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"NSU 2.0"-Drohschreiben Ein Mann mit Vorgeschichte

Stand: 05.05.2021 18:02 Uhr

Der Berliner Alexander M. soll die rechtsextremen E-Mails des "NSU 2.0" verschickt haben. Kurz bevor die Drohserie begann, stand er im Visier der Justiz und entging einer Verurteilung.  

Von Florian Flade, WDR 

Bei der Berliner Polizei ist Alexander M. kein Unbekannter. Dutzende Male  wurde bereits gegen ihn ermittelt. Mehrfach wurde er verurteilt, er saß auch schon im Gefängnis. Die Liste der Ermittlungen ist lang, es ging um Körperverletzung, den Besitz von kinderpornografischem Material, Betrug, Urkundenfälschung, Amtsanmaßung und immer wieder um Bedrohung und Beleidigung.

Florian Flade

Am Dienstagabend nun wurde der 53-Jährige festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main glaubt, dass er hinter der rechtsextremen Drohserie "NSU 2.0" steckt. Sie wirft ihm Volksverhetzung, Beleidigung, Bedrohung und das Verwenden von Symbolen verfassungswidriger Organisationen vor.

Alexander M. sitzt jetzt in Berlin in Untersuchungshaft. Er wurde bereits einem Haftrichter vorgeführt und soll die Vorwürfe gegen ihn bestreiten. Seit Mitte April stand M. im Visier der Ermittler des hessischen Landeskriminalamtes (LKA), die mit dem Fall betraut sind. Sie haben seine Telefone abgehört, sein Handy geortet und ihn observiert. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung am vergangenen Dienstag wurden zahlreiche Datenträger beschlagnahmt, die nun ausgewertet werden. Auch eine schussfähige Pistole soll gefunden worden sein.

Bereits 2017 Ermittlungen gegen M.

Nicht nur in Berlin kennt die Justiz den nun Festgenommenen schon länger. Auch im fränkischen Würzburg hat die Polizei in der Vergangenheit bereits gegen Alexander M. ermittelt. Schon vor drei Jahren wollte ihn die dortige Staatsanwaltschaft wegen eines Bedrohungssachverhalts vor Gericht stellen, wie Recherchen von WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) zeigen. Dazu aber kam es nicht, kurz darauf begann die Drohserie des "NSU 2.0".

Im Februar 2017 meldete sich ein Anrufer in der Kanzlei des Würzburger Strafverteidigers Chan-Jo Jun, der damals einen jungen Syrer vertrat, dem auf Facebook Hass und Hetze entgegenschlug. Das soziale Netzwerk sollte die Einträge löschen, verlangte der Jurist. Der Anrufer forderte Jun auf, die Klage sofort zurückzuziehen, sonst würde er ihn und seine Familie töten. Er nannte Adressen und Familienverhältnisse. Gleich drei Mal rief der Mann an, den letzten Anruf soll er mit den Worten "Deutschland den Deutschen, Sieg Heil!" beendet haben. 

Rechtsanwalt Chan-jo Jun (Archivbild) | picture alliance / Daniel Karman

Der Würzburger Rechtsanwalt Jun wurde von M. massiv bedroht. Bild: picture alliance / Daniel Karman

Schon kurz darauf konnte die Polizei die Drohanrufe zurückverfolgen: Die Spur führte zu Alexander M. nach Berlin. Am 13. März 2017 klingelten zwei Polizeibeamte an dessen Haustür. Es fand eine Gefährderansprache statt. M. soll die Vorwürfe bestritten haben und die Beamten auch nicht in seine Wohnung gelassen haben. In Würzburg hatte die Polizei damals schnell in Erfahrung gebracht, dass man es offenbar mit einem Intensivtäter zu tun hatte. Mehrere Ermittlungsverfahren und Verurteilungen waren aktenkundig.

Gericht ließ Anklage nicht zu

Mitte April 2017 erwirkte die Staatsanwaltschaft Würzburg doch noch einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung des Berliners. Am 04. Mai 2017 rückte die Polizei an - fand jedoch keine Beweise für die Drohanrufe bei Anwalt Jun. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft aber stand damals zweifelsfrei fest, dass Alexander M. dafür verantwortlich war. Sie erhob daher Anklage vor dem Amtsgericht in Würzburg, das diese jedoch nicht zuließ. 

Es bestünde kein hinreichender Tatverdacht, weil die Telefonate dem Angeschuldigten nicht zugeordnet werden könnten, so das Amtsgericht. Es erging daraufhin eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft an das Landgericht. Auch dort wurde die Anklage jedoch am 28. Juli 2018 abgelehnt. Im Beschluss dazu heißt es, dass bei der vorliegenden Beweislage mit einer Verurteilung nicht zu rechnen sei.

Probleme bei der Zuordnung des Telefonanschlusses

Die Richter waren nicht überzeugt davon, dass der besagte Telefonanschluss zweifelsfrei Alexander M. zuzuordnen war, da eine schriftliche Bestätigung der Telekom offenbar fehlte. Zwar soll ein Mitarbeiter der Telekom gegenüber der Polizei erklärt haben, dass es sich bei dem Telefonanschlussinhaber um Alexander M. in Berlin handele. Sogar die genaue Lage seiner Wohnung soll den Ermittlern genannt worden sein. Allerdings soll sich der Mitarbeiter geweigert haben, dies zu verschriftlichen oder auch nur seinen eigenen Namen zu nennen. Auch später soll die Telekom auf Anfrage erklärt haben, die Daten lägen nicht mehr vor. Man könne zudem nur die Anschrift nennen, nicht aber die genaue Wohnung.

Nur wenige Tage nachdem das Würzburger Landgericht die Anklage gegen Alexander M. abgelehnt hatte, am 02. August 2018, erhielt die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz von einer anonymen Nummer ein erstes Fax, unterzeichnet mit "NSU 2.0". Der Verfasser drohte, ihre Tochter zu ermorden. Mehr als 100 solcher E-Mails, SMS und Faxe folgten in den Jahren danach.

Verschlüsselung und russischen Provider genutzt

Der Absender benutzte oft ein Verschlüsselungsprogramm, um seine wahre Identität zu verschleiern, und eine E-Mail-Adresse beim russischen Anbieter Yandex. Die Ermittler des hessischen Landeskriminalamtes (LKA) verfolgten zuletzt mehrere Spuren, vor allem durch Internetrecherchen und genaue sprachliche Analysen der Drohmails soll nun Alexander M. in Verdacht geraten sein.

Der mutmaßliche "NSU 2.0"-Schreiber soll unter anderem auf einem rechtspopulistischen Internetportal aktiv gewesen und dort zahlreiche Kommentare hinterlassen haben, bei denen es laut Ermittlern sprachliche Übereinstimmungen mit den Drohschreiben gibt. Von diesem Nutzerprofil führte schließlich auch eine Spur zu einer Webseite für Schachspieler, auf der Alexander M. ebenfalls registriert gewesen sein soll. Seine Anmeldedaten konnten die Ermittler sichern. 

Herkunft der Daten weiter rätselhaft

Einige der "NSU 2.0"-Schreiben enthielten persönliche Daten der Empfänger. Informationen, die nicht öffentlich zugänglich waren, darunter gesperrte Meldeadressen oder Angaben zu Familienmitgliedern. Der Verdacht kam daher auf, diese Daten könnten durch unberechtigte Abfragen in staatlichen Datenbanken, etwa in Polizeisystemen, erlangt worden sein. Verdächtige Abfragen nach genau jenen Personen, die Drohschreiben erhielten, gab es tatsächlich von mehreren Polizeirevieren in Hessen, Hamburg und Berlin. 

Wie der arbeitslose Berliner Alexander M. an die teils privaten Daten seiner Opfer gekommen sein soll , ist bislang noch unklar. Fraglich ist zudem weiterhin, ob er es wirklich war und wenn ja, ob er dann alleine gehandelt hat oder möglicherweise Helfer hatte. Die Ermittler glauben, dass M. einen Teil der Informationen im Internet zusammengesucht haben könnte. Und dass er sich darüber hinaus einige Daten auch erschlichen haben könnte, indem er Anrufe bei Behörden fingiert und sich als Behördenmitarbeiter ausgegeben habe.

Anfang der 1990er-Jahre soll Alexander M. so etwas schon einmal gemacht haben. Damals soll er sich als Kriminalbeamter ausgegeben haben und dafür wegen Amtsanmaßung verurteilt worden sein. Später soll er  an die Berliner Behörden geschrieben haben, es sei sehr leicht möglich, unrechtmäßig an persönliche Informationen zu kommen. Er selbst habe dies auch schon getan. Per Telefon.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Mai 2021 um 18:00 Uhr.