Leichen von Zivilisten, die nach Angaben von Einwohnern von Soldaten der russischen Armee getötet wurden, liegen inmitten der russischen Invasion in der Ukraine in Butscha, Region Kiew, auf der Straße | REUTERS
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Russische Desinformation zu Butscha Ablenken, dementieren, verwirren

Stand: 05.04.2022 13:15 Uhr

Berichte von Augenzeugen, Satellitenbilder und Videos beweisen die Gräueltaten von Butscha, das unter russischer Besatzung stand. Doch der Kreml versucht, Belege anzuzweifeln und Verwirrung zu stiften.

Von Patrick Gensing und Carla Reveland, Redaktion ARD-faktenfinder

Nach der Befreiung des Kiewer Vororts Butscha sind zahlreiche Fotos und Videos von Gräueltaten veröffentlicht worden. Auch Reporterinnen und Journalisten von Medien aus verschiedenen Staaten waren in Butscha und haben dort mit Menschen gesprochen sowie eigene Aufnahmen gemacht. Unter anderem die Ukraine wirft Russland vor, für die Verbrechen verantwortlich zu sein. Moskau streitet das kategorisch ab - und geht dabei nach einem bekannten Muster vor.

Gegenvorwürfe ohne Belege

Russland wies alle Anschuldigungen zurück und entgegnete diesen mit unbelegten Vorwürfen und Verschwörungslegenden. Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die Szenen außerhalb Kiews als "inszenierte antirussische Provokation". Kreml-Sprecher Dmitri Peskow behauptete, ohne weitere Details zu nennen, die Bilder enthielten "Anzeichen von Videofälschungen".

Einer der engsten Verbündeten von Kremlchef Wladimir Putin sagte - ebenfalls ohne jeden Beleg: Die Behauptung, russische Streitkräfte hätten in Butscha Zivilisten hingerichtet, sei eine Fälschung der ukrainischen und westlichen Propaganda, die Russland diskreditieren solle. "Das sind Fälschungen, die in der zynischen Phantasie der ukrainischen Propaganda gereift sind", so Dmitri Medwedew, der von 2008 bis 2012 Präsident war und jetzt stellvertretender Sekretär des russischen Sicherheitsrates ist. "Sie wurden für Unsummen von Geld ausgeheckt", sagte Medwedew.

Die prorussische "Cyberfront Z" verbreitete über einen öffentlichen Telegram-Kanal Anleitungen, um auf Plattformen wie YouTube, Instagram oder Telegram von den Verbrechen abzulenken. So soll zum Beispiel behauptet werden, dass das Massaker von ukrainischen Schauspielern "inszeniert" worden sei. Ein deutscher Autor des russischen Staatssenders RT DE brachte die Gräueltaten mit angeblich inszenierten Verbrechen in Syrien in Verbindung.

Ähnlich hatten Russland und Putin-treue Aktivisten nach den Angriffen auf eine Geburtsklinik in Mariupol reagiert, als Moskau behauptete, bei Opfern der russischen Attacke habe es sich um bezahlte Schauspielerinnen gehandelt. Unter anderem das ZDF wies nach, dass es sich dabei um eine Lüge Moskaus handelte.

Satellitenbilder als weitere Beweise

Auch für die Behauptung, die Bilder aus Butscha seien inszeniert, liegen keine Indizien vor. Zahlreiche Augenzeugen berichten übereinstimmend von Verbrechen der russischen Besatzer. Zudem zeigen nach Recherchen der "New York Times" Aufnahmen von Satelliten, dass bereits vor der Befreiung Butschas Massengräber ausgehoben wurden und Leichen auf den Straßen lagen.

Auch in sozialen Netzwerken wie Twitter finden sich Videos, die Mitte März veröffentlicht wurden und ein Massengrab in Butscha zeigen.

Ablenken

Russland behauptete, die Besatzungstruppen hätten Butscha bereits am 30. März vollständig verlassen. Ein ukrainischer Soldat, der in der Stadt war und mit dem tagesschau.de sprechen konnte, sagte hingegen, die letzten russischen Truppen hätten Butscha erst in der Nacht vom 1. auf den 2. April verlassen. Am 1. hätten dort noch Kämpfe stattgefunden. Er selbst sei am frühen Morgen des 2. April nach Butscha gekommen. "Wir kamen Schritt für Schritt voran", erklärt der Soldat - und betont: "All die Bilder und das Filmmaterial sind authentisch - all die Leichen lagen herum - verbrannte Häuser und Autos überall." Viele Menschen hätten versucht zu fliehen," auf Nebenstraßen in Richtung Kiew stehen Tausende von Autos". Russische Truppen hätten diese beschossen, Menschen seien in ihren Autos verbrannt.

Vor ihrem Abzug hätten russische Truppen noch zahlreiche Häuser geplündert. Seinen Angaben zufolge waren in Butscha reguläre russische Infanteristen der Einheit Nummer 51460 aus dem Dorf Knuaze-Volkonske, Region Chabarowsk. Die Tschetschenen, die in den ersten Wochen dort gewesen seien, hätten schwere Verluste erlitten und seien deswegen bereits weit vor April abgezogen.

Eine Frau geht auf einer Straße, die übersät ist mit zerstörten Fahrzeugen. | dpa

Eine Frau geht auf einer Straße, die übersät ist mit zerstörten Fahrzeugen. Bild: dpa

Verwirren

Die russischen Behauptungen sind oft auch in sich nicht stimmig; so behauptete Russland nach dem Angriff auf die Klinik in Mariupol unter anderem, es habe gar keinen entsprechenden Angriff gegeben. Dann war davon die Rede, in dem Krankenhaus hätten sich ukrainische Bataillone versteckt - und schließlich ließ der Kreml unter anderem bei den Vereinten Nationen die Lüge von bezahlten Schauspielerinnen vortragen.

Diese Strategien zur Desinformation sind seit Jahren bekannt und dokumentiert. Russland versucht mit offen widersprüchlichen Behauptungen, die Öffentlichkeit zu verwirren und wohl auch zu provozieren. Insbesondere die russischen Botschaften spielen dabei eine zentrale Rolle, sie verbreiten über soziale Medien besonders polarisierende und provokante Behauptungen.

Auch in Syrien sprach Moskau immer wieder von angeblich inszenierten Kriegsverbrechen. Die Hauptnachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens zeigte sogar Ausschnitte von Dreharbeiten als vermeintlichen Beweis für die Inszenierung von solchen Verbrechen. Tatsächlich handelte es sich um Aufnahmen von Dreharbeiten für einen Spielfilm - die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit werden in der russischen Propaganda bewusst verwischt.

Das Massaker von Butscha ist derzeit ein Hauptziel der Desinformation und Kriegspropaganda des Kremls auf den großen Plattformen der sozialen Medien. Fachleute von Disinfo.center beobachten "sowohl staatlich unterstützte als auch scheinbar unabhängige Nutzer, die Desinformationen über das Massaker verbreiten, um die Rolle Kriegsverbrechen zu verschleiern und es als 'Operation unter falscher Flagge' der ukrainischen Regierung darzustellen".

Organisationen wie Human Rights Watch untersuchen seit Jahren Kriegsverbrechen. Der Direktor von HRW in Deutschland, Wenzel Michalski, sagte im ZDF, man könne Russland überhaupt nicht glauben. In der ARD erklärte er zudem, es gebe auch in anderen Regionen der Ukraine Beweise für russische Kriegsverbrechen.

Auch Matilda Bogner von der UN sagte der ARD, es gebe Belege für Kriegsverbrechen aus verschiedenen Teilen der Ukraine. Das Ausmaß der Zerstörung ziviler Objekte und die vielen zivilen Opfer deuten laut Bogner stark darauf hin, dass es Völkerrechtsverstöße gegeben habe. "Insbesondere wahllose Angriffe und Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht können in diesem Fall Kriegsverbrechen bedeuten".

Während also für russische Kriegsverbrechen und Gräueltaten zahlreiche Augenzeugenberichte, Bilddokumente und Videos vorliegen, die von Fachleuten geprüft und ausgewertet werden, verbreitet Putins Regime unbelegte Behauptungen und Verschwörungslegenden - ohne irgendwelche Indizien oder Belege anzuführen. Stattdessen setzt Russland erneut auf Strategien zur Desinformation: ablenken, abstreiten und verwirren.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. April 2022 um 12:00 Uhr.