Zwei ukrainische Soldaten gehen eine Straße entlang, auf der zerstörte russische Panzer stehen. (Archivbild 31.03.2022) | dpa
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Russische Waffensysteme Beute vom Schlachtfeld

Stand: 19.12.2022 12:01 Uhr

Ukrainische Streitkräfte erbeuten allerlei russisches Kriegsgerät. Für das neueste Material aus Moskaus Waffenkammern interessieren sich westliche Geheimdienste. Auch der BND beschafft Wehrtechnik vom Schlachtfeld.

Von Florian Flade, WDR

Wie ein erlegtes Stück Großwild liegt der russische Panzer im Wald. Seine Ketten sind zerstört, ansonsten aber scheint das stählerne Ungetüm einigermaßen intakt zu sein. Auf den Fotos sind ukrainische Soldaten zu sehen. Sie klettern auf dem Panzer herum und inspizieren das Innere des Gefährts.

Florian Flade

Die Aufnahmen stammen vom September und wurden wohl in der Region Charkiw gemacht. Russlands Armee hat im Krieg gegen die Ukraine bereits etliche Panzer verloren, dieses Exemplar aber ist etwas besonders: Es ist ein Kampfpanzer vom Typ T-90M, das modernste, was Moskaus Truppen derzeit zur Verfügung haben.

Erst vor wenigen Jahren wurde dieser Panzer offiziell in Dienst gestellt, nur wenige Dutzend sollen davon im Einsatz sein. Für die Ukraine ist der T-90M eine wertvolle Trophäe - und weckt zudem die Begehrlichkeiten der westlichen Verbündeten. Für die NATO-Mitgliedsstaaten ist der Krieg in der Ukraine auch eine Gelegenheit, um seltene Einblicke in Russlands Waffenkammer zu bekommen. Das neueste russische Kriegsgerät steht daher im besonderen Fokus westlicher Geheimdienste.

Fremde Wehrtechnik zu beschaffen, zählt auch zu den Aufgaben des Bundesnachrichtendienstes (BND). Der Dienst soll Informationen über gegnerische Waffensysteme sammeln. Dies geschieht auch, indem fremdes Kriegsgerät beschafft, untersucht und getestet wird. Die Erkenntnisse sollen der Bundeswehr und schließlich auch anderen NATO-Staaten zugänglich gemacht werden. Genau das geschieht nun nach WDR-Recherchen auch in der Ukraine.

Erste Untersuchungen

Die BND-Spione beschaffen demnach mithilfe der ukrainischen Streitkräfte seit einigen Monaten russische Militärtechnik und analysieren in Deutschland die Beute vom Schlachtfeld. So sollen bereits erste Untersuchungen von Panzerungen und Abwehrtechnologien stattgefunden haben, dazu zählen etwa Beschusstests, die zusammen mit der Bundeswehr durchgeführt werden. Und auch die russischen Lenkflugkörper, Zielerfassungssysteme und von Moskau eingesetzten iranischen Drohnen stehen weit oben auf der Wunschliste des BND.

Auf Nachfrage wollten sich BND und Bundeswehr nicht zu den heimlichen Beschaffungsaktionen äußern. Jegliche Informationen über die Beschaffung und Auswertung fremden Wehrmaterials sei "als Verschlusssache VS-Vertraulich oder höher eingestuft", so eine Sprecherin des Verteidigungsministerium. Daher könne man dazu nichts weiter mitteilen.

Als der Krieg im Februar begann, zogen nicht nur die deutschen Diplomaten, sondern auch der BND vorerst aus der Ukraine ab. Mittlerweile aber ist der Dienst wieder in der Ukraine aktiv. Der BND beschafft dort nicht nur für die Bundesregierung Informationen zum Kriegsverlauf, sondern liefert der ukrainischen Seite auch regelmäßig nachrichtendienstliche Erkenntnisse zu den russischen Streitkräften.

Unbekanntes Material im Fokus

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Aufklärung ist die Untersuchung von russischem Rüstungsmaterial und Ausrüstungsgegenständen, insbesondere jenem Material, das bislang noch unbekannt ist. Dabei geht es beispielsweise darum, festzustellen, welche Fähigkeiten des neuesten russischen Kampfpanzers womöglich nur Kreml-Propaganda sind oder was das Waffensystem tatsächlich kann.

Die Auswertung fremder Wehrtechnik ist dabei bei weitem kein einseitiges Unterfangen: Russland hat ebenfalls ein starkes Interesse daran, westliche Militärtechnologie in die Finger zu bekommen. Auch das soll ein möglicher Grund für die eher zögerlichen Waffenlieferungen einiger NATO-Staaten an die Ukraine sein.

Erst vor wenigen Wochen berichteten britische Medien, Russland habe Flugzeuge mit Bargeld sowie amerikanischen und britischen Waffen, die in der Ukraine erbeutet worden seien, in den Iran geschickt - und im Gegenzug iranische Drohnen erhalten. Europäische Sicherheitsbehörden werten solche Meldungen auch als klares Botschaft Moskaus an den Westen: Denkt daran, eure Waffensysteme könnten schnell auch woanders landen.

BND-Spione schon lange aktiv

Dass der BND in der Ukraine nach neuen und bislang kaum erforschten russischen Waffensystemen Ausschau hält, ist wenig überraschend. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren waren BND-Spione damit beschäftigt, in Kriegsgebieten rund um den Globus anfallendes sowjetisches Wehrmaterial zu besorgen - beispielsweise im Sechs-Tage-Krieg und dem Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und arabischen Nationen, wie historische BND-Akten belegen, die dem WDR vorliegen. 

Damals setzten die ägyptischen und syrischen Streitkräfte vorwiegend sowjetische Waffensysteme ein, die von den Israelis erbeutet und dann teilweise dem BND zur Verfügung gestellt wurden. "Das im Nahost-Krieg anfallende Wehrmaterial der Warschauer-Pakt-Staaten bietet vielfältige Möglichkeiten, neue Erkenntnisse über den Stand der Wehrtechnik des Sowjetblocks zu gewinnen", heißt es in einem BND-Bericht vom 24. Oktober 1973 anlässlich des Jom-Kippur-Krieges.

Über dieses Thema berichtete Bayern 2 am 28. September 2022 um 18:00 Uhr.