Eine Frau praktiziert Yoga in der Morgensonne
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Anbieter Yoga Vidya Yoga - um welchen Preis?

Stand: 04.09.2023 18:00 Uhr

Uneigennützigkeit und Weltverbesserung - mit solchen Versprechen wirbt der größte Yoga-Anbieter in Deutschland, Yoga Vidya. Interne Mails zeigen jedoch einen problematischen Umgang mit Mitarbeitenden und Freiwilligen.

Von Nicole Rosenbach, WDR

Der Marktführer unter den Yoga-Anbietern in Deutschland heißt Yoga Vidya. Von Bad Meinberg im Landkreis Lippe aus steuert der Verein seine Standorte, 80 Yogastudios sind es über Deutschland verteilt. Volker Bretz, Gründer und Leiter von Yoga Vidya, hat ein unvergleichliches Imperium aufgebaut, das dem gemeinnützigen Verein Umsätze im zweistelligen Millionenbereich einbringt.

Um vor allem die Marke Yoga Vidya immer weiter zu verbreiten, steckt der Verein viel Geld in Werbung. 2017 waren es allein 15 bis 20.000 Euro pro Monat für Google AdWords-Kampagnen. Dazu kümmert sich ein Team permanent um die Außendarstellung des Vereins, während Bretz bei TikTok und Youtube Tausende Videos veröffentlicht. Er erzählt von Uneigennützigkeit, Weltverbesserung und Sinnhaftigkeit in der Yoga-Welt.

Für Gäste, die zu Yoga Vidya kommen, um zum Beispiel in nur vier Wochen eine Yogaausbildung zu absolvieren, stehen allein in Bad Meinberg mehr als 1.000 Betten bereit.

Bezahlung unter Mindestlohn

Die vielen Mitarbeitenden, sogenannte "Sevakas", die kochen, saubermachen oder den Seminarbetrieb organisieren, bekommen vom Yogaverein bei kostenfreier Unterkunft und Verpflegung ein "Taschengeld", das mit 300 bis 450 Euro deutlich unter dem Mindestlohn liegt. Der Verein bezeichnet das Leben in den sogenannten "Ashrams" nach indischem Vorbild als klosterähnlich.

Bretz schuf mit diesem Leben in der spirituellen Gemeinschaft in den Yoga Vidya Ashrams ein einmaliges Modell im Niedriglohnsektor, das jetzt allerdings durch ein aktuelles Gerichtsurteil gestört wird. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt entschied im April 2023, dass im Fall zweier Klägerinnen Mindestlohn gezahlt werden muss, weil es sich beim "Dienst" im Ashram um ganz normale "Arbeit" handele. Schritte, gegen dieses letztinstanzliche Urteil vorzugehen, bereite Yoga Vidya bereits vor, lässt der Verein mitteilen, der sich als Religionsgemeinschaft sieht. Bretz sagt, dass er mit Yoga den Frieden in die Welt bringen möchte.

Status der Gemeinnützigkeit

Wie interne Mails zeigen, stecken niedrige Personalkosten und geschicktes Taktieren mit einem langjährigen Team aus Anwälten und Steuerberatern hinter dem Erfolgsrezept von Yoga Vidya. Hilfreich ist auch der Status der Gemeinnützigkeit, welcher Yoga Vidya viele Steuern sparen lässt. Immer wieder expandiert der Verein und kauft in regelmäßigen Abständen neue Immobilien oder baut Gebäude weiter aus.

In dem Datensatz mit mehr als einer halben Million interner Nachrichten, der dem WDR und der "Süddeutschen Zeitung" vorliegt, offenbaren sich die dunklen Seiten hinter der Fassade des Vereins. Dass dabei vor allem die Fürsorge für die Menschen fehlt, die sich mit Hingabe dem Verein anschließen und einverstanden sind, ihre Arbeitskraft für ein Taschengeld einzubringen, zeigt diese interne Kommunikation.

Fehlende Empathie für Mitarbeiter

Gibt es Konflikte, werden Mitarbeiter krank, gebrechlich oder können aus anderen Gründen das bei Yoga Vidya vorgeschriebene Sechs-Tage-Arbeitspensum nicht mehr absolvieren, kann das Leben in den Ashrams bei Yoga Vidya ungemütlich werden und zum unfreiwilligen Ende kommen. "Trägheit ist nicht yogisch", sagte Bretz in einer Morgenansprache zu seinen Sevakas 2020.

In einem konkreten Fall verunglückte Christian K., ein Koch bei Yoga Vidya, 2014 auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad. Noch während er sich von einer Hirnblutung erholte und langsam wieder bei Yoga Vidya zu arbeiten begann, machte ihm der Ashram-Leiter an der Nordsee deutlich, dass er nun nicht mehr tragbar sei. Als die später von Christian K. vor Gericht erstrittene Abfindung in Höhe von 5.000 Euro nicht einmal die Anwaltskosten des Geschädigten deckten, schrieb Bretz an seinen engsten Kreis wenig empathisch, dass damit wohl "der Fall Christian K. abgeschlossen" sei.

Freiwillige halfen in kontaminiertem Gebäude

Die internen Mails offenbaren auch einen Skandal um den Vereinshauptsitz Bad Meinberg. Um dort noch mehr Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen, entschloss sich Yoga Vidya 2017, eine leerstehende Klinik mit Baujahr 1977 zu sanieren. Zugespieltes Material, darunter Fotos, Videos und Gutachten, legen die hohe Kontamination des Gebäudes durch Schimmel, Asbest und Mineralwolle offen.

Der vereinseigene Bauleiter im Schulterschluss mit Bretz und einem Architekten waren sich schon bei der Planung einig, dass man an der Sanierungstiefe sparen könne bei gleichzeitigem Einsatz von freiwilligen Helfern, sogenannten "Karma-Yogis" und Sevakas. Bei der kreditgebenden Bank wurde hierfür eine Einsparmöglichkeit von 370.000 Euro veranschlagt.

Obwohl Gutachten belegten, welch gefährliche Schadstoffe auf allen Etagen im Gebäude vorhanden waren, verkündete Bretz in mehreren internen Mails eine andere Version. Auch über Facebook und auf der Homepage von Yoga Vidya wurde vor der Sanierung verkündet, dass in der alten Lippe-Klinik eine "gute Baubiologie" vorhanden sei.

Im Vertrauen darauf engagierten sich viele Menschen beim Tapeten abreißen und anderen Bautätigkeiten. Schadstoffexperte Jürgen Kratzheller, der Schulungen zu Asbest und Mineralwolle am Umweltinstitut Offenbach gibt, sagt, man könne kaum hochrechnen, "wie viele Milliarden Sporen dort sehr wahrscheinlich von Leuten eingeatmet wurden, die mit falschem oder auch ohne Atemschutz tätig waren". Den Abbau von Asbest zum Beispiel hätte nur eine Fachfirma durchführen dürfen.

Beschwerden der Helfer

In den internen Mails finden sich über Monate umfangreiche Beschwerden bei Bretz über Sicherheitsmängel aus dem Team der Helferinnen und Helfer. Dennoch wurde der Einsatz nicht gestoppt. Ein Schimmelexperte, der vor Ort war und weitere Hintergründe liefert, berichtet von Yogis in Flip Flops ohne ausreichende Schutzausrüstung oder Maske.

Am 24. März 2018 veröffentlichte Yoga Vidya unter dem Titel "Maha Meru - der Ausbau" Aufnahmen, die nicht fachgerechte Sanierungsarbeiten in dem kontaminierten Gebäude zeigen. Yoga Vidya bestreitet diese Sicherheitsmängel und schreibt zudem, es sei nicht gesagt worden, dass es gar keine Schadstoffe gegeben habe, sondern nur "keine, die in die Luft und damit in den Menschen" gelangen könnten. An Stellen mit Asbest und Mineralwolle seien diese zügig professionell und unter Beachtung aller notwendigen Schutzvorkehrungen entsorgt worden.

Wie "yogisch" der Umgang mit Gesundheitsgefährdungen während der Sanierungsarbeiten von der Vereins-Führungsspitze ist, darüber entscheiden am Ende die Mitglieder von Yoga Vidya. Die sanierte Lippe-Klinik, "Mamaheru" genannt, wurde im April 2019 feierlich in Anwesenheit von Lokalpolitikern eröffnet und dient heute dem Seminar- und Hotelbetrieb des Vereins.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Das Erste am 05. September 2023 um 22:50 Uhr in der "ARD Story: Cash & Karma".