Durch Feuer zerstörte Mobilfunkanlage in Großbritannien (Archivbild) | Bildquelle: AFP

Corona-Verschwörungsmythen 5G unter Feuer

Stand: 03.06.2020 06:02 Uhr

In der Corona-Krise wird das Gerücht verbreitet, das neue 5G-Netz könnte zur Pandemie beitragen oder sogar dafür verantwortlich sein. Eine Folge: zahlreiche Anschläge auf die Mobilfunk-Infrastruktur.

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

Über den neuen Mobilfunkstandard 5G gibt es zahlreiche Verschwörungsmythen: So soll er "Gedankenkontrolle" ermöglichen, Massensterben bei Tierarten oder Krebs bei Menschen auslösen. Auch für die Corona-Pandemie soll er verantwortlich sein - entweder durch eine Schwächung des Immunsystems oder sogar als Auslöser von Covid-19.

Zwar sind solche Behauptungen längst widerlegt - auch existieren in vielen Ländern mit Corona-Fällen gar keine 5G-Netze, zum Beispiel im Iran. Die Technologie musste allerdings schon für viele Verschwörungsmythen herhalten, die durch die Corona-Krise noch weitere Verbreitung erfuhren.

Eine Folge: In mehreren Ländern gab es Anschläge auf Mobilfunk-Infrastruktur. Besonders betroffen war Großbritannien. Dort verbreitet unter anderem der Astrophysiker Piers Corbyn, Bruder des Ex-Labourchefs Jeremy Corbyn, entsprechende Theorien.

Piers Corbyn mit Polizisten | Bildquelle: dpa
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Der Astrophysiker Corbyn, hier nach seiner Festnahme während einer Demonstration, gehört in Großbritannien zu den aktivsten Verbreitern von Verschwörungsmythen.

In dem Vereinigten Königreich wurden über Wochen hinweg fast täglich Brandstiftungen an Mobilfunkmasten verübt, von denen viele gar keine 5G-Antennen installiert hatten. Auch in den Niederlanden, Frankreich, Italien und anderen Ländern wurden Anlagen in Brand gesetzt.

NIcht die ersten Anschläge

Das Phänomen selbst ist nicht neu: Seit Jahren rufen diverse extreme Gruppen aus unterschiedlichen Motiven zu Anschlägen auf kritische Kommunikationsinfrastruktur auf. Die Anlagen sind oft einfach zu finden und befinden sich an einsamen Orten, sind daher schwer zu bewachen. Das Risiko ist für die Täter somit gering, der erzielte Effekt umso größer. Neben Mobilfunk- und Datenleitungen werden dabei insbesondere auch Anlagen von Bahn- und Verkehrsbetreibern ins Visier genommen.

Unterschiedliche Motive

Manchmal sind es rein kriminelle Motive: Zum Beispiel, wenn vor einem Raub Telekommunikationsinfrastruktur zerstört wird, um die Polizeialarmierung beziehungsweise die Fahndung zu erschweren oder schlicht und einfach Anlagenteile, insbesondere teure, aber leicht verkaufbare Kupferkabel, gestohlen werden.

In diesem Jahr forderte eine linksextreme Gruppe im Internet dazu auf, Mobilfunkanlagen "abzufackeln", um gegen eine "vernetzte, smarte und vollständig kontrollierbare Welt" vorzugehen. Dabei wurde auch versucht mit einer diffusen Motivation "Verschwörungstheoretiker*innen" mit ins Boot zu holen, obwohl einige von diesen laut des Pamphlets "wohl wilde Theorien bezüglich 5G haben".

Hintergrund oft nicht feststellbar

In den vergangenen Monaten gab es mehrere Anschläge auf Anlagen im Münchner Raum. Auch ein Sendemast des Bayerischen Rundfunks war betroffen. Der Staatsschutz ermittele und prüfe mögliche Zusammenhänge der Taten, so ein Sprecher des Polizeipräsidiums München gegenüber tagesschau.de. Erkenntnisse über Täter und Motiv gebe es aber bisher nicht.

Eine ähnliche Serie gab es im Raum Bonn: Hier brannte es seit Ende November 2019 in fünf Sendeanlagen. Wie ein Polizeisprecher gegenüber tagesschau.de bestätigte, gab es auch hier in keinem der Fälle Bekenntnisse oder Hinweise auf die Motivation der Täter.

Anschlag als "Notwehr"

Anders sieht es bei einem Fall in Wilhelmshaven aus: Dort zerschnitt ein Mann im April die Kabel eines Mobilfunkmastes, da er durch die 5G-Strahlung um seine Gesundheit fürchtete. Er stellte ein Video seiner Tat ins Internet und forderte andere zu Anschlägen auf, wurde aber daraufhin festgenommen und vorübergehend in die Psychiatrie eingewiesen.

In entsprechenden Kreisen werden solche Tat als "Notwehr" zur Erhaltung der Gesundheit gefeiert. Tatsächlich haben sie jedoch nicht selten einen gegenteiligen Effekt: So wurde durch die Zerstörung eines Funkmastes in Birmingham auch die Kommunikation des nahegelegenen Krankenhauses beeinträchtigt. Brandstifter schreckten zudem mehrfach nicht davor zurück, Anlagen auf oder in bewohnten Gebäuden anzuzünden, was Leib und Leben der Bewohner gefährdet.

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