Ein Mann im Sudan watet durch hohes Wasser zwischen Hütten, die unter Wasser stehen. | AFP

Bericht des Weltklimarates Klimawandel "eindeutig" Gefahr für die Menschheit

Stand: 28.02.2022 12:01 Uhr

Die Bundesregierung sieht den neuen Bericht des Weltklimarats IPCC als Ansporn, ihre Anstrengungen für mehr Klimaschutz zu verstärken. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Anna Lührmann (Grüne), wertete den Bericht als "ein flammendes Dokument über eine brennende Welt". "Wir dürfen keine Zeit verlieren, wir müssen sofort handeln", sagte Lührmann. Der Bericht mache "dramatische Auswirkungen des Klimawandels für unseren Planeten" deutlich, die bereits jetzt schlimmer seien als zuvor von der Wissenschaft erwartet. Daher müsse der Treibhausgasausstoß bereits vor 2030 deutlich gemindert werden. Der Klimawandel sei zunehmend auch ein sicherheitspolitisches Problem sagte Lührmann. Sie verwies auf die Aussage des IPCC, wonach inzwischen mehr als 3,3 Milliarden Menschen "in hohem Maße von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind". Wo aber "menschliche Sicherheit bedroht ist, ist auch der Frieden zwischen den Menschen in Gefahr", warnte die Staatsministerin.

Werner Eckert

Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger sicherte zu, die Regierung werde "alles dafür tun, eine lebenswerte Umwelt zu erhalten". Der Ausbau erneuerbarer Energien sei "der Schlüssel", der zu "mehr Souveränität bei der Energieerzeugung" beitragen könne, sagte Stark-Watzinger auch mit Blick auf die aktuelle Abhängigkeit Deutschlands von russischen Gaslieferungen. Sie hob die Bedeutung technologischen Fortschritts für mehr Klimaschutz hervor. "Auf neue Technologie zu setzen ist besser als auf Verzicht zu setzen", sagte die FDP-Politikerin.

Der amtierende Präsident der Weltklimakonferenz, Alok Sharma, rief Staaten in aller Welt dazu auf, ihre Klimaziele nachzuschärfen. Die Länder müssten ihre Ziele für das Jahr 2030 erhöhen und sie dringend umsetzen, schrieb Sharma mit seinem ägyptischen Nachfolger Sameh Shoukry und der UN-Klimachefin Patricia Espinosa in einem gemeinsamen Statement. "Es ist entscheidend, dass die Welt den Klimapakt von Glasgow, der bei der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow beschlossen wurde, einhält."

Der IPCC-Bericht mit dem Schwerpunkt Klimafolgen und Klimaanpassung war am Mittag in Berlin vorgestellt worden. Der Ko-Vorsitzende der zuständigen Arbeitsgruppe II des IPCC, Hans-Otto Pörtner, sagte auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Stark-Watzinger und Lührmann: "Je länger wir Klimaschutz und Anpassung verzögern, desto stärker schließt sich das uns noch verbleibende Zeitfenster." Schon ein zeitlich begrenztes Überschreiten des 1,5-Grad-Ziels für die Erderwärmung "wird zusätzlich schwerwiegende Klimafolgen nach sich ziehen", warnte Pörtner. Folgen für Ökosysteme, aber auch für den Anstieg des Meeresspiegels oder das Abschmelzen von Gletschern würden dann in Zukunft unumkehrbar sein. Daher zähle jetzt "jede einzelne Entscheidung" für mehr Klimaschutz. Zuvor hatten auch Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD), Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) und Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) auf größere Anstrengungen bei Klimaschutz und -anpassung gedrängt.

Der sechste Sachstandsbericht wird in mehreren Teilen herausgegeben. zweite Teil zu den Folgen des Klimawandels und den Möglichkeiten der Anpassung. Rund 300 Hauptautoren haben dafür mehr als zehntausend Studien zusammengefasst. Die Entwürfe zum eigentlichen, wissenschaftlichen Report werden in mehreren Runden überarbeitet. Dabei kann praktisch jeder weltweit seine Einwände oder Ergänzungen einbringen. Am Ende steht ein großes akademisches Werk. Daraus wurde in den vergangenen beiden Wochen eine kurze Zusammenfassung für Politiker erarbeitet.

Risiken größer als gedacht

Dabei arbeitet die Wissenschaft mit den Staaten zusammen - ein politischer Vorgang. Teilnehmer berichten, dass erneut um die historische Verantwortung der Industriestaaten für den Klimawandel gestritten wurde. Für viel Aufsehen hat aber auch die Nachricht gesorgt, dass sich ein russischer Vertreter im IPCC für den Krieg in der Ukraine entschuldigt hat.

Die Risiken sind größer als bisher angenommen, sagt Professor Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe, die den Bericht verantwortet. Bis zum Ende des Jahrzehnts müsse Entscheidendes passieren, sonst sei das Zeitfenster geschlossen. Erstmals bezeichnet der IPCC es als "eindeutig", dass der Klimawandel eine Gefahr für das Wohl der Menschheit und des Planeten ist.

Bis zu 50 Prozent der Systeme brauchen Schutz

Neu ist auch, dass der Bericht auch den Zusammenhang zwischen Klimawandel, Biodiversität und Gesellschaft ausleuchtet. Er betont, dass 30 bis 50 Prozent der Ökosysteme, also der Land- und Meeresflächen sowie der Frischwasserressourcen, vor starken menschlichen Eingriffen geschützt werden müssten. Die Natur brauche diesen Freiraum, um sich an die Erderwärmung anzupassen und langfristig weiter CO2 auffangen zu können. Derzeit sind 15 Prozent der Land- und acht Prozent der Wasserflächen geschützt.

Afrika, Asien und Lateinamerika

Hitze, Dürren und Überschwemmungen - die Hauptrisiken in Folge des Klimawandels. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung (3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen) sind potentielle Opfer dieser Krise. Ihre Existenz ist ohnehin gefährdet, und sie haben kaum Möglichkeiten, den zusätzlichen Stress durch die Folgen abzufangen.

Betroffen sind vor allem Afrika, Asien, Lateinamerika, die kleinen Inselstaaten und die Arktis. Betroffen sind aber auch die Bewohner von Großstädten weltweit. Eine Rolle spielt dabei der Wohlstand: In den ärmeren Staaten haben die Menschen ein 15 Mal höheres Risiko, durch eine Flut, eine Dürre oder einen Sturm zu sterben als in Gebieten mit hohem Wohlstand.

Professor Jörg Birkmann von der Uni Stuttgart, einer der Hauptautoren, merkt dazu an, dass die Industriestaaten ab 2020 den Ärmeren mit jährlich 100 Milliarden Dollar (ca. 90 Milliarden Euro) helfen wollten. Eine Summe, die bis heute nicht zusammengekommen ist. Allein die Schäden an der Ahr in Deutschland summierten sich auf 30 Milliarden Euro.

Ab 1,5 Grad steigen die Risiken extrem an

An vielen Stellen betont der Bericht, dass jenseits von 1,5 Grad Erwärmung die Risiken extrem ansteigen. Die maximale tägliche Regenmenge in Deutschland etwa verändert sich dann nur moderat. Bei drei Grad Erwärmung dagegen wären weite Teile betroffen. Auch die Zahl der heißen Tage steigt dann vor allem entlang des Oberrheins drastisch an. Die Zahl der Hitzetoten wird bei drei Grad doppelt bis dreimal so hoch sein wie bei 1,5 Grad. Dürreschäden in der Landwirtschaft können zwar zunächst durch Bewässerung gemildert werden, aber bei drei Grad höheren Temperaturen begrenzt Wassermangel diese Möglichkeit.

Folge wären Wanderungen

Weltweit sinkt schon bei 1,5 Grad Erwärmung der Mais-Ertrag. Bei zwei Grad wird es in vielen Gegenden - vor allem der Tropen - nicht mehr möglich sein, genügend Grundnahrungsmittel zu erzeugen. Derzeit gibt es keine Möglichkeit, sich an diese Veränderungen anzupassen.

Das wird zu Wanderungen führen, rechnet der Bericht vor. Bei 1,7 Grad Erwärmung könnten 17 bis 40 Millionen Menschen südlich der Sahara ihre Heimat verlassen müssen, bei 2,5 Grad könnten es schon 56 bis 86 Millionen sein. Die Migranten bleiben allerdings meist in der Region.

Risiko von Fluten steigt

Der steigende Meeresspiegel gefährdet zunehmend Küstenregionen. Die Wahrscheinlichkeit für ein Flutereignis, das bisher nur alle 100 Jahre einmal vorkommt, steigt um 20 Prozent schon bei nur 15 Zentimeter höherem Wasserstand. Und sie verdoppelt sich, wenn 75 Zentimeter erreicht werden, was bis zum Ende des Jahrhunderts durchaus möglich ist.

Je höher die Durchschnittstemperatur steigt, desto mehr Anpassungsmaßnahmen werden erforderlich. Die meisten davon sind regional und auch bekannt: Hitzeschutz- und Starkregen-Pläne in den Städten etwa. Aber die Wissenschaft macht auch darauf aufmerksam, dass jede Anpassung Grenzen hat. Bei Temperaturen über 50 Grad, wie sie in Australien, dem Nahen und Mittleren Osten und auch in Teilen Nordamerikas immer häufiger werden, ist kein dauerhaftes Leben möglich. Auch die Kombination aus Hitze und Überflutung wie zum Beispiel in Bangladesch gefährdet Lebensräume.

Ende der fossilen Energien und der Waldzerstörung

In der Tat ist die Sprache der Wissenschaft sehr deutlich in diesem neuen Bericht. Es gibt praktisch keine Erkenntnislücken. Auf den Punkt bringt es der Kommentar von Professor Eckart von Hirschhausen: "Wir müssen nicht 'das Klima' retten, sondern uns."

Dabei ist entscheidend, den Klimawandel zunächst selbst zu bekämpfen und zu limitieren. Das heißt vor allem: raus aus den fossilen Energien und ein Ende der Waldzerstörung. Erst dann werden die Folgen überhaupt beherrschbar bleiben und Anpassung überhaupt möglich sein. Anpassung ist aber immer auch an finanzielle Ressourcen gekoppelt.

Wegweisend ist auch die Verbindung vieler verschiedener Themen im aktuellen Bericht. Allerdings ist das sowohl eine Stärke als auch eine Schwäche. Denn wenn alles mit allem zusammenhängt, ist es mit einfachen Eingriffen nicht getan. Zum Beispiel: Die Deiche gegen steigende Fluten zerstören Küsten-Ökosysteme. Diese hohe Komplexität kann leicht zu Mutlosigkeit und Inaktivität führen. Das Gegenteil davon aber ist erforderlich: Mut und Handeln.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Februar 2022 um 12:00 Uhr.