Eine Herde Davidshirsche, auch als Milu bezeichnet, stehen an einem Wasserloch im Dafeng Milu Nationalen Naturschutzgebiet in China. | picture alliance/dpa/XinHua

Weltnaturkonferenz Was bringt das "30x30"-Ziel wirklich?

Stand: 15.12.2022 03:54 Uhr

Ein großes Ziel der UN-Biodiversitätskonferenz ist es, bis 2030 weltweit 30 Prozent der Landes- und Meeresfläche unter Naturschutz gestellt zu haben. Doch Experten streiten, was das für den Artenschutz bringt.

Von Simon Plentinger, BR

Auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal wird gerade über eine neue Strategie der Staatengemeinschaft für das kommende Jahrzehnt verhandelt. Das Regelwerk soll helfen, das weltweite Artensterben zu stoppen. In dem Entwurf stehen aktuell 23 Ziele, die die Delegationen bis kurz vor Weihnachten verabschieden wollen.

Eines der prominentesten ist, bis 2030 weltweit 30 Prozent der Fläche an Land und in den Meeren unter Schutz zu stellen - kurz auch "30x30"-Ziel genannt. Wie genau das aussehen soll ist noch offen. Im Entwurfstext stehen noch eine Vielzahl von eckigen Klammern, Aspekte auf die sich die Delegationen noch nicht einigen konnten. Doch während die Weltgemeinschaft über die Details diskutiert, sind sich Expertinnen und Experten gar nicht einig, wie viel das Ziel überhaupt bringt und ob es das richtige Mittel für den Erhalt der Artenvielfalt ist.

Wo Schutzgebiete entstehen sollten

Die meisten Expertinnen und Experten sind sich einig, dass Schutzgebiete grundsätzlich einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten können. Vor allem dann, wenn sie groß, miteinander verbunden, gut verwaltet und kontrolliert sind. Eine wichtige Frage ist aber, wo Schutzgebiete ausgewiesen werden. Aus ökologischer Sicht, sollten sie am besten in biodiversitätsreichen Regionen entstehen, sagt die Biologie-Professorin Katrin Böhning-Gaese. Wo genau hängt, stark davon ab, wie man Biodiversität erfasst, so die Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima-Forschungszentrums.

Blickt man auf besonders artenreiche Regionen, dann sollten die Schutzgebiete zum Beispiel in den Anden oder in der ostafrikanischen Grabenzone oder im Himalaya liegen, meint die Biologin, die auch Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, ist. Mit einem Fokus auf besonders seltene Arten, kämen die Insel-Ökosysteme dazu, zum Beispiel Madagaskar oder Ozeanien. "Und wenn man auf die Wildnis schaut, wo wir wirklich noch unberührte, riesige Lebensräume haben, dann müssen wir auch in den hohen Norden nach Russland oder nach Kanada blicken", sagt Böhnig-Gaese.

Indigene Völker als Manager der Schutzgebiete?

Bei der Frage, wie die Gebiete verwaltet werden, spielen vor allem indigene Völker und lokale Gemeinschaften bei den Verhandlungen in Montreal eine wichtige Rolle. An vielen Orten hat es sich bewährt, ihnen mit ihrem Wissen über die Natur vor Ort die Verantwortung solcher Gebiete zu übertragen. Viele Indigene sehen in den neuen Schutzgebieten eine Chance, ihre Heimat vor Raubbau an der Natur zu schützen. Andere befürchten aber auch angestammten Gebiete zu verlieren, wenn in streng geschützten Gebieten vielleicht gar keine Nutzung etwa zum Jagen oder für Landwirtschaft mehr erlaubt wäre.

Eine weitere wichtige Frage ist: Wie streng werden die Gebiete wirklich geschützt? Eine große Befürchtung einiger Wissenschaftler und Naturschützer ist, dass noch mehr sogenannte "Paper Parks" entstehen könnten. Also Schutzgebiete, die nur auf dem Papier stehen, aber nicht wirklich gut geschützt sind. Auch in Europa gebe es Naturschutzgebiete, bei denen der Schutz nicht unbedingt im Vordergrund steht, sagt die Biologin Böhning-Gaese. Vor allem streng geschützte Gebiete gibt es wenig.

Deutschland: Nur 6,3 Prozent unter Schutz

Wildnisgebiete, in denen praktisch keinerlei menschliche Nutzung stattfindet, gibt es in Deutschland gerade einmal auf etwa 0,6 Prozent der Fläche. Naturschutzgebiete befinden sich deutschlandweit auf etwa 6,3 Prozent der Fläche. Insgesamt gibt es in Europa aber eine Vielzahl von unterschiedlichen Arten von Schutzgebieten, die sich zum Teil überlappen.

Noch ist nicht klar, wie das Ziel "30x30" in Deutschland umgesetzt werden müsste, sollte es in Montreal beschlossen werden. Zum Beispiel ist noch nicht genau entschieden, inwieweit jeder Nationalstaat die 30 Prozent erfüllen muss, oder ob die Maßgabe lediglich im globalen Durchschnitt erreicht werden soll. Die EU hat sich allerdings mit ihrem Green Deal quasi schon auf 30 Prozent Schutzgebiete bis 2030 festgelegt. Ein Drittel davon soll streng geschützt werden. So war das auch für die weltweite Biodiversitäts-Strategie im Gespräch - im aktuellen Entwurf in Montreal ist es aber nicht enthalten.

Schutz nur dort, wo es am wenigsten weh tut?

Viel Erfahrung mit dem Ringen um Schutzgebiete im Meer hat Thomas Brey vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Er sitzt für Deutschland in der Antarktis-Kommission. Ihm bereitet das "30x30" Ziel Kopfschmerzen: "Wir machen die Maßzahl zum Ziel unserer Aktion und das ist extrem gefährlich." Der Wissenschaftler sieht die Gefahr, dass es am Ende nur noch darum geht, wie viel Fläche geschützt wird, egal wie oder wo.

Dann würden eben die Gebiete mit den geringsten Interessenskonflikten geschützt, wo es am wenigsten wehtue, etwa in der Sahara oder in der Antarktis, nur um die 30 Prozent zu erreichen: "Und man verliert dabei das eigentliche Ziel aus den Augen - dass ich schützen will, wo es wichtig ist, weil da schlimme Dinge passieren. Das macht mir wirklich extreme Sorgen", so Brey.

Fischerei - ein Hauptproblem für den Artenschutz

Bisher stehen etwa sieben Prozent der Meere unter Schutz. Der Wissenschaftler ist skeptisch, ob das "30x30"-Ziel wirklich zum Artenschutz beiträgt. Und ob sich die Staaten überhaupt auf das Ziel und eine faire und wirksame Verteilung der Gebiete einigen können.

Am wichtigsten wäre aus seiner Sicht, die globale Fischerei in den Griff zu bekommen. Die sei eines der Hauptprobleme. "Das ist eine große, hochtechnisierte Industrie mit richtig großen Schiffen, die so effizient fangen, dass ein einziges modernes Hochseefangschiff einen Bestand ganz alleine runterfischen kann", sagt Brey. Und diese intensive Hochseefischerei, fern von den eigenen Küsten, werde gerade sogar noch ausgebaut, zum Beispiel von China.

Warum "30x30" dennoch wichtig ist

Die Biologin Böhning-Gaese ist dennoch überzeugt vom "30x30-Ziel". Es sei natürlich nicht der einzige wichtige Indikator, aber eben ein sehr griffiger. Das helfe, Aufmerksamkeit für das Thema zu bekommen. Kanadas Umwelt- und Klimawandel-Minister, Steven Guilbeault, nannte das "30x30"-Ziel im Vorfeld der Biodiversitätskonferenz sogar das "1,5 Grad Ziel für die Biodiversität".

Für Böhning-Gaese hängt von dem Ziel sogar der Erfolg der ganzen Konferenz in Montreal ab: "Wenn wir das '30x30'-Ziel nicht umsetzen, mit dem Zusatz, dass das gut gemanagte Gebiete sind, die gut mit anderen Gebieten verbunden sind - dann wäre dieser Weltnaturgipfel wirklich gescheitert. Das ist eins der Ziele, die unbedingt erreicht werden müssen."

Selbst wenn das "30x30"-Ziel am Ende verabschiedet wird, müssen die einzelnen Staaten es aber erst noch umsetzen. Und da wird es auch darauf ankommen, ob sie dann auch genug Geld investieren, um die Schutzgebiete gut zu verwalten und zu kontrollieren.