Himmel mit Wolken und Schornstein. | via REUTERS

Bericht zu Treibhausgasen Warum CO2 aus der Luft gefiltert werden muss

Stand: 19.01.2023 02:34 Uhr

Den Ausstoß von Kohlendioxid zu begrenzen, wird nicht ausreichen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Stattdessen muss langfristig auch CO2 aus der Atmosphäre "eingefangen" werden - vor allem mit neuen Technologien.

Von Pascal Kiss, SWR

"CO2-Entnahmen sind eine Notwendigkeit, sie werden nicht vom Himmel fallen", sagt Klimaforscher Jan Minx. In Zukunft müsse viel Kohlendioxid aus der Atmosphäre entnommen werden, ist sich der Experte sicher. So will Deutschland ab 2045 nicht nur klimaneutral sein, sondern wenige Jahre später sogar CO2 der Atmosphäre entziehen. So steht es im deutschen Klimaschutzgesetz: "Negative Treibhausgasemissionen" sollen ab 2050 erreicht werden.

"Das übersehen viele Leute, aber Mitte des 21. Jahrhunderts werden CO2-Entnahmen den Klimaschutz dominieren", prognostiziert Minx. Darüber müssten wir schon heute nachdenken. 

Es gehe um eine der größten Herausforderungen der Menschheit, sagen Fachleute. "Doch gerade sind wir erst ganz am Anfang", findet Klimaforscher Minx, Mitautor des ersten Berichts zur weltweiten Bestandsaufnahme der CO2-Entnahmen ("The State of Carbon Dioxide Removal"). Laut dem Bericht muss der Atmosphäre durch neue Technologien deutlich mehr Kohlendioxid entzogen werden als heute.  

Wälder und Moore können nicht genügend CO2 speichern 

Aktuell wird CO2 aus der Atmosphäre vor allem durch Aufforstung, also neue Wälder, und durch wiedervernässte Moore gespeichert - etwa zwei Gigatonnen pro Jahr. Doch schon bis 2050 müsste laut dem Bericht doppelt so viel CO2 aus der Atmosphäre gebunden werden, wenn das Klimaziel von einer Erwärmung um maximal 1,5 Grad eingehalten werden soll. 

Beim Zwei-Grad-Ziel müsste immerhin 50 Prozent mehr CO2 aus der Atmosphäre geholt werden als heute. Das könne durch neue Wälder und Moore allein nicht funktionieren, sagt Klimaforscher Minx und sieht auch schon kleine Steigerungen als große Herausforderung: "Wir haben im Moment keinen Plan dafür."

Wenn aber in Zukunft wirklich große CO2-Mengen der Atmosphäre entzogen werden, könnte das dazu beitragen, den Klimawandel abzuschwächen. Laut dem Bericht rechnen sogar die meisten Klimamodelle fest damit. Und wenn die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden sollen, müssen laut dem Bericht langfristig neue Technologien eingesetzt werden, die viel mehr Kohlendioxid speichern können. 

Mit Ventilatoren CO2 filtern? 

Viele neue Technologien werden gerade noch im Labor getestet. Aber vor allem in den vergangenen zwei Jahren hat es laut dem Bericht einen großen Innovationsschub gegeben. Viel Aufmerksamkeit bekommen sogenannte Direct-Air-Capture-Anlagen. Mit Ventilatoren und Filtern wird das CO2 aus der Luft geholt und reagiert dann später im Boden zusammen mit Wasser und Basalt - ein festes Gestein entsteht.  

"Momentan sind das nur einige tausend Tonnen, die jedes Jahr mit eingefangen werden", sagt Forscher Minx. Eine bereits bestehende Anlage auf Island kann gerade mal den jährlichen CO2-Ausstoß von 500 Deutschen ausgleichen. Für 2025 plane das isländische Unternehmen Carbon Engineering aber ein Eine-Million-Tonnen-Kraftwerk, sagt Minx: "Es wäre das erste in solch einem industriellen Maßstab." 

Viele Technologien stehen noch am Anfang 

Noch sind die Anlagen zur direkten CO2-Entnahme sehr teuer und brauchen viel Energie aus erneuerbaren Quellen. Aber auch mit Pflanzenkohle oder Bioenergieanlagen mit CO2-Speicherung könnte in Zukunft viel Kohlendioxid gebunden werden. Aktuell werden die meisten Verfahren aber erst im Labor getestet: "Die gibt es noch fast gar nicht", sagt Minx. Nur zwei Millionen Tonnen CO2 könnten derzeit durch alle neuen Technologien gespeichert werden.    

Wer klimaneutral sein möchte, muss CO2 abbauen 

Auch das ehrgeizigste Land der Welt wird Mitte des Jahrhunderts nicht ganz auf Treibhausgasemissionen verzichten können. Doch noch hätten die Staaten überhaupt keine Pläne, sagt Oliver Geden vom Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit: "Regierungen, insbesondere diejenigen, die Netto-Null-Ziele beschlossen haben, müssen klären und müssen öffentlich sagen, wie viel CO2-Entnahme sie machen wollen." Aber genau diese Frage werde bisher nicht beantwortet.

CO2-Speicherungen in Deutschland verboten 

Aktuell sind viele Speichertechnologien in Deutschland durch das Kohlendioxid-Speichergesetz verboten, und das werde sich wohl auch nicht so schnell ändern, sagt Sozialwissenschaftler Geden. Deshalb werde Deutschland in der ersten Phase der Atmosphäre entnommenes Kohlendioxid exportieren müssen. "Wie sich diese Debatte langfristig entwickelt, ist bislang aber schwer zu sagen. Aus der Sicht der Wissenschaft ist auch da egal, wo das CO2 eingelagert wird", sagt Geden.

Langfristig könnte Deutschland den eigenen CO2-Müll auch im eigenen Land speichern: Noch gebe es in Deutschland aber insgesamt viele Vorbehalte, sagt Christine Merk vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel: "Heute sind die meisten noch abgeschreckt von den Methoden." In Zukunft könnten wir uns mit CO2-Maßnahmen zumindest teilweise von einer Schuld freikaufen: "Das wird interessant sein, die Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten zu beobachten", sagt Merk. 

Hoffen auf Innovationen

Die Innovationen im Bereich der CO2-Entnahme haben laut dem Bericht in den vergangenen zwei Jahren deutlich zugenommen. Doch noch braucht es eine große politische Anschubhilfe. Etwa 120 Regierungen möchten langfristig klimaneutral sein. Ganz auf CO2-Emissionen wird aber wahrscheinlich niemand in diesem Jahrhundert verzichten können.

Umso wichtiger sind Aufforstungen, aber auch die Förderung neuer Technologien, um Kohlendioxid langfristig zu binden. Jede Tonne weniger CO2 helfe, den Klimawandel zumindest ein bisschen zu bremsen, so die Hoffnung des Forschungsteams. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 19. Januar 2023 um 06:45 Uhr.