Blick auf die Antoniwka-Brücke | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Kiew attackiert wichtige Brücke bei Cherson

Stand: 27.07.2022 18:53 Uhr

Die Ukraine erhöht den Druck auf russische Truppen im Süden des Landes. Nahe Cherson wurde eine strategisch wichtige Brücke durch Angriffe schwer beschädigt. Das dürfte die Logistik für Russland deutlich erschweren.

Von Palina Milling, WDR, für das ARD-Studio Moskau

Das ist eine der wichtigsten Nachrichten heute in der Ukraine - die Antoniwkabrücke in der Nähe der Stadt Cherson ist nicht mehr befahrbar. Mehrere aktuelle Aufnahmen der Brücke sind im Laufe des Tages aufgetaucht. Sie zeigen große und viele Löcher in der Fahrbahn.

Palina Milling

Nach einigem Zögern erklären die Separatisten, es gebe Schäden. "Der Verkehr über die Brücke ist gesperrt. Allerdings ist die Hysterie, die von den ukrainischen Medien verbreitet wird, mit dieser Brücke sei schon der Ausgang des Krieges entschieden worden, bloß ein Bluff", so Kirill Stremousow, Vertreter der russischen Besatzerverwaltung. "Und auf die Militärinfrastruktur wird sich das überhaupt nicht auswirken."

Antoniwkabrücke strategisch wichtig

Die ukrainische Seite sieht das ganz anders. Das Militär hält das massive Bauwerk für strategisch wichtig. Die Antoniwkabrücke führt über den Fluss Dnepr in die Vororte der besetzten Stadt Cherson. Mehr als 1300 Meter lang, ist sie Teil einer der wichtigsten Verkehrsachsen Richtung Halbinsel Krim.

Beim Einmarsch der russischen Truppen nach Cherson spielte sie eine entscheidende Rolle. Über die Brücke werden Waffen transportiert und Einheiten verlegt. Wie es aussieht, ist das nicht mehr möglich. "Wir zerstören nicht die Infrastruktur, wir zerstören die Pläne des Feindes", so die Sprecherin der ukrainischen Streitkräfte Natalja Humenjuk.

Zeit für Ukraine drängt

Das dürfte heißen: Kein Totalschaden für die Brücke, aber ein schwerer Schlag für die russische Logistik. Kein Waffennachschub, kein Rückzug auf diesem Wege. Das könnte der ukrainischen Seite die Rückeroberung der Stadt erleichtern. Allerdings machte Humenjuk deutlich, dass die geplante Gegenoffensive zäh wird. Das Militär rückt allmählich vor. Heute wurde bekannt, dass zwei weitere Siedlungen befreit wurden.

Die ukrainische Seite muss vorankommen, weil die Separatisten aufs Tempo drücken. Sie kündigen sogenannte Referenden an. Angeblich werden sogar Wahlkomitees gegründet. Bereits Anfang September könnten die Gebiete von Russland annektiert werden.

Vorbereitungen für Getreideexport

Weiter westlich der Region Cherson gibt es auch Neuigkeiten: In den Schwarzmeerhäfen bereitet man sich auf die Getreideexporte vor. Das Abkommen zwischen der Ukraine, der Türkei und den Vereinten Nationen über die Getreideexporte sieht vor, dass sie über drei Häfen ablaufen - Odessa, Tschornomorsk und Piwdennij.

Alle drei Häfen liegen im Gebiet Odessa. "Die Experten der Marine haben sich nun der Arbeit angeschlossen, um die sicheren Routen für die Getreidefrachter festzulegen", so Serhij Bratschuck, Sprecher der Gebietsverwaltung Odessa. "Es geht darum, die Wege zu bestimmen, die die Schiffe ohne Gefahr einschlagen können. An dieser Arbeit sind sowohl zivile, als auch militärische Fachkräfte beteiligt."

Das ukrainische Militär hatte die Gewässer vor der Küste vermint, um eine Landung russischer Truppen vom Meer aus zu verhindern. Nun sollen die Schiffe daran vorbei geleitet zu werden.

Etwa 20 Millionen Tonnen Getreide sollen über die drei Häfen ausgefahren werden. Die internationale Schifffahrtsorganisation BIMCO mit Sitz in Dänemark hält das für eine Herausforderung. Sie teilte mit, eine so große Menge Getreide sei über die drei Häfen noch nie umgeschlagen worden. In Istanbul wurde heute ein Organisationszentrum eröffnet, das die Exporte koordinieren und absichern soll.

Lage in Odessa bleibt angespannt

In der Ukraine zeichnet sich inzwischen ab, wie die Frachter begleitet werden: "Der Schiffsverkehr wird als Karawane organisiert. Und die Karawane wird einem führenden Schiff folgen. Dieses wird die Frachter durch den Fahrweg anführen, sobald dieser geklärt ist", erklärt Bratschuck. Man hoffe, dass die ersten Schiffe schon in den nächsten Tagen zu den Zielhäfen aufbrechen.

Die militärische Lage in der Region Odessa bleibt dennoch angespannt. Russland hatte am Wochenende den Hafen der Stadt angegriffen. Auch an darauffolgenden Tagen wurden aus dem Küstengebiet weitere Raketeneinschläge gemeldet.