Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor in Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet. | Bildquelle: dpa

Ursprung des Coronavirus Aufregung um angeblich geheime Studie

Stand: 09.06.2020 17:01 Uhr

Medien berichten über eine vermeintlich brisante Studie zum Ursprung des Coronavirus. Diese sei geheim gehalten worden. Tatsächlich ist die Studie noch gar nicht veröffentlicht worden, sorgt aber für viel Kritik.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

"Ex-Geheimdienst-Chef über geheim gehaltene Studie: Wurde das Coronavirus doch im Labor erzeugt?", fragt die "Bild"-Zeitung. Der "Cicero" schreibt von einer bisher geheim gehaltenen britisch-norwegischen Studie und Vermutungen, das Virus sei nicht natürlich entstanden.

Hintergrund sind britische Medienberichte, in denen der ehemalige Chef des Geheimdienstes MI6 zitiert wird: Sir Richard Dearlove hatte in einem Podcast der Zeitung "The Daily Telegraph" schwere Anschuldigungen gegen China erhoben und Reparationszahlungen wegen der Pandemie vorgeschlagen. Sir Richard bezog sich dabei wiederum auf eine Studie, aus der angeblich hervorgehe, dass das Virus in einem Labor fabriziert worden sei. Danach sei es wohl durch einen Unfall freigesetzt worden, spekulierte er.

Weltweite Aufmerksamkeit

Weltweit berichteten Medien über diese Anschuldigungen und die Studie, die angeblich beweise, dass das Virus in China künstlich erschaffen worden sei. Der Haken an der Sache: Die Studie selbst wurde bis heute gar nicht publiziert. Vielmehr veröffentlichten der Norweger Birger Sörensen und der Brite Angus Dalgleish ein Papier, in dem es um einen möglichen Impfstoff gegen Covid-19 geht: Biovacc-19. Diesen Impfstoff entwickeln die beiden Forscher selbst, und zwar in der Immunor AG, an der Sörensen beteiligt ist.

Biovacc-19 solle grundlegend anders wirken als andere Impfstoffe, an denen geforscht wird, erklärte Sörensen im Norwegischen Rundfunk NRK. Er widersprach der Darstellung des "Telegraph", wonach mehrere Fachzeitschriften die Veröffentlichung seines Papiers abgelehnt hätten. In der norwegischen Zeitung "Dagbladet" erklärte Sörensen, er habe zwei Kommentare an eine renommierte Fachzeitschrift geschickt, die abgelehnt worden seien.

Erst demnächst, möglicherweise im Laufe der kommenden Woche, wollen die Forscher Sörensen zufolge die angeblich bahnbrechenden Erkenntnisse zum Ursprung des Virus veröffentlichen. Die Studie wurde also nicht geheim gehalten, sondern die Wissenschaftler selbst haben sie noch gar nicht publiziert - so dass ihre angeblichen Erkenntnisse bislang nicht überprüft werden können.

Kritik und Widerspruch

Dies sorgt für Kritik: In Norwegen werfen Wissenschaftler ihrem Kollegen Sörensen vor, er habe wegen seiner geschäftlichen Aktivitäten ein Interesse daran, Aufmerksamkeit zu generieren. Die beteiligten Forscher, die als Autoren des veröffentlichten Papiers genannt werden, hätten geschäftliche Verbindungen zur Immunor AG, die den Impfstoff Biovacc-19 entwickelt.

Sörensen weist diese Kritik zurück und betont, die Verbindungen seien transparent. Allerdings räumte er im NRK ein, dass bereits andere Forscher auf die für das neuartige Coronavirus typischen Sequenzen hingewiesen hatten. Tatsächlich gibt es dazu bereits seit Langem zahlreiche Fachbeiträge. Die meisten Forschenden sehen in dieser Besonderheit auch keinen Beweis, dass das Virus künstlich geschaffen worden sei; im Gegenteil: Sie gehen von einem natürlichen Ursprung aus.

Auch die britische Regierung wies die Spekulationen des ehemaligen MI6-Chefs zurück: Es gebe für die Theorie, das Virus sei in einem Labor hergestellt worden, keine Beweise.

Zuletzt war in den USA spekuliert worden, das Virus sei aus einem Labor in Wuhan entwichen. Basis waren ältere Warnungen vor Sicherheitslücken in dem Labor. Beweise wurden aber ebenfalls nicht angeführt. Zuvor hatte China die USA beschuldigt, das Virus fabriziert zu haben. In vielen Verschwörungslegenden wird zudem behauptet, Bill Gates habe das Virus entwickelt, um Geld mit Impfstoffen zu verdienen.

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