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Studien zu Covid 19 Zu hastig, zu schlampig, zu leichtfertig?

Stand: 29.07.2021 06:33 Uhr

Mehr als eine halbe Million wissenschaftliche Texte sind zu Covid-19 veröffentlicht worden. Die Flut an Publikationen bringt die wissenschaftlichen Prüfsysteme an ihre Grenzen - mit potenziell gefährlichen Auswirkungen.

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de 

In wohl keinem Gebiet wird heute mehr geforscht als zur Covid-19-Erkrankung. Tausende Studien kommen jeden Monat auf den Markt - von Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und anderen Institutionen. Bereits im Mai 2020 beklagte das Magazin "Science", dass Wissenschaftler in "Covid-19-Studien ertrinken" würden - sowohl diejenigen, die auf dem Laufenden bleiben wollen als auch jene, die die Ergebnisse überprüfen. Aktuell listet eine Datenbank mehr als eine halbe Million Publikationen zu dem Thema auf.  

Wulf Rohwedder

Dabei gelangen auch immer wieder gefälschte, schlampig erstellte oder wissenschaftlich unseriöse Texte durch die redaktionellen Prüfungsprozesse und müssen von den Publikationen zurückgezogen werden - nicht selten, wenn sie bereits wissenschaftliche oder mediale Aufmerksamkeit erregt haben. So geschehen bei gleich zwei Studien von Harald Walach.

Absurde Behauptungen als Wissenschaft verkauft

Die Wissenschaftsautoren Ivan Oransky und Adam Marcus dokumentieren seit mehr als zehn Jahren für ihren Blog "Retraction Watch" die Entwicklung - und beschäftigen sich aktuell intensiv mit zurückgezogenen Studien zu Covid-19. Darunter sind höchst obskure Untersuchungen: Eine, der zufolge 5G-Mobilfunksysteme angeblich Zellen zur Produktion von Corona-Viren anregen; eine andere zu Amuletten, die gegen die Krankheit helfen sollen; aber auch eine international vielbeachtete Studie zum angeblichen Nutzen von Ivermectin gegen Covid-19, die offenbar auf gefälschten Daten beruhte.

Einen im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten höheren Anteil von zurückgezogenen Covid-19-Studien habe man dabei bisher nicht festgestellt, erklärt Oransky gegenüber tagesschau.de: "Als Faustregel gilt, dass von 10.000 Studien etwa vier zurückgezogen werden. Wir haben bisher 146 zurückgezogene Covid-19-Studien aufgelistet, was hochgerechnet auf einem ähnlichen Niveau liegt." 

Peer-Review-Verfahren

Im Peer-Review-Verfahren (Überprüfung durch Gleichgestellte) werden wissenschaftliche Arbeiten, insbesondere Aufsätze für wissenschaftliche Publikationen, durch unabhängige Gutachter des gleichen Fachgebiets überprüft. Äußern diese Kritik an dem Text, müssen die Autoren diese zufriedenstellend widerlegen oder ihre Arbeit korrigieren.

Im allgemeinen bleiben die Peer Reviewer gegenüber den Forschern anonym. Einige Auftraggeber erlauben es aber den einreichenden Forschern, selbst Prüfer vorzuschlagen oder bestimmte Reviewer auszuschließen.

Weitere Zurückziehungen zu erwarten

Allerdings rechnet Oransky nicht damit, dass dies so bleibt: Vor der Pandemie dauerte es durchschnittlich etwa länger als ein Jahr, oft bis zu 18 Monate, bis eine Studie zurückgezogen wurde - manchmal sogar deutlich länger, weil Proteste der betroffenen Wissenschaftler geprüft und Widersprüche zu klären waren. Daher sei anzunehmen, dass noch deutlich mehr Streitfälle zu erwarten seien. 

Volker Stollorz, Geschäftsführer des Science Media Centers (SMC), glaubt ebenfalls, dass es noch weitere Zurückziehungen geben könnte: Es habe eine wahre Flut von Preprints - also noch nicht überprüften Vorabveröffentlichungen - und vom Design her schlechten Studien gegeben. Diese könnten die in ihnen gestellten Fragen nicht beantworten - zum Beispiel aufgrund kleiner Fallzahlen, methodischer Fehler oder sonstiger Schwachpunkte. Zudem hätten vor allem unbekannte Forschende oder solche mit bestimmten Absichten ein starkes Interesse, Papiere mit erwünschten, aber nicht belegten Aussagen zu veröffentlichen. 

Herausgeber teilweise vorsätzlich getäuscht

Hinzu komme , dass "Autoren mit Interessen an der Verschmutzung der wissenschaftlichen Kommunikationsorgane aktiv versuchen, die elementaren methodischen Standards zu unterlaufen und erhebliche Energie entfalten, krude Thesen irgendwo als 'Forschung' zu publizieren", sagt Stollorz. Bei Nicht-Experten könne das Verwirrung stiften, wenn etwa steile Thesen öffentlichkeitswirksam zum Teil als Wissenschaft vermarktet werden, wie im Fall der Walach-Publikationen. Zum Glück würden solche fehlerhaften Studien in renommierten Journals zumindest nach ihrer Veröffentlichung schneller enttarnt.

Nicht zuletzt gebe es auch ökonomische Interessen, die das Peer-Review-System schwächen, so Stollorz: "Da die Zahl der wissenschaftlichen Publikationsorte weiterhin aus ökonomischen Gründen stark ansteigt und selbst renommierte Verleger immer neue Journale um ihre 'Flagship Journals' gründen, könnte der Anteil von mangelhaften Publikationen vor allem in minderwertigen Zeitschriften stark ansteigen", befürchtet er. Als Wissenschaftsjournalist erhalte er allein drei Anfragen pro Tag, doch in einem "wissenschaftlichen Journal" mit wohlklingendem Namen eigene Artikel zu veröffentlichen - wenn er denn dafür bezahlen wolle.

Zu wenig Zeit, zu wenige Experten

Die Pandemie hat für die Wissenschaft in der Tat wie ein Durchlauferhitzer gewirkt: Seit Juni beträgt die durchschnittliche Zeit von der Einreichung einer Studie bis zu deren Annahme gerade mal sechs Tage, sagt Wissenschaftsjournalist Oransky. Jedes eingereichte Papier werde im Durchschnitt von drei Gutachtern geprüft, die dafür jeweils etwa vier bis acht Stunden aufwenden müssten - und das nur in der ersten Runde. Sollte es Zweifel geben, müssen sogar noch weitere Experten hinzugezogen werden.  

Dies führt zu Überlastungen - und dazu, dass auch Prüfer eingesetzt werden, denen die notwendige Expertise fehlt. Er sei selbst von vier Publikationen gebeten worden, Covid-19-Studien zu überprüfen, berichtet Oransky, obwohl er in dem Fachgebiet gar nicht forsche: Er habe lediglich ein Papier über zurückgezogene Covid-19-Studien veröffentlicht und sei damit als Experte zu der Krankheit in den Datenbanken gelandet. 

SMC-Geschäftsführer Stollorz beobachtet die Entwicklung ebenfalls mit großer Skepsis: "Eine der Herausforderungen in dieser Pandemie war der Erhalt hoher Peer-Review-Standards trotz extremer Beschleunigung der Begutachtung. Auch reputierte wissenschaftliche Journale mit guter Qualitätskontrolle hatten einige spektakuläre Zurückziehungen." 

Eile kann auch sinnvoll sein

Allerdings habe der Zwang zur Eile nicht nur Nachteile, meint Oransky: "Wir leben in einer besonderen Zeit". Es gebe durchaus gute Gründe dafür, während einer Pandemie Studien schnell zu veröffentlichen. "Sonst hätten wir bis heute noch keinen Impfstoff. Wir sind einfach nicht ehrlich über die Limitierungen des Prozesses: Der Peer-Review-Prozess wird niemals die hohen Erwartungen erfüllen können, die man an ihn setzt".

Oransky sieht jedoch Möglichkeiten, diesen zu verbessern: "Ich denke zum Beispiel, dass ‘open reviewing’, selbst wenn es anonym ist, eine große Hilfe wäre. Bei diesen Verfahren werden die Ergebnisse und Kommentare der Herausgeber, Autoren und Gutachter, eventuell auch ihre Identität, zu jedem Zeitpunkt des Peer-Review- oder Veröffentlichungsprozesses offengelegt. "Wir würden dann auch erfahren, warum Papiere abgelehnt wurden und was an diesen problematisch war."

"Das Peer-Review-Verfahren ist kein binärer Prozess", gibt Oransky jedoch zu bedenken - das Ergebnis ist also nicht immer eindeutig und endgültig: "Ein Papier, das angenommen wird, muss nicht notwendigerweise korrekt sein; eins, das abgelehnt wurde, nicht falsch". 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juli 2021 um 15:37 Uhr.