Frauen und Kinder im Gefangenenlager Al-Haul in Nordsyrien | Bildquelle: AFP

In Syrien und dem Irak Mehr als 100 deutsche IS-Kinder in Haft

Stand: 20.06.2019 16:05 Uhr

Bislang beruhten die Angaben zu Kindern deutscher IS-Anhänger, die sich in Syrien und Irak in Gefängnissen aufhalten, eher auf Schätzungen. Nach Informationen des WDR gibt es jetzt erstmals genaue Zahlen.

Von Florian Flade, WDR

Die Bundesregierung hat nach Informationen des WDR erstmals einen genaueren Überblick über die Anzahl der Kinder deutscher Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS), die sich derzeit in Gefangenenlagern und Gefängnissen in Nordsyrien und im Irak befinden. Bislang beruhten die Zahlen eher auf Schätzungen.

Demnach handelt es sich um 117 Kinder, bei denen eine deutsche Staatsbürgerschaft aufgrund mindestens eines deutschen Elternteils angenommen wird. Bei weiteren 21 Kindern gibt es Bezüge nach Deutschland, ihre Eltern sollen jedoch keine deutschen Staatsbürger sein.

Tausende ausländische IS-Anhänger in Gefängnissen

Derzeit werden mehrere Tausend ausländische IS-Anhänger, darunter vor allem Frauen, in kurdischen Gefangenenlagern in Nordwest-Syrien und in Gefängnissen in der irakischen Hauptstadt Bagdad festgehalten. Sie wurden mehrheitlich Anfang des Jahres bei den Kämpfen um die letzte IS-Hochburg Baghuz an der syrisch-irakischen Grenze aufgegriffen.

124 Dschihadisten mit Bezug zu Deutschland

Das Auswärtige Amt, das für die konsularische Betreuung von deutschen Staatsbürgern im Ausland zuständig ist, hat gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst, dem Bundesministerium der Justiz und dem Bundesinnenministerium abgestimmte Listen zu den gefangenen deutschen IS-Anhängern erstellt.

Nach WDR-Informationen gehen die Sicherheitsbehörden davon aus, dass sich aktuell 124 IS-Dschihadisten mit Deutschland-Bezug in der Region in Gefangenschaft befinden. Bei 90 Personen soll es sich um deutsche Staatsbürger handeln. Gegen 17 Männer und sechs Frauen, die sich derzeit in Syrien in kurdischer Haft befinden, bestehen zudem hierzulande Haftbefehle.

Entscheidung der Bundesregierung steht aus

Bislang hat die Bundesregierung noch keine Entscheidung getroffen, wie mit den deutschen IS-Anhängern umgegangen werden soll. Mehrere Staaten, darunter Schweden, Belgien, Usbekistan und Kosovo hatten zuletzt Staatsbürger - vor allem Frauen und Kinder - aus den kurdischen Gefangenenlagern in die Heimatländer gebracht.

Sowohl die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien als auch Nicht-Regierungsorganisationen wie das Rote Kreuz warnen schon seit einiger Zeit vor den sich verschlechternden Zuständen in den überfüllten Flüchtlingslagern. Immer wieder gibt es die Bitte an europäische Regierungen, die IS-Dschihadisten und ihre Familien abzuholen und in den Heimatländern vor Gericht zu stellen.

Zumindest Waisenkinder sollen zurückgebracht werden

Deutsche Behörden verwiesen in der Vergangenheit allerdings stets darauf, dass es sich bei dem nordsyrischen Kurdengebiet nicht um einen international anerkannten Staat handelt und deshalb auch keine diplomatischen Verbindungen dorthin existieren. Eine konsularische Betreuung der deutschen Staatsbürger sei in der Region ebenfalls nicht möglich.

Jüngst aber entschied das Auswärtige Amt, dass zumindest Waisenkinder nach Deutschland zurückgebracht werden sollen. Vorangegangen war die Klage des hannoverschen Rechtsanwalt Dirk Schoenian, der die Großeltern zweier minderjähriger Mädchen vertritt, deren IS-Eltern nicht mehr am Leben sind. Vor dem Berliner Verwaltungsgericht hatte der Jurist einen Antrag auf einstweilige Anordnung zur Rückholung der Kinder eingereicht. Das Auswärtige Amt hatte daraufhin erklärt, man bemühe sich nun, "besonders schutzwürdige Kinder" aus den Lagern in Syrien nach Deutschland zu holen.

Über dieses Thema berichtete der MDR in „EXAKT“ am 27. März 2019 um 20:15 Uhr.

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