Ein westlicher Flachlandgorilla, hält ihr 24 Stunden altes Junge im Arm. | dpa

WWF-Studie Wirbeltierbestände drastisch geschrumpft

Stand: 13.10.2022 12:42 Uhr

In den vergangenen 50 Jahren sind die Bestände wildlebender Wirbeltiere um durchschnittlich 69 Prozent zurückgegangen. Das geht aus einer WWF-Studie hervor. Die Gründe dafür sind Landwirtschaft, Umweltverschmutzung - und die Klimakrise.

Die Bestände wildlebender Wirbeltiere sind in den vergangenen 50 Jahren massiv geschrumpft. Die untersuchten Tierpopulationen seien zwischen 1970 und 2018 durchschnittlich um 69 Prozent zurückgegangen, schreibt die Umweltstiftung WWF und die Zoologische Gesellschaft London in der Studie "Living Planet Report 2022". Grundlage des Berichts sind wissenschaftliche Studien über 32.000 Bestände von 5230 Wirbeltierarten. Dazu gehören Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien.

Regionale Unterschiede

Manche Regionen sind stärker betroffen als andere: Demnach schrumpften Wirbeltierpopulationen in Lateinamerika und in der Karibik in den vergangenen 50 Jahren um 94 Prozent. Starken Rückgängen in tropischen und subtropischen Regionen steht demnach eine leichte Erholung der Bestände in Europa und Zentralasien gegenüber.

Zu den besonders stark gefährdeten Arten zählt laut Report unter anderem der Westliche Flachlandgorilla. Dessen Population in einem Nationalpark in Kamerun sei allein zwischen 2005 und 2019 um rund 69 Prozent geschrumpft. Der Bestand des Amazonasdelfins in Brasilien sei von 1994 bis 2016 um rund 67 Prozent zurückgegangen. Und auch wenn die Lage in Südamerika besonders kritisch ist, bei uns heimische Arten sind von der Entwicklung ebenso betroffen: So hat sich die Population der Feldlerche in Europa von 1980 bis 2019 um rund 56 Prozent reduziert.

Amazonasdelfin | picture alliance / Photoshot

Die Bestände des Amazonasdelfins sind stark eingebrochen. Bild: picture alliance / Photoshot

Landwirtschaft, Umweltverschmutzung, Klimakrise

Die Hauptgründe für die Entwicklung seien die Zerstörung von Lebensräumen vorwiegend durch Landwirtschaft und Umweltverschmutzung. Auch Wilderei und Überfischung bedrohten die Artenvielfalt. Und natürlich spiele auch die Klimakrise eine große Rolle - hier gebe es eine "fatale Wechselwirkung" mit dem Artensterben. Laut dem Weltklimarat (IPCC) werde sich die Wirkung der Klimakrise auf die Artenvielfalt bis 2100 dramatisch erhöhen, heißt es in einer Mitteilung. "Umgekehrt heizt der fortschreitende Verlust an biologischer Vielfalt die Klimakrise weiter an."

Besonders gut lässt sich dieser Zusammenhang am afrikanischen Waldelefanten beobachten, schreibt der WWF. Dessen Bestände seien in einigen Gebieten bereits um mehr als 90 Prozent zurückgegangen. Doch ohne den Waldelefanten verändere sich die Zusammensetzung des Waldes, so dass dieser deutlich weniger Kohlenstoff speichern könne.

"Übernutzung des Planeten"

"Wir übernutzen den Planeten", sagte der WWF-Deutschland-Vorstand Christoph Heinrich bei der Vorstellung des Berichts. Der menschliche Fußabdruck müsse weltweit gesenkt werden, mahnte er unter Hinweis auf die jährliche Flächennutzung, die die biologischen Kapazitäten der Erde übersteige. Die Natur, so Heinrich weiter sei wie ein Turm, in dem jeder Baustein eine Tier- oder Pflanzenart darstelle, erklärte Christoph Heinrich, geschäftsführender Vorstand WWF Deutschland. Je mehr Arten ausstürben, desto instabiler werde er. "Wir zerstören diesen Turm gerade mit dem Presslufthammer und verlieren sehenden Auges unsere Lebensgrundlagen."

Hoffnung auf Artenschutzkonferenz

Die Autorinnen und Autoren des Reports forderten die Politik auf, die Klimaziele des Pariser Abkommens umzusetzen und die erneuerbaren Energien auszubauen. Zudem müsse Wilderei und illegaler Handel mit bedrohten Arten gestoppt werden. Der WWF forderte, den Verlust von Lebensraum zu stoppen, die Erderhitzung zu begrenzen und die Übernutzung von Tieren und Natur zu beenden.

Als mögliche Gelegenheit, das Sterben zu stoppen, nannte der WWF die UN-Artenschutzkonferenz. Bei dem Treffen im Dezember im kanadischen Montréal soll ein globales Abkommen zum Erhalt der biologischen Vielfalt ausgehandelt werden. Der WWF rief die Bundesregierung auf, sich dort "für ambitionierte Ziele für unsere Natur einzusetzen und die internationale Biodiversitätsfinanzierung Deutschlands bis 2025 auf mindestens zwei Milliarden Euro im Jahr zu erhöhen".

Beispiele für erfolgreichen Artenschutz

Dass das Artensterben gestoppt werden kann, zeigen laut WWF etwa die wachsenden Bestände von Seeadlern in Norddeutschland. Gab es 1945 in Schleswig-Holstein nur ein Revierpaar, seien es 2010 immerhin 57 gewesen. Der Bestand der Kegelrobben in der Ostsee sei allein von 2013 bis 2019 um 139 Prozent gestiegen. In Nepal wuchs der Tigerbestand dem Bericht zufolge von 121 Exemplaren im Jahr 2009 auf 235 Tiger 2018.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Oktober 2022 um 08:00 Uhr.