"Die Lunge der Welt": Der Schutz des Regenwaldes in Brasilien ist für Minister Müller gleichbedeutend mit Klimaschutz. | Bildquelle: AFP

Regenwald-Rodung Bolsonaros "alternative Fakten"

Stand: 23.07.2019 08:13 Uhr

Alarmierende Zahlen zur Regenwald-Rodung bringen Brasiliens Präsidenten Bolsonaro in Rage. Er spricht von Lüge und ausländischer Einflussnahme. Das Problem: Die Daten kommen von brasilianischen Wissenschaftlern.

 Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

"Abholzung fast verdoppelt" - diese Schlagzeile geht in diesen Wochen um die Welt. Allein im Juni wurde in Brasilien die Fläche der Insel Rügen gerodet. Das entspricht einer Steigerung um 88 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Internationale Medien schlagen Alarm - sehr zum Ärger des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Der hat sich immer für die wirtschaftliche Ausbeutung des Amazonasgebiets ausgesprochen und will sich von niemandem reinreden lassen. "Ihr müsst erst einmal verstehen, dass das brasilianische Amazonas-Gebiet nicht euch gehört", sagte er mit Blick auf die neuen Zahlen zur Abholzung.

Bolsonaro | Bildquelle: REUTERS
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Präsident Bolsonaro bezichtigt den Chef einer staatlichen Behörde der Lüge.

Deutliche Kritik an Deutschland

Und es gibt ein Land, von dem er sich erst recht nichts vorschreiben lassen will - nämlich Deutschland. "Ich sage hier nochmal - wir bewahren mehr Wald als alle anderen - kein anderes Land der Welt sollte über Amazonien reden. Ihr habt ja eure Ökosysteme schon zerstört." Brasilien gehe nicht denselben Weg, sagt Bolsonaro. "Aber trotzdem wollen uns alle Vorschriften machen. Zum Beispiel die Deutschen: Die produzieren Strom mit fossilen Brennstoffen wie Öl und Kohle - aber hier haben wir kaum Kohle. Wir sind ein Vorbild für euch."

Harte Fakten aus dem eigenen Land

Doch die alarmierenden Zahlen zur Abholzung kommen nicht aus dem Ausland oder aus der linken oder grünen Ecke, wo Bolsonaro seine Gegner wittert. Die Daten kommen von einer staatlichen Stelle, dem brasilianischen Institut für Weltraumforschung, kurz INPE. Dieses Institut wertet täglich hochauflösende Satellitenbilder aus dem Amazonas-Gebiet aus. Dabei werden verschiedene Systeme kombiniert, so dass selbst in der Regenzeit, wenn große Teile des Gebiets unter Wolken liegen, noch Daten erfasst werden können.

Satellitenbild des Regenwald (Quelle: Brasilianisches Institut für Weltraumforschung, INPE)
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Mit Satellitenbildern dokumentiert das brasilianische Institut für Weltraumforschung die Abholzung

Bolsonaro beschuldigt eigene Wissenschaftler

Doch Bolsonaro wirft dem Institut kurzerhand vor, im Auftrag ausländischer NGOs falsche Daten zu verbreiten. Nicht-Regierungsorganisationen aus dem Ausland - wie Greenpeace oder der World Wildlife Fund, sind Lieblingsfeindbilder Bolsonaros: "Das ist doch ein alter Hut. Wer sitzt denn an der Spitze des INPE? Der muss diese Daten erklären, die er an die internationale Presse verschickt. Wir haben das Gefühl, dass das nicht stimmen kann. Es sieht so aus, als würde er für irgendeine NGO arbeiten. Das kommt ja öfter vor."

Bolsonaro diffamiert also anerkannte Wissenschaftler und stellt den Daten und Fakten seine Gefühle entgegen - frei nach seinem Vorbild Donald Trump, der messbaren Tatsachen gerne seine "alternativen Fakten" entgegen stellt.

Luftbild eines Abholzungsgebietes im Regenwald | Bildquelle: REUTERS
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Das Luftbild der brasilianischen Umweltbehörde zeigt illegale Abholzungsgebiete im Amazonas-Regenwald.

Institutsleiter spricht von "Stammtischgeschwätz"

Der Angegriffene, Ricardo Osório Galvão, Präsident des Instituts für Weltraumforschung, reagierte scharf: "Bolsonaros Benehmen respektiert die Würde und die Sitten des Präsidentenamtes in keiner Weise. Besonders wenn er mit der Presse spricht, aber auch sonst, redet er wie man eigentlich nur am Stammtisch redet. Ja, ich betone es: Das ist Stammtischgeschwätz." Das habe ihn sehr erschreckt.

Die Folge war ein Aufschrei. In einem offenen Brief stellten sich die brasilianische Akademie der Wissenschaften, Forschungs- und Hochschulverbände hinter das Institut für Weltraumforschung. Das INPE erhebe seine Daten in hohem Maß transparent, die Präzision liege bei über 95 Prozent.

Mit anderen Worten: An der dramatischen Zunahme der Rodungen im Amazonasgebiet ist nicht zu rütteln. Inzwischen musste selbst Bolsonaro ein Stück zurückrudern. Er wirft Osorio Galvão inzwischen nur noch vor, die Regierung nicht vorgewarnt zu haben, bevor er die erschreckenden Daten veröffentlicht habe.

 

Bolsonaros "alternative Fakten" - Streit um Zahlen zur Regenwald-Rodung
Ivo Stephan Marusczyk, ARD Buenos Aires
22.07.2019 17:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 23. Juli 2019 um 04:20 Uhr.

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