Fake News | Bildquelle: HARISH TYAGI/EPA-EFE/REX

Coronavirus Nicht jedes Gerücht ist eine Fake News

Stand: 18.03.2020 14:56 Uhr

Die Ausbreitung des Coronavirus wird begleitet von einer Flut von Gerüchten und falschen Informationen. Politiker denken nun sogar über neue Gesetze nach, um das Problem einzudämmen. Doch nicht jedes Gerücht ist eine Fake News.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius hat ein härteres Vorgehen gegen Falschnachrichten und Halbwahrheiten gefordert. "Fake News zur Versorgungslage in Zeiten der Coronakrise sind brandgefährlich", sagte der SPD-Politiker dem "Spiegel". "Sie können Panik, Hamsterkäufe und Konflikte auslösen und sind daher auf das Schärfste zu verurteilen. Daher müssen wir mit Bußgeldern oder sogar Strafandrohungen abschrecken", verlangte Pistorius.

Es müsse verboten werden, öffentlich unwahre Behauptungen über die Versorgungslage der Bevölkerung, die medizinische Versorgung oder Ursachen, Ansteckungswege, Diagnose und Therapie der Erkrankung Covid-19 zu verbreiten.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht forderte die Betreiber sozialer Netzwerke auf, mehr gegen Falschmeldungen zu unternehmen. "Sie müssen vertrauenswürdige und relevante Informationen klar priorisieren, Fake News schnell erkennen und löschen und Accounts blockieren, die diese verbreiten", sagte Lambrecht.

Insbesondere über Messenger-Dienste haben sich in den vergangenen Tagen zahlreiche Gerüchte und falsche Informationen verbreitet. WhatsApp kündigte daher nun "wichtige Schritte" an, um dies einzudämmen: In einem neuen "Coronavirus Informations-Hub" stellt WhatsApp einfache Leitlinien zur Nutzung des Dienstes für verschiedene Personengruppen zur Verfügung - in verschiedenen Sprachen. Zudem fördere WhatsApp ein internationales Faktencheck-Netzwerk. WhatsApp steht beispielsweise in Indien schon seit Monaten unter Druck, weil über den Dienst massenhaft Falschmeldungen verbreitet wurden.

WhatsApp gehört zu Facebook, das ebenfalls versucht, gegen Falschinformationen vorzugehen. Dabei gibt es allerdings Probleme. So schränkte Facebook in den USA versehentlich die Inhalte von großen Medien wie Buzzfeed oder USA Today ein.

Was sind Fake News?

Ohnehin stellt sich die Frage, was mit Fake News genau gemeint ist. Der Begriff ist umstritten, da unpräzise. Und tatsächlich können sich insbesondere in einer dynamischen Situation Behauptungen über Nacht als wahr heraustelen, die zuvor noch falsch erschienen.

Auf ein aktuelles Beispiel wies das Magazin "Übermedien" hin: Das Bundesgesundheitsministerium hatte am 14. März getwittert, es kursierten Fake News über angebliche Pläne zur Einschränkung des öffentlichen Lebens.

In den folgenden Tagen sind dann aber sehr wohl weitreichende Maßnahmen verkündet worden, die das öffentliche Leben und Grundrechte drastisch einschränken. Auf Anfrage zu dem Tweet hat sich das Ministerium bislang nicht geäußert. Es lässt sich allerdings vermuten, dass bestimmte Maßnahmen, die vor wenigen Tagen noch undenkbar erschienen, dann aber doch reale Optionen geworden sind. Wer hätte schon vor zehn Tagen gedacht, in Deutschland werde bald ernsthaft über einen kompletten Shutdown diskutiert?

Verwirrung um Ibuprofen

Auch die Warnungen vor Ibuprofen sind ein Beispiel dafür, dass Gerüchte nicht unbedingt gezielte Falschmeldungen sind. So hatte eine unbekannte Frau in einer Sprachnachricht behauptet, die Uni Wien habe bei einigen Tests herausgefunden, dass die Einnahme von Ibuprofen zu einem schweren Verlauf von Covid19 führe.

Da sich die Nachricht massenhaft verbreitete, sah sich die Uni Wien genötigt, die Behauptung zu dementieren. Allerdings wiesen einige Experten darauf hin, es gebe zwar keine Belege, aber zumindest Hinweise, die darauf deuteten, dass entzündungshemmende Wirkstoffe wie in Ibuprofen ein Faktor für einen schweren Verlauf von Covid19 sein könnten. Andere Experten halten das wiederum für pure Spekulation. Dennoch sprach die WHO die Empfehlung aus, bei einem Verdacht auf eine Corona-Infektion eher Paracetamol als Ibuprofen zu nehmen. Das gelte aber nur für die Einnahme ohne ärztlichen Rat.

"Wahrheitsministerium"

Bereits diese beiden Beispiele zeigen, dass man mit dem Vorwurf "Fake News" vorsichtig sein sollte. In den vergangenen Jahren sind allerdings zahllose bewusst irreführende Inhalte verbreitet worden, zumeist im politischen Kontext, darunter Verschwörungstheorien und Hetze. Doch in der derzeitigen unübersichtlichen und sich dramatisch schnell wandelnden Lage ist nicht jedes Gerücht, das kursiert, gleichzusetzen mit gezielten Falschmeldungen oder orchestrierten Kampagnen zur Desinformation.

Angesichts der ohnehin bereits weitreichenden Eingriffe in die Grundrechte, so wie sie in der Bundesrepublik bislang einmalig sind, erscheinen neue Gesetze gegen Gerüchte besonders zweifelhaft. Wer darüber entscheiden sollte, was eine zulässige Meinungsäußerung und was gezielte Falschmeldung ist, bleibt dabei ebenfalls vollkommen unklar. Aus Kreisen der Bundesregierung ist bei solchen Themen stets größte Zurückhaltung zu vernehmen, da man keinesfalls den Eindruck erwecken möchte, es solle ein "Wahrheitsministerium" aufgebaut werden.

Aufklärung

Sowohl bei der Eindämmung der Pandemie als auch der Bekämpfung von Gerüchten und Falschmeldungen ist vielmehr jede und jeder einzelne mitverantwortlich. Unabhängige Medien versuchen, über Gerüchte und falsche Informationen aufzuklären - so beispielsweise der ARD-faktenfinder der tagesschau, der BR-faktenfuchs, die "Süddeutsche Zeitung", "Mimikama", die dpa, "Correctiv", "Der Spiegel", "t-online" und viele weitere.

Solche Faktenchecks können zwar nicht alle Falschmeldungen einfach aus der Welt schaffen, aber darüber aufklären, wie man solche erkennen kann. Gesetze, die die Meinungsfreiheit möglicherweise einschränken, lösen das Problem hingegen nicht und dürften rechtsstaatlich außerdem höchst problematisch sein.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

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