Erntehelfer ernten Trauben der Sorte Roter Riesling | dpa

Weinbaugemeinde in Hessen Eltvilles Kampf gegen den Klimawandel

Stand: 12.11.2021 08:19 Uhr

Starkregen, Erosion, Dürre: Die Folgen des Klimawandels machen Weinbaugemeinden immer mehr zu schaffen. Eltville in Hessen reagiert mit diversen Maßnahmen und bricht dabei auch mit Traditionen.

Von Birgitta Söling und Peter Gerhardt, hr

Was es für Folgen hat, wenn Starkregen über dem Rheingau niedergeht, weiß Patrick Kunkel nur zu genau. Der Bürgermeister von Eltville wohnt am Fuß eines Hangs und hat nach solchen Wetterlagen gefühlt den halben Weinberg im Garten. Bodenerosion ist ein Riesenproblem - nicht nur für Kunkel und seinen Garten. Vor allem in den Weinbergen am Hang fehlt der weggeschwemmte Boden nach starkem Regen. Kunkels Mission lautet deshalb: Wir retten den Riesling. "Mit so einem lockeren Spruch rüttelt man mehr Menschen auf, als wenn man denen was vom 'Klimaschutzanpassungsmaßnahmenkatalog' erzählt", sagt der Bürgermeister.

Peter Gerhardt

Mal zu viel, mal zu wenig Regen

Der Rheingau gilt als eines der besten Riesling-Weinbaugebiete Deutschlands. Unter allen Gemeinden dort hat Eltville die meisten Hang- und Steillagen. Der Steinberg im Stadtteil Martinsthal etwa ist so steil, dass viele Winzer längst aufgegeben haben.

Die wertvollen Weinbergsböden zu schützen und den Weinbau zu erhalten, sei das Ziel seiner Nachhaltigkeitsstrategie, sagt der Bürgermeister. Denn es gebe zwei Probleme, die auf den ersten Blick absolut gegensätzlich erscheinen: zu viel und zu wenig Wasser. "Über Monate hinweg regnet es zu wenig", sagt Kunkel, "dann trocknen die Böden aus. Und dann kommt auf einmal ein Starkregen und spült alles weg." Ziel aller Maßnahmen muss also sein, so viel Wasser wie möglich im Weinberg zu halten. Das hilft den Reben und den Menschen, die unterhalb der Weinberge leben. Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat deutlich gezeigt, das dies überlebenswichtig sein kann.

Computersimulation zeigt Schwachstellen auf

Auch in Eltville sind schon Menschen ertrunken, nachdem ein harmloser Bach plötzlich angeschwollen war. Das ist zwar Jahrzehnte her, soll sich aber auf keinen Fall wiederholen. Deshalb hat die Stadt in einer Computersimulation untersuchen lassen, wann es wo gefährlich wird. Das Problem ist nicht der Rhein - dort kann man im Falle eines Hochwassers relativ zeitig absehen, wann die Scheitelwelle kommt. Es sind die kleinen Bäche, von denen Gefahr droht.

Die Starkregensimulation habe ihn sehr beeindruckt, sagt der Bürgermeister: Innerhalb weniger Sekunden wird auf dem Monitor alles blau, erst hellblau, dann dunkelblau, wo das Wasser fließt. "Man sieht genau, bei welcher Regenmenge welche Stadtteile geradezu verschwinden."

Starkregen erzwingt neue Bepflanzung

Der Klimawandel bringt es mit sich, dass die Niederschläge massiver, schneller und härter kommen. Das Wasser schwemmt am Hang und in den Steillagen tonnenweise wertvollen Weinbergsboden ab, der später mühsam wieder hinaufgeschafft werden muss. Begünstigt wird das, wenn die Reben wie bisher längs zum Hang gepflanzt werden. Das hat nicht nur im Rheingau Tradition, weil die Pflanzen so das Maximum an Sonne abbekommen. Doch mit dem Klimawandel ist das Sonnenlicht nicht mehr das Hauptproblem. Der Weinbau hat in den Steillagen wie rund um Eltville nur eine Zukunft, wenn man die Reben quer zum Hang in Terrassen pflanzt.

Die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach bewirtschaften mit 90 Hektar so viele Steillagen wie kein anderes Weingut in Deutschland, auch in Rauenthal bei Eltville. Sie stellen nach und nach auf Querterrassen um und sind damit Vorbild für andere Winzer. Geschäftsführer Dieter Greiner sagt: "Die Querterrasse bricht den Hang sozusagen auf. Von Terrasse zu Terrasse sind es immer nur wenige Meter, da fließt das Wasser langsamer. Man hält es im Weinberg und vermindert die Erosion."

Weitere Vorteile der Querterrassen: Die Arbeit ist weniger gefährlich als im Steilhang; man kann dort Maschinen einsetzen; und man schafft mit Böschungen wertvollen Lebensraum für heimische Wildpflanzen, Insekten und kleine Tiere. Die auf Weinbau spezialisierte Hochschule Geisenheim hat dafür eigens regionales Saatgut entwickelt. Wanderer freuen sich über das abwechlungsreichere Landschaftsbild in den Weinbergen.

Preisgekrönte Sickergruben

Im Stadtgebiet von Eltville gibt es 24 Kilometer Bachläufe, 23 Kilometer Grabensysteme und 190 Kilometer Feldwege. Wo flutet das Regenwasser hin? Wie kann man es kontrolliert ableiten? Wo kann man es aber auch auffangen, um Pflanzen und Tiere in trockenen Sommern zu versorgen? Diesen Fragen sind Bürgermeister Kunkel und sein Betriebshofleiter Stefan Seyffardt nachgegangen und haben sich dabei eine simple Technik von Forstleuten abgeschaut. Die sammeln das Regenwasser, indem sie im Wald einfach Löcher in den Boden graben.

Solche Sickergruben buddelt Seyffardt jetzt auch entlang der Weinbergswege: "Wir graben mit dem Bagger am Wegesrand Löcher von drei bis fünf Kubikmetern, wo das Regenwasser reinfließt und langsam versickern kann." Das hebe den Grundwasserspiegel und entlaste die Bäche. 20 solcher Sickergruben gibt es schon, zehnmal so viel könnten es werden.

Für diese und andere Maßnahmen zur Klimaanpassung im Weinbau bekam Eltville im vergangenen Jahr den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Seit 2019 arbeitet die Stadt mit der Hochschule Geisenheim und dem Wuppertal-Institut zusammen. Darüber hinaus hat die Stadtverwaltung ein Netzwerk mit dem Weinbauverband und den örtlichen Winzern geschaffen. Viel Überzeugungsarbeit und einiges an Umdenken ist nötig. Doch gemeinsam hofft man, dass Eltville so das Schicksal des Ahrtals erspart bleiben könnte. Und vor allem: dass der Riesling eine Zukunft hat.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur bereits am 08. September 2020 um 19:30 Uhr.