Ein Mann geht am Wirecard-Logo vorbei | Bildquelle: REUTERS

Wirecard-Pleite Der Pfau aus Aschheim

Stand: 01.07.2020 18:51 Uhr

Bereits im Frühjahr lagen bei Wirecard tiefe Einblicke zu fragwürdigen Millionenkrediten und überteuerten Firmenkäufen vor. Das belegt ein bislang unveröffentlichtes Dokument, das WDR, NDR und SZ vorliegt.

Von Massimo Bognanni, WDR

Aschheim bei München, der 28. April 2020 - für den Dax-Konzern Wirecard sollte es ein Tag der Befreiung werden. Seit Monaten sah sich der Zahlungsdienstleister mit harten Vorwürfen konfrontiert. Bilanzmanipulation und Betrug standen im Raum.

Wirecard hatte den Wirtschaftsprüfer KPMG zu einer Sonderuntersuchung engagiert. "Am frühen Morgen", so verkündete Wirecard nun, sei der Bericht der Sonderprüfung eingegangen. Man werde ihn schnellstmöglich veröffentlichen. Nur so viel: "Belastende Belege wurden nicht gefunden."

Viel schlimmer als befürchtet

Andreas Braun (Archivbild) | Bildquelle: AP
galerie

Ex-Vorstandschef Braun ist nur gegen Kaution freigelassen worden.

Tatsächlich lasen viele Kritiker den KPMG-Bericht anders. In den vergangenen Wochen schließlich zeigte sich, dass selbst schlimmste Befürchtungen nicht imstande waren, die Realität wiederzugeben. 1,9 Milliarden Euro in den Bilanzen Wirecards sind möglicherweise eine Luftnummer. Der einst gefeierte Tech-Konzern musste Insolvenz anmelden.

Statt Wirtschaftsprüfern stellen nun Staatsanwälte die Fragen. Der frühere Vorstandschef Markus Braun ist nur gegen eine Millionen-Kaution auf freiem Fuß. Sein einstiger Kollege Jan Marsalek ist auf der Flucht.

Fragwürdige Kredite und Gelder in Steueroasen

Das Desaster, es hätte der Öffentlichkeit womöglich schon früher klar werden können: wenn Wirecard damals statt einer knappen Zusammenfassung den ganzen KPMG-Bericht veröffentlicht hätte. WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" liegen die bisher unveröffentlichten Anhänge des Prüfberichts vor - 232 Seiten voller Ungereimtheiten.

Die Prüfer beleuchten unter anderem fragwürdige Kreditgeschäfte in Asien und Geldtransfers an eine Briefkastenfirma auf Mauritius. Insgesamt sind bei diesen Geschäften in den vergangenen Jahren offenbar mehrere hundert Millionen Euro aus der Wirecard-Gruppe abgeflossen. Der Verbleib des Geldes ist ungeklärt.

Schon Ende April gaben die Prüfer damit tiefe Einblicke. Details, die heute auch die Ermittler interessieren dürften, die inzwischen auch wegen Betrugsverdachts ermitteln. Worauf genau sich der Betrugsvorwurf bezieht, ist noch unklar. Wirecard wollte auf Anfrage die Prüfergebnisse von KPMG nicht kommentieren.

Wirecard: Wirtschaftsausschuss befragt BaFin-Chef zu Bilanzfälschungen
tagesschau 20:00 Uhr, 01.07.2020, Thomas Kreutzmann, ARD Berlin

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Firma verzehnfacht sich plötzlich im Wert

Die KPMG-Prüfer beschreiben etwa das eigentümliche Geschäft aus dem Jahr 2015, über das bereits die "Financial Times" berichtet hatte. Wirecard wollte mit dem Deal den indischen Markt erobern. Im Fokus war das "Payment-Geschäft" der Great India Retail Group (GI Retail). Wirecard erhofft sich mit einem Unternehmenszukauf offenbar Zugang zu Millionen neuer Kunden, die über Karten und Apps zahlen. Das Projekt bekam den Namen "Peacock" (Pfau).

So aufgeplustert wie ein Pfau war womöglich auch der Deal, denn Wirecard kaufte laut KPMG-Bericht das Unternehmen von einem Fonds auf Mauritius für 216 Millionen Euro plus 110 Millionen Euro Gewinnbeteiligung - ein stolzer Preis für eine Firma, für die der Fonds nur kurz zuvor lediglich 35 Millionen Euro gezahlt haben soll. An wen Wirecard fast das Zehnfache des Preises überwiesen hatte, konnte auch KPMG nicht ermitteln.

Der Fonds namens EMIF 1A ist in der Steueroase Mauritius angesiedelt und weist ein Stammkapital von 100 Dollar aus. Wer die wirtschaftlich Berechtigten sind, hat sich nie klären lassen. Auf Frage von Prüfern soll Ex-Vorstand Marsalek erklärt haben, es sei nicht üblich, die Hinterleute zu ermitteln.

Wissen wir nicht, interessierte uns nicht

Burkhard Ley, damaliger Finanzvorstand, hat laut KPMG erklärt, dass niemand je nach den wirtschaftlich Berechtigten gefragt habe. So lesen sich alle Antworten von Wirecard: Wissen wir nicht, interessierte uns nicht, haben wir nicht gefragt.

Nach Erkenntnissen der KPMG-Forensiker hat Wirecard zudem zwischen 2015 und 2018 über seine Banktochter "strategische" Darlehen in Höhe von 180 Millionen Euro an Firmen vergeben, mit denen die Aschheimer wiederum selbst Geschäfte machten. Hinzu kamen bis zuletzt Kreditlinien von mehr als 300 Millionen Euro von der Konzernmutter und mehreren Tochterfirmen. Zum Teil sollen diese unbesichert gewesen sein.

Dreistellige Millionenbeträge nach Asien transferiert

Millionen flossen offenbar unter anderem nach Singapur. Laut KPMG soll diese Firma zunächst ein besichertes 25-Millionen-Euro-Darlehen der Wirecard Bank und später zusätzliche unbesicherte Kredite über weitere 115 Millionen Euro von Wirecards Asien-Zentrale erhalten haben. Angeblich hat die Firma zum großen Teil als Zahlungsdienstleister für Wirecard-Kunden in Asien gearbeitet.

Wirecard, so bekamen die Prüfer zu hören, leite auch seine eigenen Kunden an diese Firma weiter. Welche Kunden das gewesen sein sollen, erfuhren die KPMG-Experten aber auch auf Nachfrage nicht. Man habe "keine Informationen über die Kunden" erhalten, heißt es in dem Bericht.

Was KPMG jedoch herausbekam: Bis Frühjahr 2018 war die Firma laut Handelsregister eine Ölhandelsfirma. Der Geschäftsführer war zwischen Juni 2017 und Januar 2018 zugleich Geschäftsführer einer Firma der Wirecard-Gruppe, seine Frau wiederum leitete zwei weitere Wirecard-Tochterfirmen. So viel familiäre Nähe rief damals offenbar nicht die Compliance-Abteilung auf den Plan. Womöglich werden derlei Konstellationen nun durch die Staatsanwaltschaft München begutachtet.

Über dieses Thema berichtete am 01. Juli 2020 Deutschlandfunk um 5:24 Uhr und MDR AKTUELL im Hörfunk um 17:38 Uhr.

Korrespondent

Massimo Bognanni | Bildquelle: WDR Logo WDR

Massimo Bognanni, WDR

Darstellung: