Krankenhaus Bethel | rbb/ Kontraste
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Chronik eines Klinikskandals Betäubt und vergewaltigt

Stand: 16.04.2021 16:49 Uhr

Über Monate konnte ein Arzt an der Bielefelder Uni-Klinik Frauen betäuben und anschließend vergewaltigen. Kontraste-Recherchen belegen, dass manche Taten womöglich hätten verhindert werden können.

Von Simone Brannahl und Lisa Wandt, rbb

Carina S. litt 2019 unter häufigen Schwindelanfällen und brach ab und an zusammen. Im Juli 2019 suchte sie daher Hilfe im Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld. Dort wurde sie stationär in der Neurologie aufgenommen.

Irgendwann gegen Mitternacht, so erinnert sich Carina S., riss ein Assistenzarzt plötzlich die Tür auf und teilte ihr mit, er müsse ihr einen Venenzugang legen. Sie verlor das Bewusstsein und wachte Stunden später kurz auf - mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen. Am nächsten Morgen lag der vom Arzt gelegte Zugang auf dem Boden und Carina S. fand ein Fläschchen im Bett: Propofol stand darauf, ein Narkosemittel, das auch das Gedächtnis ausschaltet, wie sie später herausfand.

Popofol-Flasche

Im Bett von Carina S. lag eine Betäubungsmittel-Flasche.

Sie meldete den Fund einer Schwester. "Es war für mich ganz klar, wenn jetzt irgendwas an dieser Situation ungewöhnlich ist oder irgendwie was passiert ist, was nicht hätte passieren dürfen, dann wird die Schwester wohl mit einem Arzt sprechen", berichtet sie dem ARD-Politikmagazin Kontraste.

Weitere Patientin sediert und vergewaltigt

Carina S. ist eine von mehreren betroffenen Patientinnen. Nicole T., eine weitere Patientin, lag im August 2019 ebenfalls auf der neurologischen Station. Auch während ihres Krankenhausaufenthaltes kam der Assistenzarzt nachts an ihr Bett, um einen Zugang zu öffnen. "Ich fragte ihn, was er da mache und warum", sagt sie Kontraste. "Er antwortete mir, dass er mir etwas Schönes zur Entspannung gebe, und spritzte mir etwas in meinen Zugang." Nachdem sie bewusstlos wurde und ihre Erinnerung aussetzte, wurde sie oral vergewaltigt. Der Arzt filmte seine Tat.

Als sie aufwachte, hatte Nicole T. Halsschmerzen. Sie fragte den Chefarzt bei einer Visite nach der Infusion, die sie bekommen hatte. Dieser fand solch eine Verabreichung nicht in seiner Akte und entschloss sich, sie zu entlassen. Zu dem Vorgang äußert sich die Klinik auf Anfrage nicht. Die Klinikleitung und der Chefarzt teilen jedoch mit, erst im September 2019 durch Carina S. von möglichen Vorfällen erfahren zu haben.

Nach Kontraste-Informationen erfuhr der Chefarzt des Klinikums aber bereits im August 2019 durch Nicole T. bei der Visite vom  Vorwurf einer medizinisch nicht veranlassten Narkose.

Wiederholungstat beim nächsten Klinikaufenthalt

Im September 2019 kam es zu weiteren Vergewaltigungen. Carina S. wurde wegen der Schwindelanfälle erneut stationär aufgenommen - dieses Mal lag dort auch eine andere Frau. Am späten Abend erschien der Assistenzarzt und wollte erneut einen Zugang legen, dieses Mal beiden Patientinnen - angeblich für deren MRT-Untersuchungen am folgenden Tag. Beide Patientinnen fielen in Ohnmacht. Beide Frauen wurden von dem Arzt vergewaltigt.

Opfer Carina S. | rbb/ Kontraste

Carina S. wurde mehrfach in der Klinik vergewaltigt. Bild: rbb/ Kontraste

Am nächsten Morgen informierten die Patientinnen Oberschwester und Oberarzt über den Vorfall und wollten den Grund für die Narkose wissen. Carina S. entließ sich selbst aus der Klinik und ging zur Polizei. Sie erstattete Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gegen den Assistenzarzt. Von der zweifachen, schweren Vergewaltigung ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Pflegepersonal meldete Verdacht

Ende 2019 machte auch das Pflegepersonal Meldung bei den Ärzten der Station über den Assistenzarzt. So sagt es eine Person, die in der Klinik arbeitet und anonym bleiben will. Man habe den Verdacht geäußert, dass er Drogen nehme und auch im Dienst "high" sei. Außerdem habe man sich gefragt, ob er den Frauen nicht doch mehr antue.

So hätte nach den Kontraste-Recherchen mindestens ein weiterer Fall womöglich verhindert werden können. Denn im Januar 2020 machte eine weitere Patientin Meldung über den Assistenzarzt. Daraufhin reagierte anscheinend auch der Chefarzt und untersagte dem Assistenzarzt, das Betäubungsmittel Propofol zu verwenden. Auch dürfe er keine Zugänge legen, ohne die nötige medizinische Indikation zu haben. Der Assistenzarzt solle beobachtet werden, ordnete er an.

Die Anweisungen sind eigentlich eine Selbstverständlichkeit für das gesamte medizinische Krankenhauspersonal und legen nahe, dass der Chefarzt  über das Verhalten des Assistenzarztes alarmiert gewesen sein muss. Suspendiert wurde er trotzdem nicht.

Staatsanwalt findet 80 Videodateien

Erst im April 2020, also sieben Monate nach der Anzeige, durchsuchten die Beamten die Wohnung von Philipp G. Sie fanden Drogen und Medikamente, darunter Propofol, außerdem Festplatten mit rund 80 Dateien, die die Vergewaltigungen zeigen - auch die von Carina S. und ihrer Zimmernachbarin. Der Assistenzarzt wurde festgenommen. Kurz danach erhängte er sich in seiner Zelle.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld stellte die Ermittlungen wegen des Todes des Täters ein - und entschied, die Frauen, die vergewaltigt wurden, zunächst nicht zu informieren.

Opfer erfährt von Vergewaltigung aus der Presse

Auch Nicole T. wusste im Januar 2021, anderthalb Jahre nach der Tat, nichts von der Vergewaltigung. Sie erfuhr es über die Presse und musste Klarheit bei der Polizei suchen. "Die Kommissarin sagte mir direkt, dass sie mir leider mitteilen muss, dass ich eine der betroffenen Frauen bin", sagt sie Kontraste. "Ich kann es bis heute nicht nachvollziehen, dass ich von der Polizei nicht informiert worden bin."

Was es bedeutet, mit einer unbewussten Vergewaltigung zu leben, hat die Traumapsychologin Michaela Huber erforscht. Das sei keine "Kleinigkeit, nach dem Motto 'Wenn du es bewusst nicht mehr weißt, sei froh, vergiss es.'", so Huber, "der Körper erinnert sich, die Emotionen erinnern sich." Das könne Angststörungen und Psychosen bis hin zu Suizidversuchen auslösen.

Persönlichkeitsrecht vor Opferschutz?

Wie viele Frauen Opfer und möglicherweise nicht informiert wurden, teilt die Staatsanwaltschaft nicht mit - wegen des postmortalen Persönlichkeitsrechts des Täters. Sie stellt aber klar, "dass dem Opferschutz Genüge getan wurde."

Vonseiten der Klinik heißt es jetzt, die Vorgänge würden intern aufgearbeitet. Es seien nach dem Hinweis von Carina S. und ihrer Zimmernachbarin im September 2019 "alle erforderlichen Maßnahmen eingeleitet worden, um dem Vorwurf der nicht-sachgemäßen Medikamentengabe nachzugehen."

Ermittungen gegen Vorgesetzte

Der Oberarzt habe  noch am selben Tag eine medizinisch-labortechnische Untersuchungen veranlasst. Der Vorwurf sei also ernst genommen und objektiv abgeklärt worden. Zusätzlich sei der Betäubungsmittelverbrauch der gesamten Klinik kontrolliert worden. Beide Untersuchungen hätten keine Auffälligkeiten ergeben. Es hätten sich damals keine Beweise für ein Fehlverhalten des Assistenzarztes ergeben, die Anlass dazu gegeben hätten, die Behörden einzuschalten.

Anders sieht das die Bielefelder Staatsanwaltschaft. Ihr Anfangsverdacht: Beihilfe zur Vergewaltigung durch Unterlassen gegen den Chefarzt, den Oberarzt und die Leitung der Bethel gGmbH. Die Ermittlungen dauern an.

Über dieses Thema berichtete Kontraste am 15. April 2021 um 21:45 Uhr im Ersten.