Zerstörtes Haus in Marienthal in Rheinland-Pfalz | dpa
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Hochwasser in Deutschland Keine Katastrophe ohne Desinformation

Stand: 26.07.2021 14:36 Uhr

Falsche Schuldzuweisungen und Behauptungen über fehlende Hilfe: Auch die jüngste Flutkatastrophe ist von Desinformation begleitet worden - mit handfesten Folgen.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de und Andrej Reisin, NDR

Die Flutkatastrophe hat für viel Leid gesorgt. Daher wird nun viel über bessere Schutzmaßnahmen und die Ursachen diskutiert. Viele Fachleute sehen das Extremwetter nicht unbedingt als Folge des Klimawandels, aber sie betonen, solche Ereignisse seien mittlerweile öfter zu beobachten.

Patrick Gensing tagesschau.de
Andrej Reisin

Der Hydrologe Ralf Merz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle geht davon aus, dass bis zum Jahr 2050 Hochwasser vor allem in Gebieten in Nord- und Westeuropa zunehmend eine Bedrohung darstellen könnten. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung rechnet damit, dass es bis 2060 auch deutlich mehr Hitzetage geben wird. Wissenschaftler warnen seit vielen Jahren vor den Gefahren, die die Anreicherung von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre mit sich bringt.

AfD spricht von Windrädern

Der AfD-Politiker Stephan Brandner brachte hingegen eine ganz eigene Erklärung ins Spiel. In einem Interview sagte er, allein in Deutschland gebe es 25.000 bis 30.000 Windräder - und weltweit wahrscheinlich Hunderttausende. Und die würden "natürlich auch die Energie aus dem Wind rausnehmen", so Brandner. Das habe wohl auch Auswirkungen auf das Wetter. "Ich will jetzt nicht sagen, dass Windräder schuld an dem Hochwasser sind", so Brandner, aber das Klima sei ein komplexes System und wenn man an einer Stelle etwas ändere, könne sich woanders etwas ändern.

Toralf Staud, Redakteur beim Wissenschaftsportal klimafakten.de, meint es sei "vollkommen abstrus, wenn hier suggeriert wird, die Abschwächung des Jetstreams könnte vielleicht etwas mit dem Aufstellen von Windrädern zu tun haben". Das "wahre Mikrogramm" in den Behauptungen sei, dass Windkraftanlagen etwas an Energie aus der Atmosphäre entnehmen, so Staud: "Lokal und sehr begrenzt kann das tatsächlich kleine Veränderungen beim Wind zur Folge haben - dazu gibt es schon etliche Forschungsarbeiten. Aber der Jetstream ist ein Starkwindband, das in etwa 15 Kilometern Höhe und bis zu 500 km/h schnell um den Nordpol rast - es ist kompletter Humbug, dass bodennahe Windräder einen Einfluss darauf haben könnten."

Anschuldigungen gegen RWE

Während die AfD einen Kontext zu Windrädern herstellt, zeigen Umweltschützer im Zuge der Katastrophe auf den Konzern RWE. Dieser pumpe den Hambacher Tagebau leer, anstatt die Pumpen für den Bevölkerungsschutz einzusetzen. Und das Wasser werde in die ohnehin bereits volle Erft gepumpt, so der Vorwurf in einem Tweet, der fast 2500 mal geteilt wurde. Auch Aktivisten von "Ende Gelände" warfen RWE vor, den Tagebau bereits leergepumpt zu haben, während anderswo Orte noch unter Wasser standen. "Die Pumpen wären andernorts besser eingesetzt gewesen."

beschädigtes Schloss Erftstadt | AP

Aufgrund von starken Regenfällen trat in Erftstadt-Blessem der kleine Fluss Erft über die Ufer und verursachte massive Schäden. Dabei wurde auch das Schloss (links) beschädigt. Bild: AP

RWE teilte dazu mit, die rund 1500 Pumpen müssen aus betrieblichen Gründen ständig betrieben werden: Das Abpumpen des Grundwassers (Sümpfung) sei "nötig, um die Tagebaue trocken zu halten und um die steilen Böschungen stabil zu halten". Letzteres gelte "auch und gerade in Perioden mit starken Niederschlägen. Würde man einen Tagebau volllaufen lassen, würde das gesamte Equipment (Schaufelradbagger, Absetzer, Bandanlagen etc.) zerstört. Und die Böschungen würden einbrechen. Ein Tagebau kann nicht als Regenrückhaltebecken dienen", so ein Sprecher.

Zudem wies er den Vorwurf zurück, die Tagebau-Entwässerung habe die Hochwasser führende Erft zusätzlich belastet: "Durch ein gutes Wassermengen-Management wird dafür gesorgt, dass bei Hochwasser per Saldo sogar weniger Wasser aus den Tagebauen in die Erft gelangt." Dazu komme die entlastende Wirkung von zwei großen Retentionsräumen bei Kerpen-Horrem und Bedburg, wohin planmäßig große Wassermengen eingeleitet wurden.

Experte bestätigt Darstellung

Auch der Hydrologe Bernd Bucher widersprach den Spekulationen, RWE habe das Hochwasser verschlimmert. Der Konzern habe die Pflicht, im Hochwasserfall bei Kerpen mindestens so viel Wasser aus der Erft in den Rhein zu pumpen, wie sie weiter unten in die Erft einleiten, so Bucher im Gespräch mit dem Portal "Riff-Reporter". "Im jetzigen Fall war es sogar so, dass RWE rüberpumpt, was sie rüberpumpen kann und damit sogar überkompensiert. Dazu kommt noch, dass es dort, wo sie das Sümpfungswasser einleiten, nämlich in Bergheim an der Wiebachleitung, gar kein richtiges Hochwasser gab." Selbst wenn nicht kompensiert worden wäre, so Bucher weiter, hätte RWE das Hochwasser nicht verstärkt.

Falsche Anschuldigungen

Handfeste Folgen zeigten Anschuldigungen gegen Behörden und Hilfsorganisationen, die angeblich nicht schnell genug gehandelt hätten. So wurden THW-Helfer beleidigt und sogar attackiert.

In dem von den Überflutungen besonders stark betroffenen Kreis Ahrweiler war ein polizeiähnlicher Wagen mit der Aufschrift "Friedensfahrzeug" gesehen worden. Nach Erkenntnissen der Polizei war aus diesem Fahrzeug heraus die Falschmeldung verbreitet worden, die Zahl der Einsatzkräfte werde verringert. In sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten kursieren zudem Videos und Nachrichten, in denen fälschlicherweise behauptet wird, Polizei und Feuerwehr seien weitestgehend untätig bei der Hilfe.

"Querdenker", Reichsbürger und Rechtsextremisten versuchten in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Regionen, das Leid der Menschen für ihre Sache zu nutzen. Das rheinland-pfälzische Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung hatte am Donnerstag ein offenbar von Anhängern der "Querdenken"-Bewegung betriebenes Familienzentrum in Bad Neuenahr-Ahrweiler geschlossen.