Justin Trudeau eröffnet den Weltnaturgipfel in Montreal (Kanada). | picture alliance/dpa/The Canadia

Weltnaturkonferenz Hoffen auf den "Paris-Moment"

Stand: 07.12.2022 15:50 Uhr

Arten sterben derzeit in atemberaubender Geschwindigkeit aus. UN-Vertreter hoffen deshalb, dass die Konferenz in Montreal ein globales Abkommen zum Artenschutz beschließt - denn dies sei "unsere letzte Chance".

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Die Chefin der UN-Konvention über die biologische Vielfalt, Elizabeth Maruma Mrema denkt in diesen Tagen viel an ihre Heimat. Seit die tansanische Anwältin ihre Kindheit in Moshi am Fuß des Kilimandscharo verbracht hat, ist vieles anders geworden. "Das Dorf war voller Bäume, umgeben von Buschland. Bananenbäume, Kaffeepflanzen. Es war schattig und dunkel dort. Und vom Berg floss ein kristallklarer Strom teils über Wasserfälle herab."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Der Strom versorgte auch die Bananenbäume. Heute sind sie abgeholzt. "Heute sind die Quellen komplett ausgetrocknet. Wir haben Wasserleitungen. Aber der Klang des Wassers, das vom Berg herabströmt, der ist völlig verschwunden." Und mit ihm viele Insekten und Pflanzen.

Eine Million Arten vom Aussterben bedroht

90 Prozent der Ökosysteme weltweit sind verändert worden, eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht. Maruma Mrema hofft, dass auf der Konferenz in Montreal viel beschlossen wird, um die biologische Vielfalt in letzter Minute zu retten: Ein globales Rahmenabkommen für Artenvielfalt nämlich, das 21 Ziele umfasst. "Ein Regelwerk, dass genauso wichtig ist wie das Pariser Klimaschutzabkommen. Wissend, dass Klimawandel und Artenvielfalt eng miteinander zusammenhängen. Wir können uns nicht um eins kümmern und um das andere nicht."

Denn es gehe um nicht weniger als das Überleben der Menschheit. Ein Hauptziel der Konferenz ist es, mindestens 30 Prozent der weltweiten Landes- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen.

Lemke: Vereinbarungen auch umsetzen

Ein starkes Signal, sagt Bundesumweltministerin Steffi Lemke, die ab nächster Woche in Montreal sein wird: "Die gesamte Weltgemeinschaft gibt der EU-Kommission, aber auch mir als deutscher Verhandlungsführerin in Montreal, ein sehr starkes Verhandlungsmandat mit auf den Weg. Entscheidend wird jetzt sein, dass dieses Ziel auch durch Kontrollen, durch nachvollziehbare Mechanismen gestärkt wird, damit wir nicht nur Ziele verabschieden, sondern auch wirklich ins Handeln kommen."

Etwa um eine solide Finanzgrundlage für den globalen Artenschutz zu schaffen. Weitere Hauptziele sind ein Stopp der Plastik-Verschmutzung und die Wiederherstellung der Natur - etwa in Flussauen, Wäldern und Mooren. Deutsche Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen haben außerdem einen grundlegenden Wandel im Wirtschaftssystem gefordert.

"Unsere letzte Chance"

Der Zustandsbericht des Weltbiodiversitätsrats zeige, wie dringend sich die 196 Vertragsstaaten der Konvention auf eine starke Abschlusserklärung einigen müssten, sagt Maruma Mrema: "Der Bericht zeigt deutlich: Noch in diesem Jahrhundert werden über eine Million Arten ausgelöscht werden. Stellen Sie sich vor: Zu unseren Lebzeiten!"

Dieser Verlust der Artenvielfalt sei beispiellos in der Geschichte der Menschheit. Deshalb werde die ganze Welt zur UN-Konferenz kommen - darunter Hunderte Minister. Alle vereinbarten Ziele sollen bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden. Die Welt hat schon einmal Biodiversitätsziele vereinbart: 2010 in Japan. Nicht eines dieser Ziele wurde bis heute vollständig erreicht.

Deswegen hofft Maruma Mrema auf  Montreal - auch wenn sie an ihre Heimat Tansania denkt. "Denn Wissenschaftler sagen uns: Das hier ist unsere letzte Chance."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. Dezember 2022 um 15:00 Uhr.