Eine Ärztin misst den Blutdruck bei einer Patientin. | Bildquelle: dpa

Coronavirus und Covid-19 Wer gehört zur Risikogruppe?

Stand: 24.03.2020 12:04 Uhr

Ein hohes Alter und bestehende Vorerkrankungen: Diese Faktoren werden im Zusammenhang mit den Corona-Risikogruppen stets genannt. Doch welche Erkrankungen sind damit genau gemeint?

Von Jana Heck, Jochen Taßler, WDR, und Natalia Frumkina, tageschau.de

Die meisten Menschen, die sich mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 infizieren, erkranken nicht schwer. Sie zeigen beispielsweise Erkältungssymptome, leiden zumeist aber nicht unter Atemnot und bekommen keine Lungenentzündung.

Bei rund 20 Prozent der Erkrankten verläuft die Erkrankung hingegen anders. Wer zur Risikogruppe gehört, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit schwer an Covid-19 erkranken, das heißt, mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Lungenentzündung bekommen, ins Krankenhaus müssen oder sogar an der Krankheit sterben. Betroffen sind vor allem alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen. Aber was heißt das konkret?

Das Immunsystem wird im Alter schlechter

Das Robert-Koch-Institut (RKI) spricht davon, dass ab 50 bis 60 Jahren das Risiko zunehmend ansteigt. Der Grund dafür ist, dass mit zunehmenden Alter das Immunsystem schwächer wird. Das macht ältere Menschen anfälliger für schwere Verläufe. So kann das schwächere Immunsystem beispielsweise dazu führen, dass der Körper weniger stark mit Fieber reagiert - und Betroffene als Folge erst dann zum Arzt gehen, wenn die Krankheit bereits weit fortgeschritten ist. Bislang erhobene Daten in China, Italien und Deutschland bestätigen, dass schwere Verläufe und Todesfälle mit dem Alter zunehmen. Eine Analyse des italinieschen Instituto Superiori di Sanità zeigt - das durchschnittliche Alter von 2003 Menschen, die mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert waren und starben, liegt bei 79,5 Jahren.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Ein anderer Risikofaktor sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie eine koronare Herzerkrankung oder Bluthochdruck. So deuten beispielsweise Daten des Instituto Superiori di Sanità in Rom auf ein erheblich erhöhtes Risiko durch Bluthochdruck hin: Von 355 Verstorbenen mit Corona-Infektion litten 76 Prozent unter anderem daran.

Allerdings ist hierbei, wie bei jedem anderen Risikofaktor, zu berücksichtigen, dass es äußerst schwierig ist, exakt nachzuvollziehen, was im konkreten Fall genau zum schweren Verlauf von Covid-19 geführt hat. Vor allem dann, wenn eine Person gleich mehrere Risikofaktoren in sich vereint. 

Darüber hinaus kursieren aktuell Spekulationen darüber, dass ACE-Hemmer, also Blutdrucksenker, anfälliger für eine Infektion mit dem neuen Coronavirus machen könnten. Die Deutsche Hochdruckliga (DHL) warnt jedoch ausdrücklich davor, nun aus Angst die Mittel abzusetzen: "Zum einen gibt es Daten, denen zufolge genau diese Medikamente sogar vor einem Lungenversagen schützen könnten, zum anderen dürfe nicht unterschätzt werden, dass das Absetzen von Blutdrucksenkern zu hohen Gesundheitsrisiken führt." 

Diabetiker: auf stabile Zuckereinstellung achten

Eine weitere Risikogruppe sind laut dem RKI Diabetiker. So zeigen beispielsweise Daten aus Italien und China, dass unter den Menschen mit schweren Covid-19-Verläufen viele an Diabetes litten. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) empfiehlt darum Betroffenen eine stabile Zuckereinstellung, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Die Deutsche Diabetes-Hilfe weist jedoch auch darauf hin, dass ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 vor allem bei den Menschen bestünde, die zusätzliche Begleiterkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.

Leberkranke: unterschiedliche Aussagen

Unterschiedliche Aussagen liegen für das Risiko von Leberkranken vor. So nimmt das RKI Patienten mit chronischen Lebererkrankungen in die Risikogruppe für schwere Verläufe auf. Berichte aus China, Italien sowie dem Universitätsklinikum Hamburg widersprächen dem jedoch, erklärt die Deutsche Leberhilfe auf ihrer Website. Laut diesen Berichten sind bei Leberkranken bislang nicht häufiger schwere Lungenerkrankungen durch Covid-19 bekannt als in der Allgemeinbevölkerung.

Darüber hinaus warnt die Deutsche Leberhilfe Betroffene, die Immunsuppressiva oder andere Medikamente einnehmen müssen, davor, diese eigenständig abzusetzen. Schwere Schäden könnten die Folge sein.

Krebspatienten: Gefahr durch ein schwaches Immunsystem

Eine andere Patientengruppe, die oft bereits ohne SARS-CoV-2-Infektion auf langwierige medizinische Betreuung angewiesen ist, sind Krebskranke. Das RKI ordnet sie pauschal der Risikogruppe zu. Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) beschreibt die Problematik detaillierter. Grund für die Einstufung als Risikogruppe ist demnach, ähnlich wie bei alten Menschen, ein bereits geschwächtes Immunsystem. Das sei beispielsweise der Fall, wenn Krebspatienten nur wenig Antikörper im Blut haben oder langfristig Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken.

Trotzdem rät die DGHO Krebspatienten davon ab, eine geplante Krebstherapie zu verschieben. Denn in der Regel überwiege der Nutzen der Behandlung das Risiko einer möglichen Corona-Infektion. Lediglich Patienten mit einer gut beherrschbaren Krebserkrankung sollten Rücksprache mit dem behandelnden Arzt halten, ob es sinnvoll sei, die Therapie zu verschieben.

Was der Lunge schadet, erhöht das Risiko

Wer die Berichterstattung in den vergangenen Tagen und Wochen aufmerksam verfolgt hat, dem dürfte hinsichtlich der Vorerkrankungen außerdem folgendes aufgefallen sein: Alles, was der Lunge schadet, ist eher suboptimal. So etwa Rauchen. Noch immer weiß niemand genau, warum Männer anfälliger für eine SARS-CoV-2-Infektion zu sein scheinen als Frauen. Rauchen gilt jedoch als einer der Gründe. Aus China ist beispielsweise bekannt, dass dort vor allem die Männer rauchen. Ähnlich verhält es sich im Iran, in Italien und Südkorea.

Raucher sind außerdem generell anfälliger für Lungenerkrankungen. Dabei gilt allgemein: Je mehr Zigaretten, umso höher das Risiko. Doch selbst wer weniger als 20 Zigaretten täglich raucht, riskiert eine Lungenfunktionsstörung. 

Untersuchungen aus China zeigen, dass Raucher auch häufiger schwer an Covid-19 erkranken. Warum genau, ist bislang noch nicht erforscht. Professor Michael Pfeifer, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) vermutet gegenüber dem Deutschlandfunk, dass es an der Schädigung der sogenannten Flimmerhärchen in den Atemwegen liegt. Diese sorgen dafür, dass beispielsweise Staubteilchen und Bakterien abtransportiert werden und die Atemwege nicht belasten. Funktioniert dieser Prozess nicht mehr richtig, haben es Viren leichter, sich über die Atemwege im Körper auszubreiten.

Der Virologe Christian Drosten bringt die Schlussfolgerung daraus im NDR-Podcast auf den Punkt: "Es ist sicherlich immer ein guter Zeitpunkt, um mit dem Rauchen aufzuhören, aber jetzt wahrscheinlich ein besonders guter." Denn die gute Nachricht ist: Die Flimmerhärchen können sich in vielen Fällen mit der Zeit auch wieder erholen.

Asthma: Wer gut eingestellt ist, sollte nichts ändern

Neben Rauchern zählt das RKI auch Asthmatiker zur Risikogruppe. Im Netz wurde in dem Zusammenhang vor allem über die Einnahme von Kortison-Präparaten diskutiert, da diese das Immunsystem schwächen. Trotzdem empfehlen Experten nicht, aufgrund von Corona jetzt die Therapien zu ändern. Laut Drosten gibt es dafür schlicht keine wissenschaftliche Evidenz. Jemand, der als Asthmatiker gut eingestellt ist, solle gar nichts machen.

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin sieht im Fall einer Änderung der Therapien die Gefahr, dass sich das Asthma dadurch so verschlechtern kann, dass es unnötige Arztbesuche notwendig macht. Diese Situation sei für den einzelnen Patienten viel bedrohlicher, als ein möglicherweise erhöhtes Risiko bei einer Infektion mit SARS-CoV-2. 

Autoimmunerkrankungen

Auch Patienten mit Autoimmunerkrankungen wie entzündlichem Rheuma oder Multipler Sklerose gehören nach RKI-Angaben durch das Vorliegen einer Grunderkrankungen grundsätzlich zur Risikogruppe, da sie anfälliger für Infektionen sind.

Laut der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sind MS-Erkrankte, die keine immunmodulierende Therapie erhalten beziehungsweise mit Interferon beta oder Glatirameracetat behandelt werden, grundsätzlich nicht stärker gefährdet als gleichartige gesunde Personen.

Bestehe allerdings eine Behinderung - ist also ein Patient bettlägerig oder auf einen Rollstuhl angewiesen - sei das Risiko generell für Atemwegsinfektionen durch eine eingeschränkte Belüftung der Lunge erhöht. "Das bedeutet zwar nicht, dass das Infektionsrisiko höher ist als bei Gesunden, aber das Risiko, bei einem Kontakt mit dem Corona-Virus schwer zu erkranken, ist höher", schreibt die DMSG.

Konkrete Zahlen zur Gefährdung dieser Patientengruppen liegen derzeit nicht vor. In keinem Fall sollten Patienten aber Medikamente ohne Rücksprache mit ihrem Arzt absetzen.

Pollenallergiker: kein erhöhtes Risiko

Eine gute Nachricht gibt es für Menschen, die unter Heuschnupfen leiden. Hier sehen Fachleute keine erhöhte Gefahr für einen schweren Verlauf von Covid-19. Denn Heuschnupfen ist keine Immunschwäche, sondern eine verstärkte Abwehrreaktion gegen bestimmte Pollen. Für Allergiker besteht darum kein Grund, ihre Medikamente zu ändern oder abzusetzen. Immuntherapien wie Hyposensibilisierungen können ebenfalls weiter durchgeführt werden. 

Gefährlich kann es allerdings dann werden, wenn es bei schlecht eingestellten Allergikern zu einem sogenannten "Etagenwechsel" kommt, also einer Beteiligung der Lunge. Das kann das Risiko eines schweren Verlaufs erhöhen. Bei einer reinen Pollenallergie ist das aber nicht der Fall.

Menschen mit Behinderungen

Eine Gruppe von Risikopatienten geht in der Berichterstattung zudem oft unter: Menschen mit Behinderungen. Sie sind unterschiedlich alt, unterschiedlich stark betroffen und fallen deshalb oft durchs Raster der obigen Kategorien. In sozialen Netzwerken haben viele von ihnen darum in den vergangenen Tagen unter dem Hashtag #Risikogruppe dazu aufgerufen, für sie zuhause zu bleiben.

Manche von ihnen sind gefährdet, weil sie unterhalb der Halswirbelsäule gelähmt sind und deshalb nur schlecht abhusten können. Andere haben ein verringertes Lungenvolumen oder eine Muskelerkrankung. Für sie ist das Virus damit eine tödliche Gefahr.

Um all diese Menschen, die zur Risikogruppe gehören, zu schützen, ist es darum wichtig, sich an die Vorsichtsmaßnahmen zu halten. Das heißt: Abstand beachten, Hände waschen, unnötige Kontakte vermeiden und sich im Zweifelsfall in freiwillige Quarantäne begeben. 

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