Männer tragen in Butscha die Leiche eines Zivilisten in einen Transporter. | AFP
Presseschau

Butscha-Massaker "Die wahre Fratze Russlands"

Stand: 04.04.2022 10:38 Uhr

Die europäische Presse ist sich einig: Angesichts der Bilder aus Butscha dürfe niemand mehr wegschauen. In den Medien werden etwa härtere Sanktionen, ein Haftbefehl gegen Putin und eine juristische Aufarbeitung gefordert.

"Es schnürt einem die Kehle zu"

Die polnische Zeitung "Gazeta Wyborcza" schreibt zu den Bildern getöteter Zivilisten in der Ukraine: "Massenweise ermordete Zivilisten, vergewaltigte Frauen, zerstörte Städte und Dörfer, allgegenwärtige Plünderungen - das Bild, das sich nach dem Abzug russischer Einheiten von der Ukraine bietet, schnürt einem die Kehle zu. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir uns an den Gedanken gewöhnt, dass in der zivilisierten Welt sogar der Krieg gewisse Regeln einhält. Aber die Horden des Kreml, die nun die Ukraine verwüsten, beweisen gerade, dass in Europa Dinge passieren, die wir nur aus Geschichtsbüchern kennen.

Das jetzige Verhalten der russischen Besetzer erinnert an das Verhalten der sowjetischen Armee im zerstörten Deutschland am Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals jedoch drang die Rote Armee ein in das Gebiet des Todfeinds, der vorher über Russland hergefallen war. Und hier sollten doch Putins Soldaten angeblich den ukrainischen Brüdern helfen und sie von 'Faschismus' befreien. Wie das im Inneren dann aussieht, erfahren wir jetzt nur deshalb, weil die ukrainische Armee erfolgreich Widerstand geleistet hat und die russischen Invasoren zum Rückzug gezwungen hat."

"Erlasst Haftbefehl gegen Putin"

Die liberale dänische Tageszeitung "Politiken" kommentiert: "Niemand außerhalb von Russlands Zensur kann noch länger Zweifel daran haben, dass schwere russische Kriegsverbrechen in der Ukraine begangen worden sind und nach wie vor begangen werden. Aber es wird immer schlimmer. Zuletzt sind es die Gräuelberichte aus Butscha, der Vorstadt von Kiew, die erschüttern.

Die Liste der Vorwürfe wächst. In Bezug auf die Art der Verbrechen wird eine Grenze nach der nächsten verschoben. Erlasst deshalb einfach jetzt den internationalen Haftbefehl gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Gebt ihm seinen Pariastatus auch auf Papier. Und baut dann das Verfahren gegen ihn und seinen inneren Kreis auf, damit kein Verbrechen übersehen wird."

"Sanktionen gegen Russland müssen verschärft werden"

Die belgische Zeitung "De Standaard" schreibt: "Ob der russische Kriegsverbrecher Wladimir Putin und seine Kumpane jemals vor Gericht gestellt werden, ist ungewiss. Aber mit der Aufdeckung von Massengräbern gerät der Ukraine-Konflikt in eine neue Phase. (...) Zunächst mal müssten die Sanktionen verschärft werden, damit Russland die Kriegsanstrengungen nicht länger durchhalten kann. Vorläufige Analysen deuten darauf hin, dass das bisherige Herangehen der russischen Gesellschaft nicht genügend Schmerzen bereitet.

Zugleich müssen die Ukrainer weitere Fortschritte auf dem Schlachtfeld machen. Dafür ist uneingeschränkte und anhaltende militärische Unterstützung erforderlich. (...) Auch in Syrien und Tschetschenien schreckte Putin nicht vor Massenmorden zurück. Deshalb muss er unbedingt gestoppt werden. Unserer europäischen Sicherheit ist nicht gedient mit einem brüchigen Waffenstillstand, bei dem die Ukraine zu einem instabilen Land wird, das kaum Mittel für den Wiederaufbau hat. Ein schlechtes Friedensabkommen wäre der Vorbote einer neuen Aggression." 

"Verantwortliche vor Gericht"

Zu den Berichten über mutmaßliche russische Kriegsverbrechen in der Ukraine meint die Londoner "Times": "Es versteht sich von selbst, dass die Beweise für diese Verbrechen akribisch gesammelt und alle Anstrengungen unternommen werden müssen, um die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Das muss auch Putin selbst und Mitglieder des inneren Kreises des russischen Präsidenten einschließen. Genau so, wie hochrangige Nazis, die an Adolf Hitlers Völkermord beteiligt waren, vor einem internationalen Gericht in Nürnberg angeklagt wurden. (...)

Boris Johnson hat recht, wenn er versucht, die Ukraine mit den modernsten verfügbaren Waffen auszurüsten, einschließlich Anti-Schiff-Raketen. Andere westliche Regierungen sollten ähnliche Entschlossenheit zeigen. Die Argumente für ein Verbot der Einfuhr von russischem Öl und Gas sind inzwischen überwältigend. Ja, die Kosten für die europäische Wirtschaft werden lähmend sein. Aber der Preis für einen Sieg des verbrecherischen Regimes von Putin wäre noch höher."

"Archaischer Ausbruch sinnloser Gewalt und Brutalität"

Die "Neue Zürcher Zeitung" kommentiert:"Hier geht es um einen archaischen Ausbruch sinnloser Gewalt und Brutalität gegen unbeteiligte Menschen und gegen die Zivilisation an sich. Und für diese Verbrechen ist nicht allein Präsident Putin verantwortlich. Mit diesem Russland kann kein Deal gemacht werden, der den westlichen Maßstäben von Moral und Menschlichkeit standhält. Diesem menschenverachtenden Staat kann nicht das Schicksal von Millionen ukrainischen Bürgern im Osten überlassen werden, solange deren Rettung möglich erscheint. 

Es ist dem heroischen Kampf der Regierung in Kiew und von Hunderttausenden von tapferen Ukrainerinnen und Ukrainern zu verdanken, dass diese Hoffnung überhaupt noch besteht und dass die Welt die wahre Fratze Russlands zu sehen bekommt. Wer auch immer im Westen sich für Frieden und Gewaltlosigkeit in der Welt einsetzt, muss jetzt begreifen: Diese Ziele sind nicht durch Nachgeben und Verhandeln mit Wladimir Putin zu erreichen. (...)"

Gegen den Horror von Butscha

Die portugiesische Zeitung "Público" schreibt: "Einige Äußerungen von Präsident Joe Biden wurden von der US-Diplomatie und seinen Verbündeten schnell abgeschwächt. Er nannte Putin einen 'Kriegsverbrecher' und 'Schlächter" und fügte hinzu: 'Um Gottes willen, dieser Mann kann nicht an der Macht bleiben.' Hatte Mariupol bereits gezeigt, dass der erste Vorwurf richtig war, zeigen die Bilder der Gräueltaten in Butscha, dass die Bezeichnung 'Schlächter' leider auch stimmt.

Sind es Einzelfälle verwirrter Soldaten oder ein Verhalten, das von der Idee der 'Entnazifizierung' der Ukraine geprägt ist? Sicher ist, dass es mit diesen Grausamkeiten der 'Befreiungsarmee' immer schwieriger wird, den Satz, dass 'dieser Mann nicht an der Macht bleiben kann', nicht für richtig zu halten. Doch dem steht entgegen, dass der Westen weiter mit Russland umgehen muss und es sich um einen Diktator mit Atomwaffen handelt. Sollte der Westen also nichts tun? Nein, im Gegenteil, die Vorstellung, dass Putin am Ende trotz all des Entsetzens über seinen Einmarsch in die Ukraine weiter im Kreml sitzt, macht es umso dringlicher, ihm einen eventuell behaupteten Sieg so bitter wie möglich zu machen."

Kriegsverbrechen erhöhen Druck auf westliche Länder

Kriegsverbrechen erhöhen Druck auf westliche Länder Die Amsterdamer Zeitung "De Telegraaf" meint: "Die Beweise für russische Kriegsverbrechen scheinen sich zu häufen. Gräueltaten sollen nicht nur in Butscha und der zerstörten Stadt Mariupol begangen worden sein. Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" kann nach eigenen Angaben beweisen, dass auch in anderen Regionen Zivilisten Opfer von 'unsäglichen, vorsätzlichen Grausamkeiten' geworden sind. (...)

Die schrecklichen Bilder werden den Druck auf die westlichen Länder erhöhen, mehr Sanktionen gegen Russland zu verhängen und der Ukraine stärkere Waffen zu liefern. (...) Es ist nur logisch, dass nun auch eine gründliche internationale Untersuchung der Verstöße gegen das Kriegsrecht und wegen der Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet werden muss."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. April 2022 um 11:00 Uhr.