Shinnecock Bucht in New York | IMAGO/Design Pics

Shinnecock-Bay in USA Mit den Muscheln kam die Hoffnung

Stand: 15.12.2022 06:56 Uhr

Beim Weltnaturgipfel in Montreal wird viel über Artenschutz geredet. Nicht weit weg ist es Forschern und Indigenen gelungen, eine früher verschmutzte Bucht zu renaturieren - mit der Hilfe von Austern.

Von Marion Schmickler, ARD-Studio New York

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Chris Paparo nicht Ausschau hält nach neuen Meeresbewohnern. Der Meeresbiologe ist auf Long Island bei New York aufgewachsen. "Früher haben wir fast nie Wale gesehen", sagt Chris, "das gab’s einfach nicht. Heute kannst du an fast jedem Strand in Long Island Buckelwale und Delfine sehen." Ein Anblick, der ihn jedes Mal mit Stolz erfüllt, denn Chris ist einer der Forschenden, die an dem Renaturierungsprojekt mitgearbeitet haben.

Marion Schmickler ARD-Studio New York

"Das verschmutzte Wasser war unsere größte Herausforderung. Wir hatten jedes Jahr mit gesundheitsschädlichen Algen in der Bucht zu kämpfen", erinnert sich Ellen Pikitch, Meeresbiologin und Professorin an der Stony Brook Universität. Das Meer in der 40 Quadratkilometer großen Bucht sei leer gefischt gewesen. Außerdem hätten Chemikalien aus den Klärtanks der Anrainer dafür gesorgt, das Pflanzen und Tiere starben. Das Wasser mechanisch zu reinigen, wäre viel zu teuer gewesen. Deshalb haben die Forschenden auf die Kraft der Natur gesetzt.

Muscheln als Retter

Ein Schlüssel zum Erfolg waren Muscheln. Studierende züchteten sie im Labor und setzten sie dann in der Bucht aus. Damit sie nicht gleich wieder weggefischt werden, wurden Schutzgebiete ausgewiesen. Nur so konnten die Muscheln wachsen und gedeihen - und den Wissenschaftlern helfen.

"Eine einzige Auster filtert am Tag bis zu 190 Liter Wasser", sagt Paparo und zeigt stolz ein ganzes Austernbündel, an dem seit einem Jahr neue Muscheln heranwachsen. Jede einzelne hat geholfen, Shinnecock zum Vorbild zu machen. "Zuerst waren es die Austern, dann kam das Seegras, das wurde zum Lebensraum für kleine Flundern, Krebse und Shrimps. Und so braucht’s manchmal nur eine kleine Veränderung, um die Artenvielfalt zurückzubringen", erklärt Paparo.

Von den Indigenen lernen

Die Natur nutzen, um sie zu schützen - das haben die Forschenden auch von den Shinnecocks gelernt. Der Stamm lebt auf der anderen Seite der Bucht. Ihr Gebiet ist von weitem gut zu erkennen: An der Küste in den teuren Hamptons reiht sich sonst Villa an Villa, jede mit ihrem eigenen Bootssteg und Schutzwänden gegen die Wellen. Bei den Shinnecocks wachsen Gräser auf den Dünen, im Wasser liegen große Gesteinsbrocken als Wellenbrecher.

"Für uns ist es eine alte Tradition, im Einklang mit der Natur zu wirtschaften", erzählt Shane Weeks, "die Leute verstehen aber mehr und mehr, dass das, was sie Fortschritt nennen, uns als Spezies und der ganzen Welt schadet." Die Indigenen setzen schon lange auf Austernbänke, um das Wasser sauberer zu halten und die Küste gegen Stürme zu schützen. Früher habe sich aber nie jemand für ihren Umgang mit der Natur interessiert, sagt der junge Mann, der als Botschafter der Shinnecocks in der ganzen Welt über ihren Traditionen berichtet.

Artenvielfalt als Wirtschaftsfaktor

"Die Shinnecocks wissen seit Hunderten von Jahren, wie man Artenvielfalt bewahrt", sagt auch Meeresbiologin Pikitch. Sie hätten einen großen Anteil am Erfolg in der Bucht gehabt. Ein Erfolg, der sich auszahlt: Das saubere Wasser lockt mehr Touristen nach Long Island, belebt die lokale Wirtschaft und beschert den Fischern bessere Fänge.

Erst vor kurzem hat eine Umweltorganisation die Bucht als "Hope Spot" ausgezeichnet, einen Ort der Hoffnung. Shinnecock spielt damit in derselben Liga wie die Galapagos Inseln. "Das ist großartig für unsere Gegend", freut sich Paparo. Nicht nur, weil die Anrainer jetzt wieder Wale sehen und angeln gehen können. Das zeige den Leuten auch anderswo, wie wichtig es ist, Artenvielfalt zurückzubringen. "Wir leben hier vor den Toren von New York, einer der größten Metropolen der Welt. Und wir haben einen riesigen Schalentier-Bestand. Die Fische kommen zurück, und die Wale auch. Das könnte den Menschen überall auf der Welt zeigen: Was wir hier tun, mag zwar klein erscheinen, aber es hilft dem großen Ganzen."