Eine Familie aus dem Dorf Fandiova in Madagaskar leidet an Hungersnot. | dpa

Welthunger-Index 2021 Dürre, Terror, Flucht - und der Hunger

Stand: 14.10.2021 11:21 Uhr

Krisen und Konflikte lassen den Hunger in der Welt immer weiter zunehmen - und der Klimawandel verschlimmert vielerorts die Notlage der Menschen. Ein Überblick von ARD-Korrespondenten.

Afghanistan: Hälfte der Bevölkerung braucht Hilfe

Millionen Menschen in Afghanistan sind aus ihren Dörfern vertrieben worden. Sie sind im jahrzehntelangen Krieg zwischen die Fronten geraten, ihre Häuser oder Hütten: zerstört. Ihre Felder konnten sie nicht mehr bestellen, da diese zum Schlachtfeld wurden. Die Folge: Die Hälfte der Menschen in Afghanistan ist seit Jahren auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Sie brauchen Decken, Medikamente und schlichtweg Lebensmittel, um überleben zu können.

40 Jahre Krieg, Terror und Anschläge haben hat dazu geführt, dass jede und jeder Dritte im Land nicht weiß, woher die nächste Mahlzeit kommen soll. In einem Flüchtlingslager bei Masar-i-Scharif konnten die Eltern ihren kleinen Kindern nur noch in Wasser aufgeweichtes Brot zu essen geben. Die Vereinten Nationen warnen davor, dass schon bald jedes zweite Kind im Land unter fünf Jahren schwer unterernährt sein könnte.

Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Äthiopien: In Tigray kommt kaum Hilfe an

In Norden Äthiopiens kommt ein Lebensmitteltransport an. Die Menschen stehen Schlange, um sich ein paar Handvoll Getreide in Beutel schütten zu lassen und Öl in kleinen Plastikflaschen mitzunehmen. Es ist eine der wenigen Lieferungen, die es bis in die Krisenregion Tigray geschafft haben. Dort herrscht seit einem Jahr Krieg. Der äthiopische Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed geht mit seinen Truppen dort gegen die sogenannte Volksbefreiungsfront vor.

Auch die Nachbarregionen sind von dem Konflikt betroffen: Es gibt Vorwürfe, dass die äthiopische Regierung die Menschen in Tigray regelrecht aushungern will. Die Vereinten Nationen sprechen von der schlimmsten Hungerkrise auf dem Kontinent seit zehn Jahren, als in Somalia eine Viertelmillion Menschen starben. Die äthiopische Regierung duldet keine Kritik an ihrem Vorgehen und hat zuletzt sogar hochrangige Mitglieder von UN-Organisationen ausweisen lassen. Zuvor hatte das UN-Nothilfebüro beklagt, dass nur etwa zehn Prozent der Hilfslieferungen für die Hungernden durchkommen.

Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Nigeria: Spirale aus Dürre, Spannungen und Not

Im westafrikanischen Nigeria sorgen verschiedene Faktoren für Hungersnot. Seit Jahren kämpfen nigerianische Sicherheitskräfte vor allem im Norden des Landes gegen extremistische Gruppen wie Boko Haram. Die dschihadistische Terrormiliz hat sich wiederum gespalten und in interne Kämpfe verwickelt - das hat die Gewalt weiter erhöht. Der Effekt: Tausende Menschen sind durch Terrorangriffe gestorben, Hunderttausende sind zu Geflüchtete geworden - in ihrem eigenen Land und in den Nachbarstaaten der sogenannten Sahelzone.

Ein Beispiel dafür ist Maiduguri, die Hauptstadt des nördlichen Bundesstaates Borno: Viele Vertriebene leben am Rand der Stadt, die durch den Zuzug der Vertriebenen ihre Einwohnerzahl verdoppelt hat. Das hat die Lebensmittelpreise steigen lassen - auch, weil die meisten Bauern ihre Felder aus Angst vor den Terrorgruppen nicht mehr bestellen können. Das verschärft die Nahrungskrise für viele Menschen.

Aber nicht nur der Terror, sondern auch der Klimawandel ist in Nigeria eine Ursache für Lebensmittel-Engpässe: Der Tschadsee - einst die größte Wasserquelle der Region - schrumpft inzwischen, es regnet immer weniger. Die Folge: zu wenig Wasser für Landwirtschaft, Viehzucht und Menschen. So verschärft die Trockenheit wiederum ethnische Konflikte; zum Beispiel zwischen nomadischen Viehzüchtern und sesshaften Bauern. Ihre Kampf um Wasser und Weideland ist in den vergangenen Jahren immer blutiger geworden - und trägt zur Unsicherheit und zur Hungersnot in vielen Teilen Nigerias weiter bei.

Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat

Jemen: 400.000 Kindern droht der Hungertod

Die Zahlen sind erschreckend: Fast 400.000 Kindern im Jemen droht der Hungertod. Insgesamt brauchen 20 Millionen Menschen im Land Hilfe, Das sind zwei Drittel der Bevölkerung, erklärten erst vor einigen Tagen die Vereinten Nationen: Der UN-Koordinator im Jemen, William David Gressly, betonte, in dem Land auf der Arabischen Halbinsel herrsche die schlimmste humanitäre Krise der Welt. Die Jemeniten leiden schon lange an Armut, aber ein mittlerweile seit sieben Jahren wütender Krieg hat ihre Situation weiter verschlechtert.

Rebellen aus dem Norden, die mehr politische Beteiligung fordern, überrannten 2014 weite Landstriche. Saudi-Arabien stellte sich 2015 mit anderen Staaten auf die Seite der international anerkannten Regierung. Saudi-Arabien sieht in ihr einen Verbündeten, denn hinter den Rebellen steht der Erzfeind der Saudis - der Iran. Folgen des Krieges sind Vertreibung und zeitweilig auch Blockaden der Häfen, über die Hilfslieferungen in den Jemen gelangen sollten. Ein Ende des Krieges ist nicht absehbar. Die Rebellen bereiten sich derzeit darauf vor, die strategisch wichtige Stadt Marib zu erobern - das Tor zu einem Großteil der Energieressourcen des Landes. Sollten die Rebellen die Stadt einnehmen, dürfte sich die humanitäre Lage noch einmal verschlimmern. Denn im Großraum Marib leben nach UN-Angaben eine Million Vertriebene, denen durch die Kämpfe eine erneute Vertreibung droht.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo