Hand auf Computer-Maus | ARD-aktuell /Weiss
Exklusiv

"NSU 2.0"-Drohbriefe Täter hatte wohl mehr als eine Quelle

Stand: 14.05.2021 09:53 Uhr

Die Ermittler glauben, dass der Berliner Alexander M. hinter den Drohschreiben "NSU 2.0" steckt und durch fingierte Anrufe bei der Polizei an die Daten seiner Opfer gekommen ist. Ist das möglich?

Von Florian Flade, WDR

Die Polizei warnt regelmäßig vor "falschen Polizisten", vor Betrügern, die sich per Telefon melden oder an der Haustür klingen und sich als Gesetzeshüter ausgeben, um sich Zugang zu Wohnungen zu verschaffen oder Kontodaten zu erschleichen. In einem der bekanntesten Kriminalfälle der vergangenen Jahre soll nun ausgerechnet die Polizei selbst auf einen solchen Trick hereingefallen sein. Und das gleich mehrfach?

Florian Flade

Das jedenfalls ist die Hypothese der Ermittler des hessischen Landeskriminalamtes (LKA) im Fall der Drohschreiben-Serie "NSU 2.0". Sie nahmen in der vergangenen Woche einen dringend Tatverdächtigen in Berlin fest: Der 53-jährige Alexander M. soll in den vergangenen Jahren mehr als 100 E-Mails, Faxe und SMS mit rassistischen, rechtsextremen und frauenfeindlichen Beleidigungen und Morddrohungen an Personen des öffentlichen Lebens verschickt haben, glauben die Ermittler. Er selbst soll das bestreiten.

Bisher kein hinweise auf vorsätzliche Unterstützung

Einige der Schreiben enthielten persönliche Informationen der Empfänger, etwa Meldeadressen, private Telefonnummern oder die Namen von Familienangehörigen. Daher kam früh die Vermutung auf, das der "NSU 2.0"-Schreiber ein Behördenmitarbeiter sein könnte, vielleicht sogar ein Polizist - oder dass er zumindest Hilfe aus staatlichen Stellen bekam. Dieser Frage gehen die hessischen Ermittler weiterhin nach. Bislang gebe es jedoch keine Hinweise, dass Polizisten dem nun festgenommenen Alexander M. bewusst geholfen haben, heißt es. Jedoch könnte es durchaus unbewusste, unfreiwillige Helfer in Uniform gegeben haben.

Alexander M. war bereits in der Vergangenheit aufgefallen, weil er sich Daten erschlichen hatte. Anfang der 1990er Jahre war M. wegen Amtsanmaßung verurteilt worden, er hatte sich als Polizist ausgegeben. Einmal schrieb er Berliner Ämtern, man könne sehr leicht durch betrügerische Anrufe an sensible Informationen kommen. Er selbst habe dies auch schon öfter gemacht.

Einige Daten kamen offenbar von der Polizei

Viele der privaten Daten, die sich in "NSU 2.0"-Drohschreiben fanden, da sind sich die Ermittler sicher, könnten mit einigem Aufwand im Internet recherchiert werden. Solche Informationen müssten daher nicht zwingend aus polizeilichen Systemen stammen. Aber es gibt Fälle, bei denen einiges darauf hindeutet, dass wohl tatsächlich Polizisten die Daten herausgegeben haben. Bei der Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz, der Kabarettistin Idil Baydar und der Linken-Parteivorsitzenden Janine Wissler spricht zumindest vieles dafür.

Die Juristin Basay-Yildiz bekam am 2. August 2018 ein erstes Drohschreiben des "NSU 2.0" per Fax über eine anonyme Nummer. Es enthielt ihre Wohnanschrift und den Namen ihres Kindes. Nur wenige Stunden zuvor hatte es eine Abfrage zu Basay-Yildiz auf einem Polizeicomputer in einem Frankfurter Polizeirevier gegeben. Die Beamten, die damals im Dienst waren, gaben an, nichts mit den Drohschreiben zu tun zu haben. Die Ermittler beschlagnahmten Handys und Computer, suchten monatelang nach Hinweisen, konnten jedoch keine Beweise dafür finden, dass die Polizisten wirklich mit den Drohungen in Verbindung standen.

Auffällige Parallelen

Anfang März 2019 bekam die Komikerin Idil Baydar erste Drohschreiben des "NSU 2.0", zunächst per SMS. Wie die hessischen Ermittler erst Monate später erfuhren, hatte es auch zu ihr Abfragen über einen hessischen Polizeicomputer gegeben - am 04. März 2019 im 4. Revier in Wiesbaden. Nur einen Tag später gab es weitere Abfragen, diesmal in Berlin. Auf Revieren in den Ortsteilen Spandau und Neukölln hatten Beamten ebenfalls Abfragen nach Baydar getätigt.

Am 10. Februar 2020 suchte erneut ein Polizeibeamter in Wiesbaden, diesmal im 3. Revier, nach den Daten eines späteren "NSU 2.0"-Opfers. Abgefragt wurden diesmal die Daten von Janine Wissler, damals Fraktionschefin der Linken im hessischen Landtag, mittlerweile Parteivorsitzende. Fünf Tage nach der Datenabfrage bekam die Politikerin ein Drohschreiben.

Daten auch anderweitig verfügbar

Auffällig war: Die private Handynummer der Kabarettistin Idil Baydar war gar nicht in polizeilichen Systemen hinterlegt. Und die Meldeadresse der Linken-Politikerin Janine Wissler war wiederum zum Zeitpunkt des Drohschreibens nicht gesperrt. Man hätte sie auch über eine einfache Auskunftsersuchen beim Einwohnermeldeamt bekommen.

Die Polizisten aus den Dienststellen in Wiesbaden und Berlin wurden zu den unberechtigten Abfragen befragt. Sie dementierten jede Verbindungen zu den "NSU 2.0"-Schreiben. Die Berliner Beamten sollen erklärt haben, sie könnten sich an einen Anrufer erinnern, der die Abfragen veranlasst hatte. Gegen die Wiesbadener Polizisten wurden Disziplinarverfahren eingeleitet, "wegen Nichtsperrens beziehungsweise Abmeldens am dienstlichen Rechner".

Bei den Ermittlungen hat das hessische LKA die Polizeibehörden der anderen Bundesländer schon vor einiger Zeit darum gebeten, zu überprüfen, ob dort eventuell auch Drohschreiben-Empfänger in polizeilichen Datenbanken abgefragt worden waren. Die Rückmeldequote soll jedoch erstaunlich schwach ausgefallen sein. Es ist daher fraglich, ob es nicht noch weitere Abfragen gab. Neben der Polizei kämen auch fingierte Anrufe bei anderen Behörden in Betracht, zum Beispiel bei Einwohnermeldeämtern oder bei Versicherungen, betonen die Ermittler. Es gebe nun einmal viele "Datentöpfe".

Sicherheitsvorkehrungen verschärft

Um Datenabfragen durch Betrüger zu erschweren, wurden bei der hessischen Polizei bereits neue Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Datenabfragen von Dritten, also von Ordnungsämtern, Feuerwehr, oder andere Polizeibehörden, müssen nun schriftlich beantwortet werden. Für den Zugang zu Datenbanken sind zusätzliche Passwörter notwendig, die regelmäßig geändert werden. Außerdem müssen nun "Veranlasser" und "Abfragegrund" vermerkt werden. Die Zufallskontrollen im Auskunftssystem wurden ebenfalls verschärft, und auch am Arbeitsplatz soll sich für die Polizisten einiges ändern. Getestet werden gerade Handvenenscanner und biometrische Authentifizierung mittels Fingerabdruck und Gesichtserkennung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Mai 2021 um 23:38 Uhr.