeverfahren in Betracht kommen, dauert weiterhin an." Unter den 5000 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Griechenland seien lediglich sieben Prozent Mädchen. Das Verhältnis spiegele sich in etwa auch in der ersten Übernahme nach Deutschland wider.

In den Lagern auf den griechischen Inseln leben nach Angaben von UNHCR etwa 39.000 Flüchtlinge und Asylsuchende. Genau ein Drittel sind Kinder und Jugendliche, also jünger als 18 Jahre. Am Osterwochenende wurden dort die Kinder befragt, die Interviews führten die griechischen Behörden - unterstützt zum Beispiel von UNHCR.

Dabei gehe es klar nach "Verletzlichkeit" oder "Bedürftigkeit", erklärt das UN-Flüchtlingshilfswerk. "Die Fälle werden gewichtet nach verschiedenen Kriterien, etwa Alter, Krankheiten und durchaus auch Geschlecht. Auch Jungen sind auf der Flucht und in den Camps zwar gefährdet, aber Mädchen noch mehr. Zudem ist natürlich wichtig, ob man noch irgendeine erwachsene Bezugsperson hat oder nicht." Das Alter zu prüfen sei Aufgabe der griechischen Behörden.

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