Das Moorauge, eine Wasserstelle im Schwarzen Moor | picture alliance/dpa
Hintergrund

Biotop und CO2-Speicher Weshalb Moore so wichtig für das Klima sind

Stand: 09.11.2022 18:42 Uhr

Die Moore dieser Welt speichern mehr CO2 als alle Wälder zusammen. Deshalb ist es extrem wichtig, sie zu schützen, sagen Experten - und trockengelegte Areale wieder zu vernässen. Ein wichtiger Anreiz könnte dabei das Paludifarming sein.

Von Alexander Steininger, tagesschau.de

Deutschland hat sich ambitionierte Klimaziele gesetzt - droht diese jedoch zu verfehlen. Dabei liegt ein Mittel für schnellen und effektiven Klimaschutz sozusagen direkt vor der Tür: Moore. Sie sind extrem effiziente Kohlenstoff-Speicher, wie der Biologe Ralf Reski von der Uni Freiburg erklärt: "Moore haben weltweit etwa doppelt so viel CO2 gespeichert wie alle Wälder - inklusive des Amazonas und anderer Regenwälder - zusammen."

Dabei bedecken diese Feuchtgebiete nur etwa drei Prozent der Landfläche der Erde. Wälder machen dagegen rund 30 Prozent aus. Laut Naturschutzbund findet sich in einem Hektar Moor mit einer 15 Zentimeter dicken Torfschicht in etwa so viel Kohlenstoff wie in einem hundertjährigen Wald auf gleicher Fläche.

Torf - Rohstoff der Landwirtschaft

Diese enorme Speicherkraft kommt durch die verschiedenen Torfmoose zustande, die auf den Nassflächen wachsen. Diese nehmen über Photosythese das Kohlenstoffdioxid aus der Luft auf, und wachsen weiter, während die älteren, unter dem Wasserspiegel liegenden Pflanzenteile absterben. Dort wird im Laufe der Jahre unter Sauerstoffausschluss aus den Pflanzenresten Torf - ein begehrter Rohstoff in der Landwirtschaft.

Er kann große Mengen Wasser speichern und wird deswegen beispielsweise Blumenerde beigemischt oder als Nährsubstrat in der Pflanzenzucht verwendet. Zierpflanzen, Salat, Gemüse - nahezu jeder Setzling im professionellen Gartenbau wächst heute noch auf Torferde heran.

Über 90 Prozent der Moore sind entwässert

Diese Eigenschaften der Moore sind jedoch Segen und Fluch zugleich. Denn wenn sie trockengelegt werden, entweicht das in Ihnen gebundene CO2 und zudem Lachgas, das über 300 Mal klimaschädlicher ist, wieder in die Atmosphäre - sie schützen dann das Klima nicht mehr, sondern heizen die Erderwärmung weiter an. Hier steht Deutschland besonders schlecht da: Von den ursprünglich rund 1,5 Millionen Hektar Moor in Deutschland - das entspricht 4,2 Prozent der Fläche des Landes - gelten mehr als 90 Prozent als entwässert. Sie verursachen pro Jahr rund 50 Millionen Tonnen CO2. Das entspricht fast sieben Prozent aller Emissionen in Deutschland.

Zumeist werden die Moore trockengelegt, um sie als Wald oder als Weiden zu nutzen, etwa für Rinderzucht - was das Klima zusätzlich belastet. Zudem sind trockene Moore besonders durch Brände bedroht. "Wenn Torflandschaften einmal in Brand geraten, können sie teilweise jahrelang weiterkokeln, weil die Substanz nach unten geht", sagt Biologe Reski. Das habe man in Sibirien gesehen, aber auch in Niedersachsen 2018, als die Bundeswehr bei einer Übung eine Torflandschaft in Brand setzte: Über Wochen hinweg brannte es auf rund zehn Quadratkilometern.

"Jährlich 50.000 Hektar wieder herstellen"

Experten wie der Moor-Forscher Hans Joosten von der Uni Greifswald fordern daher, umgehend Moore wieder zu vernässen. "Deutschland muss jährlich 50.000 Hektar wieder herstellen", sagte er im Deutschlandfunk. Sonst seien die Klimaziele des Pariser Abkommens nicht zu erreichen. Den Aktionsplan der Bundesregierung begrüßen beide Forscher daher ausdrücklich. "Das ist ein wichtiges Projekt, das zu lange vernachlässigt wurde", sagt Reski. Wichtig sei allerdings, so Joosten, das das Tempo der Vernässung deutlich steige. Da seien die Pläne der Regierung zu unambitioniert.

Bei dem Projekt gibt es jedoch ein großes Problem: Der Großteil der Moorflächen in Deutschland ist in privatem Besitz. "Deshalb braucht es einen Anreiz für Landwirte, ihre Weiden wieder zurück in Moore zu verwandeln", so Reski. Sonst würden diesen einfach nur Verluste entstehen.

Paludifarming als Lösung

Die Lösung lautet für die Forscher daher: Paludifarming. Das Konzept wurde an der Universität Greifswald mit dem Ziel entwickelt, Schutz und Nutzung von Mooren in Einklang zu bringen. So können beispielsweise bestimmte Moosarten identifiziert werden, die besonders schnell wachsen. Diese könnten nach wenigen Jahren geerntet werden und als Weißtorf verkauft werden - der in der Pflanzenzucht als Nährsubstrat eingesetzt wird. Das könne den Landwirten Einnahmen bringen und gleichzeitig den Verbrauch von "echtem" Torf - für den Moore vor allem im Ausland nach wie vor abgebaut werden - reduzieren.

Eine weitere Möglichkeit wäre es, zum Beispiel Wasserbüffel auf diesen Flächen grasen zu lassen. Durch die spezielle Form ihrer Klauen können sie auch dauerhaft auf nassen Böden stehen. Oder es ließe sich Schilf anbauen, der vor allem in Norddeutschland für Reetdächer benötigt wird. Es gibt noch viele weitere Ideen, allerdings dürfte es noch einige Jahre dauern, bis sich ökologisch und ökonomisch stabile Konzepte für die Nutzung von Mooren durchsetzen, räumt Reski ein.

Lebensraum für viele Arten

Doch nicht nur der Klimaschutz, auch die Artenvielfalt könnte dann profitieren. Denn in den Feuchtgebieten wachsen eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren, die es in Wäldern oder auf Wiesen in der Zahl nicht gibt: Libellen, seltene Pflanzen wie Venusfliegenfallen oder Sonnentau, Frösche und andere Amphibienarten, und natürlich Vögel, wie die Sumpfohreule und der Brachvogel. Damit wäre dem Klima und der Umwelt geholfen - oder wie es Biologe Reski etwas salopp formuliert: "Moor muss nass."

Sonnentau

Die Fleisch fressende Pflanze Sonnentau ist in Mooren zu finden. Durch den Verlust des Lebensraumes ist sie allerdings selten geworden.