Blick auf den leeren Roten Platz in Moskau | Bildquelle: AP

Coronavirus in Russland Wie zuverlässig sind Moskaus Zahlen?

Stand: 24.03.2020 02:19 Uhr

Russland hat bisher vergleichsweise wenige Corona-Fälle - trotz einer 4200 km langen Grenze zu China. Daher zweifeln viele Menschen an der Statistik.

Von Demian von Osten und Oksana Orlowa, ARD-Studio Moskau

438 bestätigte Covid-19-Fälle meldet Russland (Stand: 23.03.2020) - und bisher keine Toten. Die geringe Zahl überrascht, denn Russlands Beziehungen zu China sind eng: Es gibt eine mehr als 4200 Kilometer lange Grenze, und pro Jahr besuchen 2,3 Millionen Chinesen das Land. Im Januar reisten Arbeitsmigranten, Touristen und Geschäftsleute nach Russland, als das Virus in China im Umlauf war - auch aus der besonders betroffenen Stadt Wuhan, wie eine Analyse der "New York Times" zeigt.

Am 30. Januar schloss Russland dann die Landgrenze zu China. Ab dem 20. Februar wurde chinesischen Staatsbürgern die Einreise nach Russland - mit Ausnahmen - verwehrt. Trotzdem waren die ersten bestätigten Coronavirus-Fälle in Russland Ende Januar Chinesen: In der Region Tjumen und Transbaikalien an der Grenze zu China. Ist es Russland seitdem gelungen, die Ausbreitung des Virus zu begrenzen?

Wie viel testet Russland?

Ob es viele oder wenige Fälle gibt, hängt davon ab, wie viel ein Land testet. Laut offiziellen Angaben hat Russland bis zum 21. März mehr als 163.000 Tests auf das neuartige Coronavirus durchgeführt - bei rund 146 Millionen Einwohnern. Deutschland kann pro Woche 165.000 Tests vornehmen - bei knapp 83 Millionen Einwohnern.

Zweifel an Moskaus Angaben

Bis vor kurzem hat Russland nach einem Schnelltest die Proben von Corona-Verdachtsfällen jeweils mit dem Flugzeug in die sibirische Stadt Nowosibirsk geschickt - mehr als vier Flugstunden von Moskau entfernt.

Kann ein Labor so viele Tests leisten? Der kommunistische Abgeordnete in der russischen Duma, Alexej Kurinnyj, glaubt, es werde zu wenig getestet. "Bisher untersucht man nur drei Gruppen auf das Coronavirus", erklärt Kurinnyj, der selber Arzt ist. "Jene, die eine ambulant erworbene Lungenentzündung haben, jene, die aus Staaten mit einer hohen Infektionsrate ankommen und die, die unmittelbar Kontakt mit an Corona Infizierten hatten."

Flächendeckende Tests gefordert

Wer mit typischen Symptomen wie Husten in eine Klinik komme, werde dagegen nicht konsequent getestet, sagt Kurinnyj. Er fordert flächendeckende Tests. "Ich vermute, dass ein Teil der Coronavirus-Fälle nicht auftaucht. Das bedeutet, dass sich die Lage nicht vollständig überprüfen lässt, denn es gibt keine objektiven Informationen."

Kurinnyj zweifelt auch an der Effektivität der russischen Tests: "Es ist möglich, dass ein Teil der an Corona infizierten Menschen die Krankheit tatsächlich als Grippe oder virale Atemwegserkrankung durchsteht."

Russland will das beheben. Weitere Labore sollen jetzt effizienter und schneller Tests vornehmen können, kündigte Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin an, der eine Arbeitsgruppe zur Bekämpfung des Virus in Russland leitet. Russlands Corona-Fälle dürften also in nächster Zeit deutlich zunehmen.

Der Oberbürgermeister der Stadt Moskau, Sergej Sobjanin.
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Moskaus Bürgermeister Sobjanin leitet eine Arbeitsgruppe zur Bekämpfung des Coronavirus.

Keine Corona-Toten in Russland

Ein zweiter Unterschied betrifft die Toten-Statistik. In Italien fließen alle mit Covid-19-Infizierten, die gestorben sind, in diese Statistik ein. "Wir unterscheiden nicht zwischen Corona-Infizierten, die gestorben sind, und denen, die wegen des Coronavirus gestorben sind", sagt der Chef des italienischen Zivilschutzes, Angelo Borrelli.

In Russland ist das offensichtlich anders. Das zeigt dieses Beispiel: Am 19. März teilte Moskaus Bürgermeister Sobjanin mit, dass es das erste Corona-Todesopfer gäbe - eine 79 Jahre alte Frau. Sie hätte mehrere Vorerkrankungen gehabt. Doch wenig später wurde diese Information korrigiert. Der Gerichtsmediziner der Stadt Moskau teilte mit, die Todesursache sei Thromboembolie gewesen - nicht Covid-19.

Verwirrung um Zahlen zu Lungenentzündungen

Mediziner vermuten daher, Corona-Patienten könnten als Patienten "mit Lungenentzündung" geführt werden - und bei Toten würde nicht das Virus, sondern eine Vorerkrankung als Ursache angegeben. Anastasija Wassilijewa von der Gewerkschaft "Allianz der Ärzte", die dem Antikorruptionsaktivisten Alexej Nawalny nahesteht, kritisiert genau das: Die Behörden würden die Zahl der Corona-Patienten künstlich kleinhalten, um keine Panik zu erzeugen. Gleichzeitig würden Krankenhäuser für angebliche Lungenentzündungspatienten umgebaut - ohne dass es eine entsprechende Ausstattung mit Schutzmasken oder -anzügen für die Ärzte gebe.

Russlands Gesundheitssystem dürfte insbesondere auf dem Land auf eine große Epidemie nicht vorbereitet sein. Nach Angaben der Gewerkschaft Deijstwije, die Gesundheitsmitarbeiter vertritt, sind in den vergangenen Jahren in einigen Regionen die Hälfte der Infektionsbetten abgeschafft worden - eine als "Optimisierung" verkaufte Gesundheitsreform unter Präsident Wladimir Putin.

Passagiere am Flughafen in Moskau | Bildquelle: SERGEI ILNITSKY/EPA-EFE/Shutters
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Die Gewerkschaft "Allianz der Ärzte" vermutet, dass in Russland die Zahl der Corona-Patienten künstlich klein gehalten wird, um keine Panik zu erzeugen.

Widersprüche der Behörden

Der Verdacht, Lungenentzündungen könnten versteckte Corona-Fälle sein, kommt auch an anderer Stelle auf. Die staatliche Statistikbehörde berichtet auf Anfrage der russischen Zeitung "RBK" für den Monat Januar von einem starken Anstieg der Lungenentzündungen in Moskau im Vergleich zum Vorjahresmonat - Lungenentzündungen sind eine häufige Begleiterscheinung des Virus.

Das Gesundheitsamt der Stadt widerspricht. Die Zahl der Lungenentzündungen sei gesunken. Dennoch: Der Eindruck bleibt, die Behörden seien bemüht, die Zahl der Corona-Infizierten und -Toten möglichst klein zu halten.

Konsequente Maßnahmen gegen Covid-19

Gleichzeitig versucht Russland, mit konsequenten Maßnahmen eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Covid-19-Infizierte werden in speziellen Krankenhäusern konsequent von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Einreisende aus besonders betroffenen Ländern müssen sich seit Anfang März einer zweiwöchigen Heimisolation unterziehen. Moskau überwacht das mit Gesichtserkennungssoftware und ahndet Verstöße. Im nächsten Schritt sollen Geodaten der Mobiltelefone von Corona-Patienten genutzt werden, um ein landesweites Warnsystem aufzubauen.

Vor den Toren Moskaus entsteht zudem ein neues Krankenhaus für Corona-Patienten, das Anfang April fertiggestellt sein soll. Die Maßnahmen werden ständig erweitert. Gerade erst mussten Fitnessstudios und Schwimmbäder in Moskau vorübergehend geschlossen werden. Und ab Donnerstag dürfen über 65-Jährige und Menschen mit Vorerkrankungen ihre Wohnung nicht mehr verlassen. ​

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