Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Adamello und des Weißkorns, Trentino-Südtirol. | imago images/Clickalps SRLs

Gletscherschmelze in Italien Fast nur noch graues Eis mit Dreck

Stand: 04.11.2021 18:27 Uhr

Am Adamello liegt einer der größten Gletscher Italiens. Durch den Klimawandel schrumpft er zusehends. Für die Gemeinden am Fuß des Berges hat das vielfältige Folgen - vom Tourismus bis hin zur Wasserversorgung.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

Über das Gesicht von Franco Capitanio huscht ein kleines Lächeln. Vor mehr als 40 Jahren hat er erstmals den Adamello-Gletscher besucht, damals war er in gutem Zustand. "Er war robust, er war stark, er war schön", sagt er. Und selbst im Sommer sei die Aussicht nicht so demotivierend wie heute, "wo man zu drei Vierteln auf graues Eis mit Dreck schaut. Er war immer weiß, auch im Sommer." 

Elisabeth Pongratz ARD-Studio Rom

"Empfindliche Indikatoren für Veränderungen"

In der Adamello-Berggruppe am Südrand der Ostalpen befinden sich die größten und weitläufigsten Gletscher Italiens. Doch in atemberaubendem Tempo werden sie immer kleiner. Jedes Jahr, so schätzen Experten, verschwinden 14 Millionen Kubikmeter bislang gefrorenes Wasser. Das entspricht etwa 5600 olympischen Schwimmbecken.

Die Umweltschutzorganisation Legambiente schlägt seit langem Alarm. Vanda Bonardo ist für den Alpenbereich verantwortlich: Auf der Erde sei die Temperatur seit ungefähr 1850, am Ende der Kleinen Eiszeit, um etwa ein Grad gestiegen, stellt sie fest. In den Bergen hingegen sei sie um das Doppelte angestiegen. "Die Auswirkungen und der Nachhall sind also viel größer, und deshalb sind die Gletscher so empfindliche Indikatoren für Temperaturveränderungen."

Sicherheit der Menschen in Gefahr

Die Region um das Bergmassiv ist ein beliebtes Ziel für Alpinisten, seit Jahren werden Gletscher- und Wandertouren angeboten. Doch die ansteigenden Temperaturen bringen vieles ins Wanken, so der Direktor des Adamello-Parks, Guido Calvi.

Das Hauptproblem werde die Sicherheit der Menschen sein: "Mit der fortschreitenden Erwärmung und dem Auftauen der Permafrost-Schichten unmittelbar unter dem Adamello-Gletscher kommt es zu einer Reihe von Massenbewegungen und damit zu Erdrutschen von wirklich relevantem Ausmaß, die sich dann auf die darunterliegenden Täler und Gemeinden auswirken."

Überwachungskameras sollen rechtzeitig warnen

Überwachungskameras sollen dabei helfen, die Menschen rechtzeitig zu warnen. Viele im Valcamonica, einem der Täler am Fuß des Bergmassivs, hängen von dem Gletscher ab, beispielsweise in wirtschaftlicher Hinsicht.

In der bergigen Region ist die Produktivität in der Landwirtschaft viel geringer als auf dem flachen Land. So sei der Tourismus, vor allem im Winter, zur wichtigsten Einnahmequelle geworden, erklärt Mauro Testini, Präsident der Vereinigung von mehreren Gemeinden. Er schildert, wie sie sich im Laufe der Jahre auf die sich ändernden Bedingungen eingestellt haben: Fast alle Pisten seien in den vergangenen 30 Jahren mit Schneekanonen ausgestattet worden.

Die Ski-Gemeinden rüsten auf

Erst vor kurzem hat die Gemeinde Ponte di Legno den Bau neuer Seilbahnen in größerer Höhe beschlossen, für 25 Millionen Euro. Trotz der wärmeren Temperaturen, trotz der Gletscherschmelze. Gleichzeitig, so Testini, habe man alternative Aktivitäten zum Wintersport ausgebaut und viele Mountainbike-Strecken angelegt.

Gletscher als Speicher für trockene Sommer

Die Schmelze des Gletschers hat auch unmittelbare Auswirkungen im Tal, sie gefährdet die Wasserversorgung. Bisher hat der Adamello-Gletscher viele Niederschläge gespeichert, die er dann nach und nach abgegeben hat, so dass in den trockenen Sommermonaten ausreichend Wasser da war. Doch langfristig fließt vom Gletscher weniger Wasser ab, so Guido Calvi vom Adamello-Park.

Zweifellos werde es ein Problem mit den Wasserreserven geben, sagt er. "Wenn sich der Trend des allmählichen Abschmelzens der Gletscher fortsetzt, werden wir uns wahrscheinlich auch darauf einstellen müssen, dass wir im Sommer sparsam mit dem Trinkwasser umgehen oder zumindest versuchen müssen, einen Wasservorrat anzulegen."

Noch sind rund um den Gipfel des Adamello, immerhin mehr als 3500 Meter hoch, auch im Sommer weiße schneebedeckte Flächen zu sehen. Doch die schnelle Erwärmung verändert die Landschaft, die Laubgehölze wachsen bis in größere Höhen als noch vor ein paar Jahren. Und damit würden die Alpen, so Vanda Bonardo, eines Tages ganz anders aussehen. Denn gleichzeitig gebe es auch einen Anstieg der Vegetation. Und einigen Szenarien zufolge könne irgendwann zwar Berge mit Felsen und vielleicht ein wenig Grün geben - aber ohne Eis.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 04. November 2021 um 14:48 Uhr.