Bethel-Klinikum in Bielefeld
exklusiv

Vergewaltigungen an Klinikum "Opfer zweiter Klasse"

Stand: 11.01.2024 14:46 Uhr

In einem Bielefelder Krankenhaus hat ein Assistenzarzt 2019 und 2020 viele Patientinnen vergewaltigt. Laut einer neuen Recherche gibt es womöglich weitere Opfer - doch die Staatsanwaltschaft erkennt diese bislang nicht als solche an.

Von Daniel Laufer und Lisa Wandt, RBB

Auch mehr als drei Jahre, nachdem der Bielefelder Vergewaltigungsskandal öffentlich bekannt geworden ist, wissen womöglich noch immer nicht alle Frauen, dass sie Opfer einer Sexualstraftat geworden sind. Das zeigen gemeinsame Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger" und dem "Westfalen-Blatt".

Philipp G. filmte viele seiner Taten

Die Staatsanwaltschaft Duisburg zählt demnach bislang nur jene 30 Patientinnen des Evangelischen Bethel-Klinikums als Opfer, von denen es Videos gibt. Der Assistenzarzt Philipp G. hatte diese betäubt und eine Vielzahl seiner Taten gefilmt. Vier weitere Patientinnen soll G. zudem betäubt haben - ob er diese auch vergewaltigte, ist unklar.

Eine davon ist Britta Schulte (Name geändert). "Ich werde als Opfer zweiter Klasse behandelt", sagt sie. "Inzwischen bin ich richtig wütend." Schultes Name steht auf einer Liste von Zimmernachbarinnen vergewaltigter Frauen.

Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft hatte das Klinikum Ende 2022 Einsicht in die Daten der Patientenverwaltung gewährt. Im Februar 2023 nahm die Polizei Bielefeld deshalb Kontakt zu Schulte auf. Die Ermittler wollten mit ihr sprechen - als mögliche Zeugin.

Zwischen Februar 2019 und April 2020 betäubte und vergewaltigte der Assistenzarzt Philipp G. zahlreiche Patientinnen. Nach seiner Festnahme im Herbst 2020 beging er Suizid. In seiner Wohnung hatte die Polizei Festplatten mit Videos seiner Taten gefunden, außerdem eine Liste mit 80 Namen von Frauen.

Betroffene Frauen zunächst nicht informiert

Dennoch entschied die Staatsanwaltschaft Bielefeld zunächst, die betroffenen Frauen nicht zu informieren. Sie stellte die Ermittlungen ein, ebenso die Generalstaatsanwaltschaft Hamm. Später eröffnete die Staatsanwaltschaft Duisburg das Verfahren wieder, im Januar 2022 ließ sie Betroffene durch die Polizei informieren.

Schulte hatte im Sommer 2019 sechs Tage auf der neurologischen Station des Klinikums verbracht. Für eine Nacht teilte sie sich das Zimmer mit einer jener Frauen, von denen es Videobelege gibt, die zeigen, dass Philipp G. sie betäubt und sexuell genötigt hat.

Heute sagt Schulte, sie sei bei der Vernehmung im Februar 2023 überrascht gewesen, als Zeugin behandelt worden zu sein. "Ich wurde immer wieder gefragt, ob mir bei meiner Bettnachbarin etwas aufgefallen ist." Dabei habe ein Arzt ihr selbst einen Zugang gelegt und Fragen dazu nicht nachvollziehbar beantworten wollen.

Philipp G. identifiziert

Auf einem Foto der Polizei hat Schulte diesen Arzt als Philipp G. identifiziert. Die Ermittler seien nach Schultes erster Vernehmung davon ausgegangen, sie sei betäubt worden, damit sich G. an ihrer Zimmernachbarin vergehen kann, schreibt die Staatsanwaltschaft an Kontraste, "Kölner Stadt-Anzeiger" und "Westfalen-Blatt". Von Schulte wurde bei G. hingegen kein Videomaterial gefunden.

Schulte geht inzwischen davon aus, dass sie im Bethel-Klinikum Opfer einer durch Philipp G. verübten Sexualstraftat wurde. Nach ihrem Klinikaufenthalt habe sie auf einmal anders auf ihren langjährigen Partner reagiert. "Wenn er mich im Schlaf von hinten umarmte, war ich in Schweiß gebadet und bekam Herzklopfen." Damals habe sie sich das nicht erklären können, heute vermutet sie eine mutmaßliche Vergewaltigung als Ursache. Ihre Beziehung sei deshalb in die Brüche gegangen.

Zugänge gelegt

Im November 2023 wandte sie sich deshalb an die Anwältin Stefanie Höke, die noch weitere Opfer von Philipp G. vertritt. In deren Begleitung sagte Schulte im Dezember erneut bei der Polizei aus. Inzwischen hatte Schulte sich an etwas erinnert: Philipp G. habe ihr den Zugang erst gelegt, nachdem sie bereits in ein anderes Zimmer verlegt worden war. Einen Zusammenhang mit der sexuellen Nötigung ihrer ersten Zimmernachbarin schließt Schulte deshalb aus.

Die Staatsanwaltschaft schreibt, laut Dienstplan habe Philipp G. ab dem zweiten Tag von Schultes Klinikaufenthalt Urlaub gehabt. Allerdings soll G. auch in anderen Fällen außerhalb seiner Dienstzeiten im Klinikum gesehen worden sein - auch im Zusammenhang mit bei Patientinnen gelegten Zugängen. "Ich habe das ungute Gefühl, dass viele Leute überhaupt nicht wissen, was mit ihnen passiert ist", sagt Schulte. "Weil sie sich nicht gewundert haben, dass ihnen ein Zugang gelegt wurde."

"Diese Sedierung erfolgte zu Unrecht"

Dass Schulte ein Zugang gelegt wurde, räumt auch die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel ein. Sie ist Hauptgesellschafterin des Klinikums. Ihr Vorsitzender bat Schulte im August 2023 per Brief um Entschuldigung. Er schrieb, sie habe "ein weder verordnetes noch nötiges Betäubungsmittel" erhalten. "Diese Sedierung erfolgte zu Unrecht."

Für die Opfer des sexuellen Missbrauchs durch Philipp G. haben das Bethel-Klinikum und die Stiftung einen Unterstützungsfonds eingerichtet. Auch Schulte könne darauf zugreifen, teilte die Stiftung mit - wenn auch nicht in selber Form wie die 30 der Polizei bekannten Frauen, die als Patientinnen von Philipp G. vergewaltigt wurden, sondern "in etwas abgewandelter Form", wie es in einem Schreiben der Stiftung an Schulte heißt.

Bis zu 10.000 Euro stünden ihr etwa für Therapien zur Verfügung. Die von den Ermittlern festgestellten Vergewaltigungsopfer haben darüber hinaus hohe Entschädigungszahlungen enthalten. "Die Opfer des sexuellen Missbrauchs ermittelt die Staatsanwaltschaft", teilen das Klinikum und die Stiftung auf Anfrage mit.

Ermittler suchen weitere Zeugin

Die Ermittler versuchen nun, eine ältere Frau zu finden, mit der Schulte ihr zweites Zimmer im Klinikum geteilt hat. Diese Frau, sagt Schulte, habe zu ihr eines Morgens gesagt: "Sie hatten aber noch spät Besuch!" Damals habe sie damit nichts anfangen können. Heute vermutet sie dahinter den Hinweis auf einen nächtlichen Übergriff durch Philipp G.

Bei ihrer ersten Vernehmung im Februar 2023, erzählt Schulte, habe die Polizistin ihr ein Blatt Papier in die Hand gedrückt. Aufgelistet waren die bei der Obduktion festgestellten Geschlechtskrankheiten von Philipp G.

Die Staatsanwaltschaft schreibt dazu auf Anfrage, dieses "Merkblatt" sei "höchst vorsorglich" überreicht worden. "Da die Zeugin jedenfalls einen Zugang erhalten hat, kann, auch wenn keine Bild- oder Videoaufzeichnungen vorliegen, letztlich ein Sexualdelikt nicht mit absoluter Gewissheit ausgeschlossen werden."

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Kontraste am 15. April 2021 um 21:45 Uhr im Ersten.