Eine Frau gibt einem Flüchtlingskind und seiner Mutter, welche zuvor mit einem Zug angekommen ist ein paar Spenden. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Flüchtlinge in München 2015 "Ich kämpfte kurz mit den Tränen"

Stand: 05.09.2020 04:47 Uhr

Als in den heißen Septembertagen 2015 die ersten Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof ankamen, gehörte Colin Turner zu den ersten spontanen Helfern. Im Interview erinnert er sich an Gewusel, Euphorie - aber auch an ein mulmiges Gefühl.

tagesschau.de: Vor fünf Jahren waren Sie einer der Helfer direkt vor Ort am Hauptbahnhof München, der sich um die ersten ankommenden Flüchtlinge gekümmert hat. Wie kam es dazu?

Colin Turner: Ich habe bei Facebook von befreundeten Anti-Rassismus-Aktivisten gelesen, dass Geflüchtete am Hauptbahnhof ankommen und Unterstützung brauchen. Es war ein irre heißer Tag. Ich habe mich von der Arbeit direkt auf den Weg gemacht. Unterwegs habe ich noch schnell ein paar Bretzeln und eine Stange Zigaretten gekauft. Am Bahnhof kamen noch nicht die vollen Sonderzüge an, es waren zuerst nur ein paar Dutzend Menschen pro Zug. Vor dem Bahnhof habe ich viele Menschen schon sitzen sehen in der prallen Sonne. Die sahen nicht gut aus.

alt Colin Turner | Bildquelle: Colin Turner

Zur Person

Colin Turner ist studierter Sozialökonom und lebt inzwischen mit seinem Partner in den Niederlanden. Turner selbst hat eine eigene Migrationsgeschichte: Seine Eltern sind Ende der 70er-Jahre aus Großbritannien nach München ausgewandert.

tagesschau.de: Wie war die Hilfe zu dieser frühen Zeit organisiert?

Turner: Die meisten haben vor Ort richtig reagiert. Die Polizei hat die Geflüchteten vor dem Bahnhof an einem Ort gesammelt. Die Feuerwehr hat den Wasserhydranten aufgemacht, so dass es bei der Hitze auch genug Wasser gab. Viele Anwohner kamen auch einfach vorbei und stellten palettenweise Wasser und Essen ab. Unsere Hilfe war da noch nicht koordiniert. Man hat halt mit angepackt, wo es nötig erschien.

Flüchtlinge im September 2015 auf dem Hauptbahnhof in München | Bildquelle: dpa
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Es kamen viele Syrer an, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind. "Aber auch unbegleitete Flüchtlinge aus Afghanistan. Der Kleinste, um den ich mich gekümmert habe, war höchstens sechs Jahre alt", erinnert sich Turner.

"Die waren fix und fertig"

tagesschau.de: Es war dann nur wenige Tage später, in der ersten Septemberwoche, als immer mehr Menschen auch in Sonderzügen ankamen. Wie haben Sie es erlebt, als sie mit Applaus begrüßt wurden?

Turner: Wir hatten da schon ein paar Tage und Nächte am Bahnhof geholfen, als die Ansage kam, dass es mehrere Sonderzüge geben wird. München sollte als Drehpunkt dienen. Von dort aus sollten die Geflüchteten in die verschiedenen Bundesländer verteilt werden.

Als die ersten Menschen aus dem Sonderzug ausstiegen und die Umstehenden applaudierten, habe ich in den Augen vieler Flüchtlinge gesehen, dass sie damit völlig überfordert sind. Die waren ja teilweise fix und fertig. Mir gingen da etliche Dinge durch den Kopf: Welche Erwartungen werden jetzt durch diese starke Symbolik geweckt? Wird das überhaupt eingehalten werden? Und war es in der Situation unangebracht? Ich hatte ein mulmiges Gefühl, obwohl es natürlich total nett gemeint war. Ich brauchte einen Moment für mich, um mich zu sammeln und ich verließ die Bahnhofshalle. Ich kämpfte kurz mit den Tränen.

Ein Schild mit der Aufschrift "Infopoint" | Bildquelle: Colin Turner
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Am Infopoint im Bahnhof konnten sich Freiwillige melden, die helfen wollten.

Berge von gespendeten Schlafsäcken und Isomatten liegen für die ankommenden Flüchtlinge im Jahr 2015 bereit
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Turner bat im Radio um Schlafsäcke und Matten. Kurz danach gab es mehr als genug Spenden.

"Es war ein totales Gewusel"

tagesschau.de: Wer kam da an? Familien, junge Männer ...

Turner: Es kamen viele Syrer, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind. Viele junge Männer aber auch teilweise größere Familien aus der Mittelschicht. Die Omas und Mütter haben teilweise Kopftücher getragen, deren Kinder aber nicht. Die unterschieden sich kaum von einheimischen Teenagern. Vor allem aus Afghanistan kamen auch viele unbegleitete Jugendliche. Der Kleinste, um den ich mich gekümmert habe, war höchstens sechs Jahre alt. Das war heftig. Man denkt da an sich selbst zurück in dem Alter. Ich bin viel alleine zu meinen Großeltern nach Großbritannien gereist, aber immer total unterstützt bei der An- und Abreise und währenddessen von den Flugbegleitern. Und dann dieser kleine Junge! Völlig alleine!

tagesschau.de: Wissen Sie, was aus dem Jungen wurde?

Turner: Nein, wir hatten nur ganz kurzen Kontakt zu den Geflüchteten. Das war ja ein totales Gewusel am Bahnhof. Wir haben sie dadurch geleitet und an die verschiedenen Sammelstellen gebracht. Selbst in den Notunterkünften war der Durchlauf recht hoch.

tagesschau.de: Hat sich in der Folgezeit Ihr mulmiges Gefühl bestätigt?

Turner: Der Applaus und der anfängliche Zuspruch waren nicht nur Lippenbekenntnisse. Das hat sich zumindest in München schon bestätigt. Viele Projekte, die damals ins Leben gerufen wurden, sind weitergeführt worden. So wie das Schwulen-Betreuungszentrum, bei dem auch ich noch aktiv war. Das Engagement der Ehrenamtlichen war schon stark. Politisch wurde zwar keine Kehrtwende gemacht, aber es gab schon verschiedenen Restriktionen etwa beim Familiennachzug oder dem Status der Asylbewerber.

Ein Herz aus Kerzen begrßt die ankommenden Flüchtlinge 2015 | Bildquelle: Colin Turner
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Turner befürchtete zunächst, dass durch die großen Gesten, wie der Applaus, zu große Erwartungshaltungen aufgebaut werden, die politisch und gesellschaftlich nicht eingehalten werden können.

"Anfänglich große Euphorie"

tagesschau.de: Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie dachten, dass die Stimmung kippen könnte?

Turner: Die Kölner Silvesternacht hat definitiv Spuren hinterlassen, obwohl in der Rückschau das eigentlich nichts mit den Geflüchteten von 2015 zu tun hatte. Die Ressentiments wuchsen. Am deutlichsten war das auch bei der Medienberichterstattung zu spüren. Von der anfänglich großen Euphorie, die selbst wir etwas zu positiv empfanden, wurde dann der Fokus mehr auf die negativen Aspekte gerichtet. Das Engagement ließ ein wenig nach, es gab aber dennoch genug, die sich weiterhin engagierten.

tagesschau.de: Wenn Sie auf die fünf Jahre zurückblicken - hat Deutschland es geschafft?

Turner: Ja. Zwar nicht immer perfekt, aber viele der Geflüchteten von damals sind inzwischen doch recht gut integriert. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, wie sie damals am Bahnhof empfangen wurden. Angenommen zu werden ist eine wichtige Voraussetzung für Integration.

Das Gespräch führte Iris Marx, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 04. September 2020 um 15:47 Uhr.

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