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Mutmaßlicher Hawala-Banker Die Nummer eins beim Geldgeschäft

Stand: 12.03.2021 07:00 Uhr

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat eine Gruppe mutmaßlicher Geldschleuser angeklagt, die illegal Bargeld in die Türkei geschafft haben soll. Nach Informationen von WDR und SZ soll das Netzwerk größer gewesen sein als bisher bekannt.

Von Arne Hell und Marc Steinhäuser, WDR

Als die Razzia beginnt, liegt der hauptbeschuldigte Juwelier und Edelmetallhändler noch im Bett. Griffbereit auf seinem Nachttisch soll laut Anklage eine Glock gelegen haben, eine halbautomatische Pistole. Aus Ermittlersicht hatte der 52-Jährige aus Duisburg Angst vor Überfällen. Vor Menschen, die es auf das ganze Gold und Bargeld abgesehen haben.

Arne Hell
Marc Steinhäuser

Gut 26 Millionen Euro - so viel ist das wert, was die Beamten des Landeskriminalamtes im November 2019 beschlagnahmt haben, als sie in Duisburg und mehreren anderen Städten Juwelierläden, Lokale, Büros und Wohnungen durchsucht haben.

212 Millionen Euro sollen bewegt worden sein

Die Anklage, die WDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) einsehen konnten, spricht von einem weit verzweigten Netzwerk, das noch größer gewesen sein soll als bisher bekannt. Mit Einzahlstellen in Duisburg, Neuss, Düsseldorf und Bielefeld, genau wie in Hamburg, Saarlouis, Stuttgart und Berlin.

Der Mann, der der Kopf der Gruppe sein soll, sitzt seit den Razzien in Untersuchungshaft. Das Netzwerk soll in großem Stil Bargeld in die Türkei geschleust haben, insgesamt mindestens 212 Millionen Euro, gegen eine Provision. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wirft ihm vor, gegen das Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz verstoßen zu haben.

Hawala-Banking ist Jahrhunderte alt

Vereinfacht gesagt, soll die Gruppe also Geldgeschäfte ohne Lizenz betrieben haben. Und sie soll sich dafür zu einer kriminellen Vereinigung zusammengetan haben. Ermittler halten sie offenbar für einen Dienstleister für das organisierte Verbrechen. Das System, das sie dafür benutzt haben sollen, nennt sich Hawala-Banking. Eine Jahrhunderte alte Überweisungsmethode, vor allem in muslimisch geprägten Ländern: Jemand zahlt an einem Ort Bargeld ein. Der Empfänger bekommt es an einem anderen Ort wieder ausgezahlt, ohne dass das Geld tatsächlich bewegt werden muss - und ohne offiziell erfasst zu werden.

Der Vereidiger des Hauptbeschuldigten bestreitet die Hawala-Geschäfte nicht. Sein Mandant habe dies auch gestanden. Gestritten werden dürfte vor dem Düsseldorfer Landgericht aber um den Vorwurf der kriminellen Vereinigung. "Ich glaube, dass man das im Verfahren nicht halten wird", zeigt sich Verteidiger Klaus Bernsmann überzeugt. Natürlich sei Hawala-Banking illegal, aber sein Mandant habe mit organisierter Kriminalität und Geldwäsche nichts zu tun. Er werde grundlos verdächtigt, "obwohl er nur das gemacht hat, was seit Jahrhunderten üblich ist".

Woher stammt das Geld?

Geldwäsche wirft die Staatsanwaltschaft der Gruppe auch nicht vor. Dafür müsste man beweisen, dass die Männer gewusst haben, dass das Bargeld ihrer Kunden aus illegalen Geschäften stammt. Der Chef habe aber streng darauf geachtet, dass darüber nicht gesprochen wird.

Gut möglich also, dass ein Teil des Geldes auch aus völlig legalen Geschäften stammt, zum Beispiel aus den Einnahmen türkischstämmiger Ladenbesitzer. Allerdings heißt es aus Ermittlerkreisen, es wäre naiv anzunehmen, dass bei so viel Bargeld nicht auch Kunden aus der organisierten Kriminalität dabei sind.

Einzelne Kunden hätten teilweise mehrere Millionen Euro auf einmal eingezahlt. Auch im Umfeld dieser Kunden haben die Ermittler nach Informationen von WDR und SZ nachgeforscht. Allerdings sei das zum Teil ins Leere gelaufen, weil mehrere Kuriere dazwischengeschaltet worden seien. Die Hintermänner blieben im Verborgenen. Hinweise auf Terrorfinanzierung habe es nicht gegeben.

Provision von 1,5 bis zwei Prozent

Schon die Ermittlungen zum Hawala-Banking waren für das LKA in Düsseldorf aufwändig. Insgesamt 40 Umzugskartons mit Unterlagen seien zusammengesammelt worden. Geholfen haben soll den Ermittlern die Gründlichkeit des mutmaßlichen Chefs der Gruppe. Er wird als "Kontrollfreak" beschrieben, der sich jede Transaktion per WhatsApp-Nachricht bestätigen ließ.

Er soll 2018 und 2019 nach und nach immer mehr Juwelierläden und Lokale als Einzahlstellen genutzt haben. Mit einem seiner Geschäftspartner habe er das Ziel gehabt, "die Nummer 1 im Geldgeschäft" zu werden. Als Provision soll die Gruppe etwa 1,5 bis zwei Prozent der Transaktionssummen behalten haben.

Goldhandel sorgt für gefüllten Geldtopf in der Türkei

Da die Auszahlungen fast alle in der Türkei stattgefunden haben sollen, musste der Topf mit Bargeld dort immer wieder aufgefüllt werden. Das soll hauptsächlich über einen Goldhandel funktioniert haben: Laut Anklage soll die Gruppe mit dem Geld, das ihre Kunden in Deutschland eingezahlt haben, jede Menge Gold angekauft haben, insgesamt mindestens 6,5 Tonnen.

Dieses Gold soll dann an eine Firma in Hessen verkauft worden sein, die zu einem türkischen Konzern gehört. Der Kaufpreis für das Gold soll dann in der Türkei gezahlt worden sein - und zwar in bar an den Bruder des Hauptbeschuldigten. Der habe das Bargeld dann am "Gedeckten Basar" in Istanbul wieder an die Hawala-Kunden ausgezahlt.

"Vorwürfe sind ein bisschen Propaganda"

Auch das bestreitet die Verteidigung nicht. Sein Mandant habe im Grunde aber niemandem geschadet, sagt Anwalt Bernsmann. Dass er schon gut anderthalb Jahre in U-Haft sitzt, hält er für ungerechtfertigt. Er glaubt, dass die Ermittlungen auch aus politischen Gründen in dieser Richtung vorangetrieben wurden: "Ich halte es für ein bisschen Propaganda. Man verbösert ein Delikt, was für mich kaum mehr als eine Ordnungswidrigkeit ist."

Der Fall ist auch ein Prestigeverfahren für die NRW-Landesregierung. Sie hatte im Jahr 2018 eine neue Taskforce gegründet, um Geldwäsche, Terrorfinanzierung und Organisierte Kriminalität besser zu bekämpfen. LKA, Steuerfahnder und Justiz sollen dafür gezielter zusammenarbeiten. Das Hawala-Verfahren ist jetzt das erste der Task-Force, das vor Gericht kommt.

Die Frage wird dann nicht nur sein, wie hoch die Strafe für die sieben Männer ausfallen wird, sondern auch was aus dem beschlagnahmten Vermögen wird, immerhin gut 22 Millionen Euro. Aus Sicht der Verteidigung dürfe nur einbehalten werden, was die Hawala-Banker an den Transaktionen verdient haben, also nur etwa 350.000 Euro. Den Rest will der Juwelier aus Duisburg wiederhaben.

Über dieses Thema berichtete WDR Morgenecho am 12. März 2021 um 07:20 Uhr.