Demonstrantin mit Plakat auf dem steht: "Solidarität mit den Betroffenen des NSU 2.0" | dpa
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"NSU 2.0"-Drohschreiben Woher hatte der Täter die Privatadressen?

Stand: 04.05.2021 12:59 Uhr

Hessische Ermittler glauben, den Schreiber der "NSU 2.0"-Drohserie gefunden zu haben. Wie er an die Privatadressen von Journalistinnen und Politikern kam, ist noch unklar. Möglicherweise gab sich der Mann als Polizist aus.

Von Florian Flade, WDR

Sie setzten einige Hoffnung in die CD, die sie Ende vergangenen Jahres aus Russland bekamen. Die Ermittler des hessischen Landeskriminalamtes (LKA) hofften, die Daten der russischen Behörden würden sie endlich zu jenem Phantom führen, das sie seit mehr als zwei Jahren jagen: zu dem Schreiber, der rassistische und rechtsextreme Drohmails, Faxe und SMS, vor allem an Politikerinnen, Künstlerinnen und die Anwältin Seda Basay-Yildiz verschickt hatte - und die mit "NSU 2.0" unterzeichnet waren.

Florian Flade

Der anonyme Schreiber nutzte für seine E-Mails einen Account beim russischen Anbieter Yandex. Wer dahinter steckte, war lange unklar. Die Ermittler aus Hessen schickten daher ein Rechtshilfeersuchen nach Moskau. Es dauerte Monate bis dann eine Daten-CD übermittelt wurde. Wirklich hilfreich war sie allerdings nicht. Es waren andere Spuren, die nun möglicherweise zum lang ersehnten Ermittlungserfolg führten. 

Beschuldigter ist wegen rechtsmotivierter Taten vorbestraft

Am Montagabend nun meldete die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main, dass ein dringend tatverdächtiger Mann im Fall "NSU 2.0" festgenommen worden war. Es handelt sich nach Recherchen von WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) um Alexander M., einen 53 Jahre alten arbeitslosen Deutschen aus Berlin. Hessische Polizisten stürmten seine Wohnung, als er gerade am Computer saß, und nahmen ihn fest. Bei der anschließenden Durchsuchung seiner Wohnung soll auch eine Schusswaffe gefunden worden sein, Datenträger und Mobiltelefone wurden beschlagnahmt.

Der Beschuldigte, so teilte die Staatsanwaltschaft mit, soll bereits vorbestraft sein, unter anderem wegen rechtsmotivierter Taten. Nach Recherchen von WDR und SZ war der Mann auch in rechtspopulistischen Internetforen aktiv, die von den Ermittlern ausgewertet worden waren. Dort soll er Beiträge verfasst haben, bei denen es sprachliche Übereinstimmungen mit den "NSU 2.0"-Drohschreiben geben soll.

Verdacht auf rechtes Netzwerk bei der Polizei

In einigen Schreiben der Drohserie des "NSU 2.0" waren private Daten der Empfängerinnen und Empfängern aufgetaucht, darunter Meldeadressen oder auch Namen von Familienangehörigen. Der Verdacht kam auf, dass der Schreiber möglicherweise durch Abfragen in polizeilichen Systemen an diese Informationen gelangt war. Mehrere verdächtige Abfragen zu Personen, die später Drohschreiben erhalten hatten, gab es in Polizeirevieren in Hessen, Berlin und Hamburg.

Die Ermittler in der Arbeitsgruppe "AG 211" im hessischen LKA gingen daher der Frage nach, ob eventuell ein rechtes Netzwerk innerhalb der Polizei für die Drohserie verantwortlich ist. In einer Frankfurter Wache waren etwa im Jahr 2018 Daten zur Anwältin Seda Basay-Yildiz abgefragt worden, kurz bevor sie Faxe mit rassistischen Morddrohungen erhielt.

Daraufhin waren die Ermittler auf mehrere Polizistinnen und Polizisten aus jener Dienststelle gestoßen, die über eine Chatgruppe vernetzt waren und darin auch rassistische, antisemitische und volksverhetzende Inhalte geteilt hatten. Sie wurden suspendiert. Beweise für eine Verbindung der Beamten zu den "NSU 2.0"-Drohschreiben aber gab es nicht.

Linguistische Gutachten und Hilfe aus dem Ausland

In den vergangenen Jahren verfolgten die hessischen Ermittler immer wieder neue Spuren, sie ließen linguistische Gutachten zu den Drohschreiben anfertigen und stellten Rechtshilfeersuchen, unter anderem nach Russland und nach Frankreich. Als in einer Drohmail Bezug auf die Inhalte eines zahlungspflichtigen Artikels der "Bild"-Zeitung genommen wurde, wollten die Ermittler die Daten der Nutzer der "Bild"-Webseite sicherstellen. Das Medium aber verweigerte eine Herausgabe.

Die Identifizierung und Festnahme des nun tatverdächtigen Berliners, so heißt es von Seiten der Ermittler, sei durch Kombination aus klassischen Ermittlungen, intensiven Internetrecherchen und linguistischen Gutachten erfolgt. So soll der Beschuldigte in mehreren rechtspopulistischen Foren, unter anderem bei "PI-News", aktiv gewesen sein. Die dortigen Äußerungen sollen Übereinstimmungen mit jenen in den Drohschreiben aufweisen.

Hatte der Täter Unterstützung?

Noch ist unklar, ob der nun Festgenommene auch der Täter ist und ob er - wenn ja - bei seinen Taten eventuell Unterstützung hatte. Helfende, die Informationen über die Opfer zusammengetragen und ausgetauscht haben, möglicherweise Gleichgesinnte, die er über das Internet kennengelernt hatte. Er soll jedenfalls weitestgehend sozial isoliert gelebt und viel Zeit im Netz verbracht haben. Wie aber ist er an die privaten Daten seiner Opfer gelangt? 

Eine Hypothese, die die Ermittler in Wiesbaden schon länger verfolgt haben, war, dass der Täter mit fingierten Anrufen bei Behörden die Daten über seine Opfer hat abfragen lassen - eventuell auch in polizeilichen Systemen. Möglicherweise rufe der Schreiber bei Einwohnermeldeämtern oder anderen Stellen an, gebe sich als Polizist oder sonstiger Staatsbediensteter aus, und verlange im typischen "Behördensprech" Auskunft. Solche verdächtigen Anrufe gab es zum Beispiel in der Redaktion der "taz". Da rief jemand an, behauptete Polizist aus Berlin zu sein und fragte nach der aktuellen Adresse einer Kolumnistin, die später auch "NSU 2.0"-Drohmails erhielt. Der nun festgenommene Alexander M. soll  wegen Amtsanmaßung vorbestraft sein. Er soll in der Vergangenheit Ämter kontaktiert und sich dabei als Behördenvertreter ausgegeben haben.

Über dieses Thema berichtete NDR2 am 04. Mai 2021 um 12:00 Uhr in den Nachrichten.