Polizisten kontrollieren einen Markt in Lagos, Nigeria, auf Einhaltung der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus | Bildquelle: AFP

Fake News in Afrika Mit Knoblauch gegen Corona?

Stand: 29.03.2020 05:41 Uhr

Vergiftungen mit Bleichmittel oder Malaria-Medikamenten, die angeblich gegen das Coronavirus schützen: Fake News können lebensgefährliche Folgen haben. Die Webseite Africa Check geht dagegen vor.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

An seinem Marktstand in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba verkauft Abebe Tene Ingwerknollen nicht nur, er nutzt sie auch selbst - gegen das Coronavirus. In seiner Nase stecken frischer Ingwer und eine Knoblauchzehe. "Wir verkaufen immer noch, denn viele wollen diese Gewürze aus medizinischen Gründen", sagt der Marktverkäufer. "Schaut mich an: Ich schütze mich, indem ich Knoblauch in das eine Nasenloch stecke und Ingwer in das andere."

Und nicht nur am Marktstand kursieren solche Ideen - im Internet verbreiten sie sich rasend schnell. "Die Leute sagen, dass Knoblauch Covid-19 heilen kann. Es gibt Menschen, die behaupten Bleichmittel würde helfen. Oder der Urin von Tieren. Alles falsche Heilversprechen", sagt Vincent Ng'ethe von der Webseite Africa Check. Ihre Arbeit: Fake News im Internet finden, überprüfen und korrigieren.

Überdosierung mit Malaria-Medikament

So skurril sie auch klingen mögen, die falschen Behauptungen werden geglaubt. Auch so gefährliche, wie das Trinken von Bleichmitteln. "Sie werden es trinken", sagt Ng’ethe. "Wenn jemand, warum auch immer, seiner Regierung nicht vertraut, nicht glaubt, dass man ihm die ganze Wahrheit sagt, wird er über andere alternative Lösungen nachdenken. Die falsche Entscheidung hat dann Auswirkungen auf seine Gesundheit und sein Überleben."

Nigeria sieht gerade einen Anstieg des Verkaufs von Chloroquin. Donald Trump hatte verkündet, das Malaria-Medikament sei bereits anerkannt, um das Coronavirus zu behandeln. Die Arzneimittelbehörde der USA habe es schon dafür zugelassen, sagte er - aber das stimmte nicht. Erste überdosierte Patienten mussten nach Behördenangaben in Nigeria ins Krankenhaus.

Kunstprojekt wird als Corona-Massensterben deklariert

Gerade bei Themen wie Gesundheit, bei denen Menschen große Ängste haben, sind Fake News sehr effektiv. Kaum war das Coronavirus in der Welt, behaupteten die ersten User, es sei schon in Afrika angekommen. Und in China würden Millionen Menschen sterben.

Ein Facebook-Nutzer in Nigeria postete am 13. Februar ein Foto - darauf sind Dutzende Menschen zu sehen, die auf einer Straße liegen. Anscheinend tot. Dazu der Text: "Millionen Tote in Folge des Coronavirus in China." Doch das Foto zeigt etwas ganz anderes: Ein Kunstprojekt im Jahr 2014 in Frankfurt am Main. Es erinnerte an die Opfer eines Konzentrationslagers.

"Wissenschaftler sagen uns, dass es sehr einfach ist, etwas Falsches in die Welt zu setzen. Aber dann zu erklären, warum es falsch ist, ist viel schwieriger", sagt Ng’ethe. Menschen auf der ganzen Welt seien empfänglich für falsche Nachrichten. Beim Coronavirus kommen in Afrika noch die vielerorts schlechten Gesundheitssysteme hinzu.

Aufmerksamkeit heißt Follower heißt Geld

"Wenn die Information dir Hoffnung oder Angst macht, ist sie normalerweise sehr überzeugend. In Ländern, in denen das Gesundheitssystem sehr viel stärker ist und die Menschen gut versorgt sind, gibt es weniger Bereitschaft, dieser Art von Fake News zu glauben", erklärt der Faktenchecker. Wenn dies aber nicht der Fall ist, seien die Leute durchaus dazu bereit, besonders wenn ihre Prognose schlecht sei. "Sie suchen ihre Hoffnung woanders." Die Fake News verbreiten sich dann nicht nur über die Mobiltelefone, sondern werden in der Bevölkerung auf den Straßen und an den Märkten weitergegeben.

Die Interessen der Verbreitenden sind vielfältig. Einige Nutzer wollen bloß Aufmerksamkeit erzeugen, aus Spaß Menschen hereinlegen. Andere wollen ihre Produkte bewerben und verkaufen, auch, wenn diese völlig nutzlos sind. "Wenn du viele Follower bei Facebook oder Twitter hast, dann kannst du das zu Geld machen. Und wenn du dein Publikum erst für dich eingenommen hast, hältst du Reden, verkaufst Bücher, machst alles Mögliche und verdienst so Geld", erklärt Ng'ethe. Hinzu kämen politisch gesteuerte Nachrichten: aus Trollfabriken, und von extra angekauften Anbietern, die versuchen, politische Prozesse wie Wahlen zu beeinflussen.

Chatbot gegen Falschmeldungen

Die Webseite Africa Check wurde 2012 vom Agenturjournalisten Peter Cunliffe-Jones gegründet. Er hatte zuvor in Nigeria selbst erlebt, welche Konsequenzen falsche Informationen haben können: Wegen angeblicher Risiken ließen viele Eltern ihre Kinder nicht gegen Polio impfen. Die Todesfälle im Land stiegen.

Mittlerweile gibt es vier Büros von Africa Check auf dem Kontinent, unter anderem in Kenia und Südafrika. Finanziert wird die gemeinnützige Organisation beispielsweise von Stiftungen und Initiativen.

Ende vergangenen Jahres brachte die Organisation einen Chatbot für WhatsApp auf den Markt. Kweli, heißt er - Kisuaheli für "Wahrheit". Nutzer können so über den Messengerdienst Informationen an Africa Check schicken und nachfragen, ob sie richtig sind. Zum Beispiel, ob Tiere das Corona-Virus übertragen können. Die Aussagen werden überprüft, der Nutzer erhält eine Antwort. Und die ist so leicht aufbereitet, dass sie sich schnell über WhatsApp weiter verteilen lässt.

Der ehemalige Journalist Ng’ethe wurde Faktenchecker, weil er so auch auf die kleinen Dinge schauen kann, die für die Menschen wichtig sind. In Afrika entwickele sich mittlerweile eine ganze Faktenchecker-Gemeinschaft, erzält er. Das sei wichtig für die Demokratie. "Eines unserer Ziele ist es, dass sich Communities bilden, die für sich selbst die Fakten checken können. Sodass wir eine wachsamere Gesellschaft bekommen." Diese könne bessere Entscheidungen treffen. "Und in der Demokratie geht es um Entscheidungen."

Festnahme wegen Verbreitung von Fake News

Wichtig ist es auch in den Zeiten der Corona-Krise. Sogar das kenianische Fernsehen macht Sendungen zu Falschmeldungen und Mythen über das Coronavirus. Und auch die Regierung schaut auf Fake News und ihre Verbreiter.

Ein Blogger wurde in der vergangenen Woche bereits festgenommen - wegen der angeblichen Verbreitung von Falschmeldungen über das Virus. Die Verhandlung begann diese Woche und wird im April fortgesetzt. Auch das würden sie beobachten, sagt Vincent Ng’ethe. "Viele Menschen machen sich Sorgen um die Redefreiheit. Denn es ist auch wichtig, dass wir nicht in Bereiche kommen, in denen diese bedroht wird."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 29. März 2020 um 09:34 Uhr in den Nachrichten.

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