Flüchtlinge kommen im Jahr 2015 mit einem Sonderzug nach Freiberg. | Bildquelle: dpa

Flüchtlingsandrang 2015 Von Prognosen und Prophezeiungen

Stand: 31.08.2020 07:41 Uhr

Nach dem Flüchtlingsandrang 2015 tauchten viele Prognosen auf, wie viele weitere Menschen nach Deutschland kommen würden. Von bis zu sieben Millionen war die Rede. Tatsächlich sind es deutlich weniger.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Kalkulationen und Prognosen sollen in der Politik helfen, um mögliche Szenarien zu bedenken und für die Zukunft zu planen. "Die Weichen zu stellen", so lautet eine gängige Floskel. Allerdings handelt es sich eben um Prognosen - und insbesondere bei komplexen Phänomenen wie Migration spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle, so dass diese mit Vorsicht zu genießen sind.

Doch öffentlich werden solche Zahlen schnell zum Politikum. So berichteten zahlreiche Medien Anfang 2016, die Bundesregierung erwarte bis 2020 insgesamt rund 3,6 Millionen Flüchtlinge. Dabei handelte es sich aber lediglich um interne Modellrechnungen, um wirtschaftliche Entwicklungen und Etats abzuschätzen.

Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte damals, dass es zur Projektion "intern eine rein technische Annahme für die Zuwanderung getroffen und innerhalb der Bundesregierung ressortabgestimmt" habe. Da es gegenwärtig nicht möglich sei, den Flüchtlingszustrom seriös vorherzusagen, wolle die Bundesregierung keine offizielle Prognose abgeben.

Zahl ging deutlich zurück

Tatsächlich entwickelten sich die Zahlen ganz anders. Die Zahl der Flüchtlinge ging deutlich zurück bis Ende 2019. Das aktuelle Jahr lässt sich ohnehin nicht mit den Vorjahren vergleichen - wegen der Einschränkungen durch die Pandemie.

Sieben Millionen Angehörige?

Das Thema Familiennachzug von Flüchtlingen brachte 2017 noch einmal neuen Schwung in die Diskussionen. In der "Bild"-Zeitung war von bis zu sieben Millionen Menschen die Rede, auch die CSU-Politikerin Ilse Aigner spekulierte über entsprechend viele Angehörige, die nachkämen. Andere rechneten mit mehreren Hunderttausend bis drei Millionen, die zeitnah nach Deutschland folgen könnten.

Auch vor dem eingeschränkten Familiennachzug warnte Bundesinnenminister Horst Seehofer. Er sprach von einigen Hunderttausend Personen, die dafür in Frage kämen, wenn der damals für subsidiär Schutzberechtigte noch ausgesetzte Nachzug wieder geöffnet werde. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnete damit, dass es 100.000 bis 120.000 Ehepartner und minderjährige Kinder gebe, die durch einen Familiennachzug nach Deutschland einreisen könnten.

Weniger als 1000 Visa pro Monat

Tatsächlich wurde seitdem nicht einmal die ausgehandelte Obergrenze von 1000 Visa pro Monat erreicht. Seit August vergangenen Jahres vergaben deutsche Auslandsvertretungen jeden Monat weniger als 900 Visa für Angehörige dieser Flüchtlingsgruppe. Das geht aus Zahlen des Auswärtigen Amts hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorlagen. Insgesamt wurden demnach zwischen August 2019 und Juni diesen Jahres 5921 Visa ausgestellt. 2018 wurden nach Angaben der Bundesregierung von deutschen Botschaften weltweit 10.000 entsprechende Visa erteilt.

Wie viele Flüchtlinge leben in Deutschland?

Insgesamt waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts am 31. Dezember 2019 knapp 1,84 Millionen Schutzsuchende im Ausländerzentralregister (AZR) registriert. Zu dieser Gruppe gehören Ausländerinnen und Ausländer, die sich "unter Berufung auf völkerrechtliche, humanitäre oder politische Gründe in Deutschland aufhalten".

Zu den Schutzsuchenden zählten rund 266.000 Personen mit offenem Schutzstatus, über deren Asylantrag noch nicht rechtskräftig entschieden worden war. Das waren 40.000 weniger als im Vorjahr. Der Rückgang ist sowohl auf eine weitere Abarbeitung anhängiger Asylverfahren als auch auf einen weiteren Rückgang neuer Asylanträge zurückzuführen.

1,36 Millionen Schutzsuchende verfügten den Angaben zufolge über einen humanitären Aufenthaltstitel und damit über einen anerkannten Schutzstatus. Die Herkunftsstaaten Syrien (41 Prozent), Afghanistan (elf Prozent) und Irak (zehn Prozent) machten den Großteil aller Schutzsuchenden mit anerkanntem Schutzstatus aus. Für 80 Prozent ist der anerkannte Schutzstatus zeitlich befristetet.

80 Prozent weiter als Schutzsuchende registriert

Zum Jahresende 2016 waren den Angaben zufolge gut eine Million Schutzsuchende registriert, die 2014, 2015 und 2016 erstmals nach Deutschland eingereist waren. Drei Jahre später waren diese Personen zu 80 Prozent weiterhin als Schutzsuchende registriert: 634.000 mit einem anerkannten Schutzstatus, 102.000 mit abgelehntem Schutzstatus und 97.000 mit einem offenen Schutzstatus.

Rund 120.000 weitere Personen hielten sich nicht mehr in Deutschland auf, weitere 19.000 Daten wurden - hauptsächlich im Zusammenhang mit nachträglichen Korrekturen - aus dem Register gelöscht.

Prognosen sind keine Prophezeiungen

Die Zahlen zeigen, wie schwierig bis unmöglich es ist, die Entwicklung der Bevölkerung oder die Zahl von Flüchtlingen zu prognostizieren. Dementsprechend betonen Experten immer wieder, ihre Prognosen seien keine Prophezeiungen, sondern sollen verschiedene mögliche Szenarien darstellen.

Insbesondere Fluchtbewegungen werden von vielen Faktoren beeinflusst, entscheidend sind die Ursachen wie Konflikte, Kriege oder Katastrophen, aber auch die Bereitschaft von anderen Staaten, Flüchtlinge aufzunehmen. Und nicht zuletzt die Corona-Pandemie zeigt, wie unvorhersehbare Ereignisse die Situation grundlegend verändern können. Dementsprechend haben Legenden von einem gesteuerten "Bevölkerungsaustausch" nichts mit der komplexen Realität zu tun. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass weiterhin Millionen Menschen auf der Flucht sind - und die EU weiter über den Umgang mit Flüchtlingen streitet.

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