Ein Mann hält eine Lupe vor das Facebook-Logo. | REUTERS

Datenanalyse Wird Facebook zu Fakebook?

Stand: 18.12.2019 19:00 Uhr

Facebook meldet weiter steigende Nutzerzahlen. Analysen von Experten zeigen jedoch, dass die Zahl von Fake-Konten offenbar noch stärker wächst. Außerdem schütze Facebook die Daten der Nutzer zu wenig.

Von Svea Eckert, NDR, und Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Wie viele Menschen weltweit nutzen eigentlich Facebook? Die offiziellen Zahlen des Konzerns sind beeindruckend: 2,8 Milliarden Menschen nutzen einen der Facebook-Dienste. Allerdings gehören dazu nicht nur Facebook selbst, sondern auch Instagram, WhatsApp und der Messenger-Dienst. Facebook selbst kam im dritten Quartal 2019 demnach auf 1,62 Milliarden Nutzer, die täglich aktiv sind.

Zahl der Fake-Konten steigt offenkundig

Analysten haben nun öffentlich zugängliche Daten zu den Nutzern ausgewertet - und stießen dabei auf Indizien, die ein gigantisches Problem mit Fake-Konten nahelegen. Die Experten stellten fest, dass die von Facebook vergebene Nutzernummern (Facebook ID, kurz FID) Rückschlüsse auf das jeweilige Konto zulassen: Je höher die Nummer ist, umso jünger ist das jeweilige Konto. Die vergebenen FIDs lassen wiederum Rückschlüsse auf die Zahl der neuen Registrierungen zu - und dieser Wert lässt sich wiederum in Relation setzen zu der Entwicklung der offiziellen Zahlen von Facebook. Und auf diesem Weg kommen die Forscher zu dem Schluss, dass der Anteil der Fake-Accounts an den neu registrierten Konten offenkundig immer weiter zunimmt.

Zu diesem Ergebnis war auch eine Untersuchung aus den USA gekommen. XY

Diverse Analysen möglich

Über die FID lassen sich zudem die Facebook-Nutzer analysieren, nur die wenigsten haben ihr Konto ausreichend geschützt. So konnten die Experten Profilbilder, Angaben zu Wohnort, Lieblingsseiten und weitere Angaben auswerten - obwohl sie nicht mal eingeloggt waren. Deutlich wurde dadurch auch, dass nur ein kleiner Teil der Nutzer für einen großen Teil der Likes verantwortlich ist. Ein Phänomen, das im Kontext von gekauften Likes besonders brisant ist.

RECHERCHE 18.12.

Likes sind nicht gleich likes, meinen die Experten. So können durch Fake-Konten und gekaufte Likes Zustimmung zu bestimmten Kommentaren und die Relevanz von Seiten simuliert werden. Als ein Beispiel nennen die Analysten einen kleinen deutschen Anbieter von Gartenmöbeln, der mehr als eine Million Likes gesammelt hat. Auch politische Diskussionen können so manipuliert werden. Unternehmen, die auf Facebook werben, können Geld verlieren, weil sie Anzeigen schalten, die teilweise gar kein echtes Publikum erreichen, sondern viele Fake-Nutzer.

Warnung vor Datenmissbrauch

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Internetgiganten wie Facebook und Google vorgehalten, mit ihrem Geschäftsmodell die Menschenrechte zu bedrohen. Die "Geschäftsmodelle der unbeschränkten Überwachung und Datenausbeutung" solcher Konzerne seien unvereinbar mit dem Recht auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung, heiß es in dem Bericht "Surveillance Giants". Die Regierungen müssten "rechtsstaatliche Rahmenbedingungen schaffen, um die Grund- und Menschenrechte kommender Generationen in einer digitalen Welt zu wahren".

Die US-Unternehmen Facebook und Google seien Türhüter der digitalen Welt, heißt es in dem Amnesty-Bericht. Damit gehe eine "historisch einmalige Macht" dieser Konzerne einher. Nutzer würden vor die Herausforderung gestellt, ihre Rechte online nur in einem System wahrnehmen zu können, das "räuberisch" organisiert sei.

"Wir alle sollten am modernen digitalen Leben teilnehmen können, ohne irgendjemandem die umfassende Erfassung, Überwachung, dauerhafte Speicherung und individualisierte Auswertung unserer persönlichsten Daten erlauben zu müssen", erklärte der Amnesty-Generalsekretär in Deutschland, Markus N. Beeko. Dazu gehörten "Interessen, Vorlieben, Abneigungen, Familienstand oder auch Einkaufsverhalten und Bewegungsmuster". Konzerne wie Facebook und Google sammelten jedoch Daten in einem "nie dagewesenen Ausmaß", kritisierte Amnesty. Dies umfasse nicht nur freiwillig zur Verfügung gestellte Informationen. So überwachten die Digitalkonzerne Aktivitäten ihrer Nutzer "weit über die Nutzung einzelner Social-Media-Plattformen hinaus". "Während internationales Recht und Verfassungen elementare Menschenrechte garantieren, staatliche Behörden reglementieren und diese einer rechtsstaatlichen Gewaltenkontrolle unterwerfen, haben diese Konzerne ein privates Überwachungsregime geschaffen, welches sich der unabhängigen öffentlichen Kontrolle weitgehend entzieht", kritisierte Beeko. Er forderte eine digitale Infrastruktur und Angebote, "die Selbstbestimmung, Privatsphäre und Autonomie der Menschen respektieren und schützen."