Zahlungsdienstleister Wirecard | Bildquelle: AFP

Bericht des Insolvenzverwalters Armutszeugnis für Wirecard

Stand: 27.08.2020 18:00 Uhr

Zum ersten Mal hat der Insolvenzverwalter in einem nicht öffentlichen Gutachten Zahlen vorgelegt. Nach Informationen von WDR und SZ beträgt die Überschuldung des einstigen Dax-Konzerns demnach 2,8 Milliarden Euro.

Von Massimo Bognanni, WDR

Insolvenzgutachten sind normalerweise eher dröge Dokumente. Zahlenkolonnen, Paragraphen, Tabellen. Doch im Fall Wirecard ist nichts normal. Und so wirkt der Bericht, den Insolvenzverwalter Michael Jaffé über den gefallenen Dax-Konzern diese Woche beim Amtsgericht München eingereicht hat, streckenweise wie das Skript einer neuen Netflix-Serie.

Auf mehr als 300 Seiten, die WDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) einsehen konnten, entlarven der Jurist und sein Team nicht nur die Horrorbilanz des einst gefeierten Dax-Konzerns. Sie geben auch Einblicke in einen dramatischen Sommer. Etwa, wenn Jaffé schildert, wie einzelne Wirecard-Manager keine Räume mit geöffneten Fenstern mehr betreten wollten - "aus Sorge vor einem Anschlag".

Zehn Millionen Euro pro Woche verbrannt

In seinem Gutachten zerpflückt Jaffé die einstige Erfolgsgeschichte des Zahlungsdienstleisters aus Aschheim, dem Hoffnungsträger Deutschlands in der zukunftsträchtigen Fintech-Branche. In Wahrheit hatten laut Gutachten nur wenige der weltweit über 50 Konzernfirmen "überhaupt eigene Einnahmen". 

Wirecard verbrannte demnach Woche für Woche jenes Geld, das ihm Banken geliehen und Investoren anvertraut hatten. Vor der Insolvenz im Juni waren es zehn Millionen Euro - pro Woche. Und der Sommer wäre nach Jaffés Berechnungen ebenfalls teuer geworden, wäre nicht alles aufgeflogen. Allein für die 13 Wochen nach der Insolvenzanmeldung wäre ein weiteres Minus von 200 Millionen Euro hinzugekommen.

Immer nur Verluste aufgetürmt

Und auch die Bilanz der vergangenen Jahre entpuppt sich laut Gutachten als Blendwerk, rechnet man die Scheingeschäfte heraus. Jaffé hat eine Beratungsgesellschaft schätzen lassen, was in den vergangenen Jahren wirklich los gewesen sei bei Deutschlands Aufsteiger Wirecard. Das Ergebnis ist eine Tabelle in tiefrot.

Im Jahr 2017 soll Wirecard demnach einen Verlust von 99 Millionen Euro erlitten haben, 2018 betrug das Minus 190 Millionen Euro, ein Jahr später 375 Millionen Euro Verlust. Allein in den ersten drei Monaten 2020 seien weitere Verluste in Höhe von 86 Millionen Euro hinzugekommen.

2,8 Milliarden Euro sind weg

Die vorläufige Gesamtbilanz ist entsprechend wenig geeignet, um den Gläubigern Hoffnung zu machen. Der Dax-Konzern hat laut Gutachten 3,2 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten angehäuft. Dem Milliardenberg an Schulden steht ein Sümmchen von ganzen 26,8 Millionen Euro gegenüber, das der Insolvenzverwalter an frei verfügbaren Bankguthaben auffinden konnte. Und selbst, wenn Jaffé alles Verwertbare bei Wirecard zu Geld macht, rechnet er laut Gutachten noch mit einem Minus von 2,8 Milliarden Euro.

Angesichts der finanziellen Katastrophe prüft Jaffé rechtliche Schritte gegen frühere Verantwortliche - allen voran gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Markus Braun sowie gegen den flüchtigen Ex-Finanzvorstand Jan Marsalek. Gegen beide ermittelt die Staatsanwaltschaft München I. Braun bestreitet alle Vorwürfe. Marsalek ist untergetaucht.

Müssen die Prüfer zahlen?

Der Insolvenzverwalter denkt offenbar auch über Ansprüche gegen den Wirtschaftsprüfkonzern EY nach. Der Abschlussprüfer hatte den Wirecard-Bilanzen von 2011 bis 2018 ein uneingeschränktes Testat erteilt - obwohl es immer wieder kritische Berichte in der "Financial Times" und andere Verdachtsmomente gegeben hatte.

Haftungsansprüche wegen fehlerhafter Prüfung der Jahresbilanzen könnten sich aus dem Handelsgesetzbuch als auch aus dem Vertrag mit Wirecard ergeben. Voraussetzung wäre ein "falsches Urteil" von EY über die Bilanzen. Sollte die Wirtschaftsprüfgesellschaft ihre Sorgfaltspflichten fahrlässig verletzt haben, dann wäre die Haftung laut Vertrag mit Wirecard allerdings auf vier Millionen Euro pro betroffener Jahresbilanz beschränkt.

EY sieht sich selbst als Opfer

EY streitet Fehlverhalten ab und erklärte, es gebe deutliche Hinweise, dass es sich bei Wirecard um Betrug handele. Konspirativer Betrug, der darauf abziele, Investoren und Öffentlichkeit zu täuschen, gehe oft mit umfangreichen Anstrengungen einher, systematisch und in großem Stil Unterlagen zu fälschen. "Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen ist es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken."

Gelder weltweit verschoben

Hinzu kommt ein Chaos bei Wirecard, mit dem auch Jaffé zu kämpfen hat. Dem Insolvenzgutachten zufolge hat das Unternehmen zwischen seinen zahlreichen Töchterfirmen Gelder hin- und hergeschoben. Weltweit habe Wirecard 750 Konten betrieben.

Viele Wirecard-Firmen seien Servicegesellschaften gewesen, die Dienste im Konzern erbracht und nur Einnahmen aus dem Konzern erzielt hätten, heißt es in Jaffés Gutachten. So habe beispielsweise eine Wirecard-Tochterfirma aus Neuseeland mit ihrer Niederlassung in Griechenland Dienstleistungen für Konzerngesellschaften in München erbracht. Dienste, die sich dann "im Wesentlichen als unnötig für die Geschäfte" herausgestellt hätten.

Auf das Team des Insolvenzverwalters wartet ein Mammutverfahren. Um den komplexen Geschäften nachzugehen, hat Jaffé zwei Millionen Gigabyte Daten sichern lassen. Ausgedruckt, rechnet der Insolvenzverwalter vor, entspräche dies einer Billion Blatt Din-A4-Papier, für deren Lagerung man 12.000 Kilometer Regalfläche benötigte. Oder wie es Jaffé veranschaulicht: "München - Peking wären rund 7750 km Luftlinie".

Erstes Gutachten des Insolvenzverwalters zu Wirecard
Arne Hell, WDR
27.08.2020 18:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. August 2020 um 18:15 Uhr.

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