Produktionshalle bei Werner und Mertz  | Lucretia Gather/SWR

Verpackungsmaterial Was tun gegen die Müllberge?

Stand: 20.03.2021 08:51 Uhr

Kein EU-Staat exportiert so viel Müll wie Deutschland. Einige Firmen wollen jetzt gegensteuern - mit mehr Recycling. Verbraucher sollten bei Verpackungen genau hinschauen.

Von Lucretia Gather, SWR

Es ist laut in der großen Produktionshalle beim Reinigungs- und Pflegemittelhersteller Werner & Mertz in Mainz. Meterhohe Roboter flankieren lange Förderbänder und sind ständig in Bewegung. 30 Sekunden braucht ein Roboterarm, um eine leere Plastikflasche aufzustellen, sie zu etikettieren, mit Spülmittel zu befüllen und in einen Karton zu stellen. Seit dieser Woche ist eine neue Produktionsstraße in Betrieb, am Montag liefen die ersten Spülmittelflaschen der Marke Frosch dort vom Band - für den deutschen und den französischen Markt.

Lucretia Gather

Material aus dem Gelben Sack

Es sind die ersten Flaschen, die zu 50 Prozent aus Plastik aus dem Gelben Sack bestehen. Das Mainzer Unternehmen, ausgezeichnet mit dem deutschen Umweltpreis 2019, bezeichnet sich selbst als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit.

Bereits seit 2012 nutzt das Unternehmen sogenanntes "Post-Consumer-Recyclat" (PCR), also Verpackungsmaterial, das der Endverbraucher weggeworfen hat und das als Wertstoff wieder aufbereitet wurde. 2014 stellte die Firma alle Plastikflaschen der Marke "Frosch" auf 100 Prozent PCR um. 20 Prozent davon kamen aus den Gelben Säcken, die restlichen 80 Prozent aus der europäischen Getränkeflaschensammlung "Bottle to Bottle".

Nun geht das Unternehmen einen Schritt weiter und erhöht den Anteil an Rezyklat aus dem Gelben Sack auf 50 Prozent. "Wir wollen zeigen, dass Kreislaufwirtschaft auch da möglich ist, wo noch am meisten verbrannt wird, nämlich beim Gelben Sack", sagt der Inhaber des Unternehmens, Reinhard Schneider. 

Reinhard Schneider | Lucretia Gather/SWR

Der Inhaber von Werner & Mertz, Reinhard Schneider, fordert gesetzliche Anreize für höhere Recyclingquoten. Bild: Lucretia Gather/SWR

Forderung nach gesetzlichen Anreizen

Schneider wünscht sich, dass auch andere, größere Unternehmen den gleichen Weg gehen, aber "die scheuen leider die Mehrkosten, die das Recycling noch hat". Neuplastik sei, auch aufgrund der sinkenden Rohölpreise, schlicht günstiger, so Schneider. "Dabei wird Recycling wirtschaftlicher, je mehr mitmachen." Der Inhaber von Werner & Mertz fordert finanzielle Anreize durch den Gesetzgeber für den Einsatz von PCR.

Denn: Kein Land der EU exportiert so viel Plastikmüll wie Deutschland - im vergangenen Jahr waren es rund eine Million Tonnen. Nachdem China, das noch bis 2017 einen großen Teil der deutschen Gelben Säcke angenommen hatte, seine Grenzen für Müll geschlossen hat, geht viel Abfall aus der Bundesrepublik nun vor allem in südostasiatische Länder wie Malaysia, aber auch in die Türkei.

Weniger Neuplastik als Ziel

Auch andere Unternehmen aus der Branche haben sich das Thema Nachhaltigkeit längst auf die Fahnen geschrieben: die Henkel AG zum Beispiel, weltweit agierender Hersteller von Wasch- und Pflegeprodukten. Unternehmenssprecherin Sina Pfanschilling sagt, bis 2025 wolle das Unternehmen die Menge an neuen Kunststoffen aus fossilen Quellen um 50 Prozent reduzieren, der Anteil an recyceltem Kunststoff soll auf mehr als 30 Prozent erhöht werden. In Europa sei dies bereits gelungen.

Für die Produktion in Deutschland arbeite Henkel mit Rezyklat-Lieferanten aus Europa zusammen. Denn das Rezyklat aus dem deutschen Gelben-Sack-System sei nicht in der "notwendigen Qualität und Quantität" vorhanden, so Pfanschilling.

Auch Procter & Gamble will den Anteil an Neuplastik reduzieren, und zwar um 300.000 Tonnen pro Jahr bis zum Jahr 2030. Eine der großen Barrieren für einen funktionierenden Kunststoffkreislauf sei die Abnahme von recyceltem Kunststoff. Deswegen trage Procter & Gamble durch die Förderung so genannter Endmärkte dazu bei, die Nachfrage nach recycelten Materialien zu steigern, sagt Unternehmenssprecherin Gabriele Hässig.

NABU für Verbot von Plastikmüll-Export außerhalb EU  

Der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) fordert, Deutschland müsse seine Abfälle regional verwerten können - und zwar möglichst nah am Entstehungsort der Verpackungen. "Wir wollen nicht, dass der Plastikmüll Tausende Kilometer weit durch die Welt transportiert wird und am Ende auf einer Deponie in Malaysia landet", sagt Michael Jedelhauser vom NABU. Bundesweit müsse es viel mehr regionale Sortier- und Recyclinganlagen für diese Art von Müll geben, fordert der Naturschutzbund.

Doch Jedelhauser ist noch ein anderer Aspekt wichtig: Recycling beginne schon viel früher, sagt er. Nämlich beim Design von Verpackungen. "Schon bei der Planung einer Verpackung entscheidet sich, wie recyclingfähig sie ist". Denn bestehe eine Verpackung beispielsweise aus mehreren Kunststoffschichten, sei sie deutlich schwieriger oder sogar gar nicht recycelbar. 

Verbraucherzentrale warnt vor "Mogelpackungen"

Susanne Umbach von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz sagt, es seien immer mehr Kunststoffverpackungen auf dem Markt, die besonders umweltfreundlich erscheinen wollten, aber es nicht seien: die Bio-Milch im vermeintlichen Pappkarton in Altpapier-Optik zum Beispiel oder das vegane Trinkpäckchen mit der Aufschrift "leicht recycelbar". Diese Öko-Anmutung suggeriere, dass es sich um recyceltes Material handele, doch Vorsicht sei geboten: "Das ist nicht garantiert, nur weil das Produkt so aussieht", warnt Umbach.

Ein Check von 33 Drogerieartikeln und 27 Lebensmittelprodukten sowie eine Begutachtung ausgewählter Beispiele durch die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ergab: Die Mehrzahl der betrachteten Produkte wurde von den potentiellen Käufern aufgrund ihrer Aufmachung deutlich nachhaltiger bewertet als von den Fachleuten der Verbraucherzentrale.

Verbraucher sollten beim Kauf also genau hinschauen, rät Verbraucherschützerin Umbach. Vor allem sollten sie sich nicht blenden lassen von Aufschriften wie "Ökologisch verantwortungsvoll" oder "75 Prozent weniger Kunststoff".  Solche Aussagen seien ohne genaue Erläuterung sehr schwer einzuordnen - und dienten häufig dazu, ein Produkt "grüner" darzustellen als es sei. Firmen versuchten so, Kunden mit ihrem ökologischen Gewissen zu ködern, doch häufig sei mit diesen Produkten kein Umweltvorteil verbunden.

Solange es noch kein unabhängiges Siegel gebe, das die Umweltverträglichkeit von Verpackungen einordne, rät die Verbraucherzentrale dem umweltbewussten Kunden, offensichtlich unnötig oder aufwendig Verpacktes nicht zu kaufen. Und Umbach fügt an: "Eine Nachfüllpackung ist immer besser als ein neues Original-Produkt."

Über dieses Thema berichtete das SWR Fernsehen am 21. Januar 2021 um 22:00 Uhr in "odysso - Wissen im SWR".