Eine Krankenschwester im Schutzanzug Karolinska-Krankenhaus nahe Stockholm. | Bildquelle: AFP

Corona in Schweden Keine Intensivmedizin für über 80-Jährige?

Stand: 05.05.2020 15:21 Uhr

Werden in Schweden über 80-jährige Corona-Patienten nicht mehr intensivmedizinisch behandelt? Diese Behauptung wurde in einigen Medien erhoben. Tatsächlich gibt es dort weniger alte Patienten auf der Intensivstation - aber die Gründe sind komplexer.

 Von Christian Baars, Elena Kuch und Oda Lambrecht, NDR

In Schweden gelten deutlich lockerere Maßnahmen als in vielen anderen Ländern, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Restaurants und Cafés etwa sind weiter geöffnet, die Regierung setzt auf die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger. Dieser schwedische Weg gilt den einen als Vorbild, andere warnen vor einem zu hohen Preis.

Inzwischen sind in dem Land nach offiziellen Angaben 2679 Menschen verstorben, die nachweislich mit dem Coronavirus infiziert waren (Stand: 3.5.2020). Berechnet auf die Einwohnerzahl sind dies mehr als dreimal so viele wie in Deutschland. Dementsprechend dürfte dort auch die Zahl der schwer Erkrankten höher sein. Gleichzeitig verfügt Schweden über deutlich weniger Intensivbetten. Dennoch gibt es laut offiziellen Angaben nach wie vor freie Kapazitäten auf den Intensivstationen.

Wurden über 80-Jährige "aussortiert"?

Straßenszene in Schweden während der Corona-Krise | Bildquelle: dpa
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Schweden hat das öffentliche Leben weit weniger eingeschränkt.

Mehrfach wurde nun behauptet, dass es noch freie Intensivbetten gebe, weil Schweden ältere Patienten nicht mehr auf der Intensivstation aufnehme - so etwa Ende April in einem Gastkommentar in der österreichischen Zeitung "Der Falter". Ähnlich äußerte sich ein Arzt aus Nordschweden in der ZDF-Talkrunde bei Markus Lanz. Der Leiter eines Gesundheitszentrums in Lappland behauptete, Über-80-Jährige würden "aussortiert". Die Statistik spreche hier für sich, sagte der Arzt.

Tatsächlich scheinen auf den ersten Blick die Daten der schwedischen Gesundheitsbehörde seine Aussagen zu bestätigen. In Schweden ist die Zahl der Corona-Patienten, die mindestens 80 Jahre alt sind und intensivmedizinisch behandelt werden, sehr niedrig. Bis Anfang Mai waren es 50 von mehr als 5200 nachweislich Infizierten in dieser Altersgruppe - also weniger als ein Prozent. In anderen Altersgruppen wurden deutlich mehr Corona-Patienten auf einer Intensivstation behandelt: Mehr als zehn Prozent der Infizierten im Alter von 70 bis 79 und mehr als 16 Prozent bei den 60- bis 69-Jährigen.

Keine Vergleichszahlen für Deutschland

Eine vergleichbare aktuelle Darstellung der Intensivpatienten aufgeschlüsselt nach Alter gibt es in Deutschland nicht. Jedoch hat das Robert Koch-Institut kürzlich eine Analyse der ersten Wochen nach dem Ausbruch veröffentlicht. Bis zum 17. März wurden demnach Daten zu 121 Covid-Patienten im Alter von mindestens 80 Jahren dazu übermittelt, ob sie intensivmedizinisch behandelt wurden oder nicht. Bei 15 war dies der Fall, also bei gut zwölf Prozent.

Allerdings zeigt ein Vergleich mit einigen anderen Ländern, in denen aktuelle Daten zur Verfügung stehen, dass auch dort eher weniger Patienten im hohen Alter intensivmedizinisch behandelt werden als in Deutschland. In den Niederlanden beispielsweise sind es ebenfalls nur etwa ein Prozent in der Altersgruppe 80 plus und in Dänemark knapp vier Prozent. Auch in Österreich und Kanada scheint der Anteil der über 80-jährigen Covid-Patienten auf Intensivstationen nach aktueller Datenlage eher im niedrigen einstelligen Prozentbereich zu liegen.

Intensivpflege nicht eindeutig definiert

"Es gibt ziemlich große Unterschiede, was in den verschiedenen Ländern unter Intensivpflege verstanden wird"*, schreibt Johnny Hillgren, der Vorsitzende des schwedischen Intensivregisters, auf Anfrage des NDR. Warum in Schweden weniger über 80-Jährigen auf der Intensivstation behandelt würden als in Deutschland, könne verschiedene Gründe habe, so Hillgren. Schweden habe zum einen schon vor dem Corona-Ausbruch nur über etwa fünf Intensivpflegebetten pro 100.000 Einwohner verfügt, in Deutschland seien es mehr als 30 Betten pro 100.000 gewesen.

"Wir vermuten", schreibt Hillgren, "dass entweder auch weniger schwerkranke Patienten in Deutschland auf Intensivstationen behandelt werden oder dass dort Patienten behandelt werden, bei denen wir in Schweden erwarten, dass sie zu geringe Chancen auf ein würdevolles Überleben haben." Möglicherweise fänden in Schweden mehr ethische Diskussionen statt, bevor ein Patient auf eine Intensivstation aufgenommen werde.

*Im Original: There are quite big differences in what is meant by intensive care in different countries. [...] We guess that this means that either also less severely ill patients are treated in intensive care units in Germany or patients which we in Sweden expect to have too small chances to survive to a meaningful life are treated in German intensive care units. [...] There may be more ethical discussions and more discussions about futility before a patient is admitted to intensive care in Sweden.

Experten fordern neue Debatte

Auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, sieht hier Unterschiede in der Debattenkultur. Er hat den Eindruck, dass in Deutschland über ethische Fragen, die sich bei der Behandlung von Intensivpatienten stellen, bisher weniger öffentlich diskutiert werde als in anderen Ländern - wie etwa in Schweden oder in den Niederlanden. Einer der vielen Gründe hierfür sei sicherlich in der deutschen Vergangenheit zu suchen, sagt der Chefarzt und Intensivmediziner. Zur Zeit des Nationalsozialismus seien furchtbare Verbrechen begangen worden, viele Ärzte seien leider unmittelbar beteiligt gewesen, so Janssens.

Auch für den Fall, dass die Intensivkapazitäten knapp werden sollten, habe man hier in Deutschland keine bestimmten Patientengruppen benannt, die dann zuerst behandelt würden, sagt der DIVI-Präsident. Ärzte sollten in so einem Fall allein danach entscheiden, bei wem eine Intensivtherapie die größte Erfolgsaussicht habe. Das sei eine sehr komplexe Entscheidung und hänge nicht allein vom Alter des Patienten ab, so Janssens.

Leitlinien für den Fall einer Überlastung

Die Region Stockholm dagegen hatte Mitte März aktualisierte Richtlinien für ihre Intensivstationen erstellt. Demnach sollten im Falle einer Überlastung des Gesundheitswesens Patienten nicht mehr auf eine Intensivstation verlegt werden, die älter als 80 Jahre sind oder die Vorerkrankungen haben. Dazu gehören stark übergewichtige Personen, Dialysepatienten, Patienten mit Herzkrankheiten oder Alkoholiker. 

Nach Angaben des Intensivregisters ist in Schweden diese Grenze allerdings noch nicht erreicht. Der Intensivregister-Vorsitzende Hillgren schreibt, ein Drittel aller Betten in Schweden sei noch frei. Die Richtlinien würden also derzeit nicht benötigt. Die schwedische Gesundheitsbehörde teilte auf Anfrage des NDR mit, sie habe schon zu Beginn der Covid-19-Pandemie Richtlinien zur Priorisierung veröffentlicht. Sie sollten dazu dienen, Zweifel auszuräumen, wie in dieser besonderen Situation zu verfahren sei. Grundsätzlich stehe das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Menschen an erster Stelle. 

Medienberichte über Personalmangel im Intensivbereich

Unterdessen wird allerdings Kritik an der Stockholmer Uniklinik Karolinska laut. Die schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter" veröffentlichte am 24. April 2020 einen Bericht, nach dem mehrere anonyme Ärzte des Krankenhauses sich darüber beklagen, dass nicht mehr alle schwerkranken Patienten intensivmedizinisch behandelt oder beatmet werden könnten - nicht aus Mangel an Betten, sondern, weil es an Personal fehle.

"Wir erleben, dass die Selektionskriterien für den Katastrophenfall bereits jetzt Anwendung finden", zitiert "Dagens Nyheter" einen nicht namentlich genannten Arzt. Der Geschäftsführer der Intensivstation, Björn Persson, bestreitet in der Zeitung hingegen, dass Patienten nach härteren Kriterien priorisiert würden.

Verdachtsfälle werden untersucht

Inzwischen hat die Untersuchungsbehörde im Gesundheitswesen (IVO) Untersuchungen in dem Krankenhaus Karolinska und seiner Intensivstation eingeleitet. Es seien Hinweise eingegangen, dass dort Patienten mit Vorerkrankungen, darunter Dialysepatienten, eine Intensivbehandlung verweigert worden sein soll. "Wir haben Fragen an das Krankenhaus geschickt aber bislang noch keine Antworten darauf erhalten", heißt es von einer Sprecherin der Behörde. 

Der Leiter der Intensivstation des Karolinska-Krankenhauses, Björn Persson, bestreitet auf Anfrage des NDR die Vorwürfe, es seien Patienten nicht behandelt worden, die noch eine Überlebenschance gehabt hätten. Eine Auswahl werde rein nach medizinischen Kriterien vorgenommen. Alle, denen eine Intensivpflege etwas bringe, bekämen sie, so Persson. Von den insgesamt 140 zur Verfügung stehenden Intensivbetten seien derzeit ungefähr 115 belegt, davon seien etwa 100 Corona-Patienten. Es sei auch ausreichend Personal vorhanden, um alle Patienten zu behandeln. Aber Person betont, jeder arbeite sehr hart und die Belastung sei auf lange Sicht nicht tragbar.

(Anmerkung der Redaktion: Das Karolinska-Krankenhaus hat Fragen des NDR vom 25.4.2020 erst am 5.5. beantwortet. Deshalb hieß es in des ersten Version des Textes vom 4.5., es habe nicht geantwortet.)

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