Luftaufnahme der Gemeinde Insul im Ahrtal. | dpa
Interview

Hochwasserschutz im Ahrtal "Hier ist Ingenieurskunst gefragt"

Stand: 08.08.2021 18:51 Uhr

Nach der Starkregenkatastrophe wird das Ahrtal nicht so bleiben wie es war. Was sich verändern muss, damit Menschen weiterhin am Fluss leben können, erklärt der Biologe Wolfgang Büchs im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: 2020 veröffentlichte das Landesamt für Umwelt in Rheinland-Pfalz die letzte von drei Studien über das Ahrtal, an der Sie mitgewirkt haben. Was ist das Besondere an der Gegend?

Wolfgang Büchs: Das Tal hat mich wegen seiner Vielfältigkeit sehr fasziniert: Neben sonnenexponierten Weinanbaugebieten mit submediterranem Gepräge gibt es auf sehr kurze Distanz Wechsel zwischen kontinentalen, atlantischen und borealen Klimaeinflüssen. Bei der Studie wurden mehr als 4300 Tierarten, meist Insekten, und etwa 1200 Pflanzenarten registriert.

Wolfgang Büchs | Wolfgang Büchs
Zur Person

Der Biologe Wolfgang Büchs lehrt als Gastprofessor an der Universität Hildesheim. Er war einer der Hauptautoren einer dreibändigen Monografie über das Ahrtal, das im Auftrag des Landesamts für Umwelt in Rheinland-Pfalz publiziert wurde. Die Bände erschienen 1993, 2003 und 2020. Büchs ist in Bonn geboren. Als Student beteiligte er sich an der  Biotopkartierung des Ahrtals.

tagesschau.de: Was ging Ihnen durch den Kopf als sie von der Starkregen-Katastrophe hörten?

Büchs: Ich habe mich gewundert, dass ein solch katastrophales Ereignis dort heute noch so passieren kann. Gleichzeitig bin ich erstaunt, dass entsprechende Hochwasser-Schutzmaßnahmen nicht getroffen wurden, obwohl sie schon seit 100 Jahren im Gespräch sind, denn seit Jahrhunderten ist es im Abstand von etwa 100 Jahren immer wieder zu katastrophalen Fluten gekommen. In den 1920er-Jahren wurden die schon sehr konkreten Pläne zugunsten des Baus des Nürburgrings zurückgestellt. Dazu zählen Maßnahmen wie Hochwasser-Rückhaltebecken, die insgesamt 11,3 Millionen Kubikmeter Wasser hätten zurückhalten können.

tagesschau.de: Warum sind die nicht gebaut worden?  

Büchs: Der Nürburgring war für die sehr strukturschwache Region damals sehr wichtig. Warum aber die Planungen zum Hochwasserschutz in der Folgezeit nicht mehr aufgenommen wurden? Eine richtige Erklärung habe ich dafür nicht. Es gibt ein sehr großes Naturschutzprojekt an der oberen Ahr, das 2007 begann und vom Bundesamt für Naturschutz finanziert wird. Hier hat man viele gute Maßnahmen geplant, nur den Hochwasserschutz nicht wirklich mitberechnet. In vielen Bereichen des Oberlaufs hat man der Ahr mehr Raum gegeben. In den Mündungsbereichen der Zuflüsse wurden sogenannte "Störsteine" eingebracht und Uferbepflanzungen durchgeführt, die für eine größere Dynamik und Strömungsvielfalt sorgen. Auch die Wiesenflächen wurden vergrößert. Dennoch fehlen - ausgehend von der Katastrophe von 1910 - die konkreten Berechnungen zum erforderlichen Hochwasserschutz. Im Juni 2016 gab es wieder eine deutliche Flut: Das wäre für mich ein Warnsignal gewesen.

Andere Naturschutzmaßnahmen waren meines Erachtens eher kontraproduktiv, etwa dass kleinere Stauwehre entfernt wurden, um Fischen und der gesamten Gewässerfauna eine Durchlässigkeit zu schaffen, was sich auch über Fischtreppen erreichen lässt. Hierdurch erhöhte sich die Abflussgeschwindigkeit. Sehr wichtig sind auch die forstwirtschaftlichen Eingriffe. Fichtenkulturen wurden und werden in größerem Umfang abgeholzt. Bei Starkregen fördert das den Ablauf des Wassers. Das ist ein Riesenproblem, nicht nur in der Eifel. Der Wald spielt eine entscheidende Rolle. Wir brauchen einen natürlichen Mischwald mit standortgerechten Baumarten wie zum Beispiel Rotbuchen, Eichen oder Eschen in den Hangbereichen sowie Schwarzerlen, Pappeln und Weiden in den Talauen.  

Hohe Betonmauern statt kleine Terrassen

tagesschau.de: Wer hätte aus Ihrer Sicht handeln müssen?

Büchs: Das Naturschutzprojekt liegt in der Verantwortung des Landes und natürlich auch des Bundes, der dies mit zwölf Millionen Euro fördert. Dieses gesamte Projekt muss jetzt unter dem Primat "Hochwasserschutz" möglichst naturschutzkonform neu konzipiert werden. Es muss auf alle Nebenbäche der Ahr erweitert werden. Das kostet dann nicht zwölf Millionen, sondern vielleicht 200 Millionen.

tagesschau.de: Können Menschen in Zukunft wieder direkt an der Ahr wohnen?

Büchs: Das muss berechnet werden. Angesichts der Klimaveränderung müssen wir damit rechnen, dass solche Starkregen und Hochwasser in kürzerer Folge als bisher auftreten. Nur wenn der Schutz vor Hochwassern gewährleistet werden kann, kann man auch an der Ahr weiter wohnen. Doch Änderungen wird es geben: Beispielsweise erstreckt sich bei Altenahr-Altenburg ein ehemaliger Altarm um einen Felsen. Das Gebiet wurde seit den 1960er-Jahren kontinuierlich besiedelt und zugebaut. Hinzu kommt, dass die Maßstäbe, die an Hochwassergefährdungskarten des Landes angelegt werden, überdacht werden müssen. Denn nach diesen Karten hätten die Bewohner dieses Ortes bei einem Extremhochwasser, das statistisch nur alle 200 Jahre auftreten soll, höchstens nasse Füße gekriegt. Die Häuser dort standen jetzt aber bis zur Dachluke unter Wasser.

Es sollte auch nicht passieren, dass in die Talaue Gewerbebetriebe gebaut werden, die große Flächen versiegeln. Auch beim Weinbau muss man entgegensteuern. Beispielsweise wurde das Gebiet zwischen Rech und Dernau in den 1970er-Jahren flurbereinigt - eine ökologische Katastrophe schlechthin. Man hat sehr steile, große Terrassen geschaffen, mit sehr hohen, betonierten Mauern. Um das Wasser abzuführen, wurden steile Abflusskanäle geschaffen. Die Rebzeilen werden in Hangrichtung bewirtschaftet und der Unterwuchs in den Rebgassen zum Teil mit Herbiziden entfernt. Hier muss gegengesteuert werden. Ursprünglich war die Ahr bekannt für ihre kleinen, von Trockenmauern eingefassten Terrassen. Diese sind viel flacher und stärker abgestuft. Dies führt zu einem deutlich langsameren Wasserabfluss.  

Besiedlung unter veränderten Bedingungen weiter möglich

tagesschau.de: Heißt das, Menschen können an der Ahr wohnen, wenn man das entsprechende Geld und Know-how einsetzt?

Büchs: Ja, auf jeden Fall. Mit entsprechenden Maßnahmen ist dies möglich. Das Ahrtal ist wunderschön. Die Leute wollen ihre Heimat nicht verlieren. Allerdings muss man den gesamten Katalog hochwasserreduzierender Maßnahmen konsequent umsetzen. Das betrifft die Landwirtschaft genauso wie den Bau von Wegen und Straßen. Wir brauchen weniger Versiegelung und Wege aus sickerfähigen Materialien. Jeder Baum am Wasser hilft, die Fließgeschwindigkeit zu reduzieren. Ebenso hilfreich ist der Einbau von Sickerschächten, Rigol-Zisternen oder Regenwasserspeicher, die sich in die Straßen integrieren lassen.

tagesschau.de: Was sind nun die vordringlichsten Schritte?

Büchs: Zuerst einmal muss die Katastrophe untersucht und verarbeitet werden. Man muss analysieren, wo sind die Starkregen aufgetreten, wie kam es dazu, dass sich eine so massive Flutwelle aufbauen konnte, dass sogar der Pegel bei Altenahr bei 5,72 Metern abgerissen wurde und nach Berechnungen bei sieben Metern - manche sagen sogar bei neun Metern - landete. Sie müssen immer davon ausgehen, dass es in Zukunft über den jetzigen "worst case" noch hinausgehen kann. Davon ausgehend muss man den Hochwasserschutz planen.

Das Entscheidende ist, die Hochwasserspitzen der Ahrzuflüsse so in den Griff zu bekommen, dass sie sich nicht überlappen und dann zu einer sehr hohen Flutwelle akkumulieren. Wir brauchen ein intelligentes Hochwassermanagement-System. Das ist eine Aufgabe, hier ist Ingenieurskunst gefragt. Auch das Meldesystem muss verbessert werden. Das war auch kein Ruhmesblatt, was dort abgeliefert wurde. Es gab sicherlich Hochwasser-Szenarien. Aber die waren offenbar nicht ausreichend und gut genug. Also müssen wir jetzt alles untersuchen und daraus die Schlussfolgerungen ziehen, dass solche Katastrophen nicht nochmals eintreten.

Das Interview führte Iris Völlnagel, SWR.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. August 2021 um 13:11 Uhr.

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KOMMENTARE

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Anna-Elisabeth 09.08.2021 • 00:00 Uhr

@23:26 von Parsec

//Es geht darum, die umliegenden Wälder und Böden zu erhalten, damit das Regenwasser von den gut durchwurzelten Böden aufgenommen werden kann. Werden Wälder kahl geschlagen, bedeutet das einen erheblichen Verlust, Wasser überhaupt noch aufnehmen zu können. Der baumlose Boden ist insbes. durch die Befahrung der Hulzrückemaschinen derart komprimiert, dass es bei Starkregen zu Sturzbächen kommt, anstatt dass das Wasser vom Boden aufgenommen wird. So habe ich das verstanden.// So habe ich das auch verstanden. Es lohnt sich, auch die Ausführungen von Peter Wohlleben dazu zu lesen.