Polizeibeamte untersuchen den Tatort in Berlin-Moabit. | Bildquelle: REUTERS

Mord an Georgier in Berlin Generalbundesanwalt verdächtigt Russland

Stand: 03.12.2019 09:58 Uhr

Der Mord an dem Georgier im Berliner Tiergarten erreicht eine neue Dimension: Laut WDR, NDR und SZ will der Generalbundesanwalt das Verfahren übernehmen. Es bestehe der Verdacht, dass Russland hinter dem Attentat stecke.

Von Florian Flade und Georg Mascolo

Zelimkhan Khangoshvili fürchtete um sein Leben. Der russische Staat sei hinter ihm her, berichtete der Tschetschene mit georgischem Pass bei seiner Asylanhörung im brandenburgischen Eisenhüttenstadt im Januar 2017. Mehrere Mordanschläge habe es in den vergangenen Jahren auf ihn gegeben, so der ehemalige Rebellenkommandeur. Er sei ein gesuchter Mann - im Kaukasus und darüber hinaus. Was er denn befürchte, wenn er nach Russland zurückkehren müsste, wollte der Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) von ihm wissen. Khangoshvilis Antwort: "Die russischen Organe werden einen Mord inszenieren."

Am 23. August 2019, gegen 11:58 Uhr, wurde Zelimkhan Khangoshvili schließlich ermordet. Nicht in Russland oder im Kaukasus, sondern mitten in Berlin. Im Kleinen Tiergarten im Ortsteil Moabit war der 40-Jährige gerade auf dem Weg zum Freitagsgebet in der Moschee, als sich ein Mann auf einem Fahrrad näherte und ihm aus kurzer Distanz mit einer Pistole samt Schalldämpfer in den Kopf schoss. Khangoshvili war sofort tot.

Ein Polizeiwagen steht hinter einer Absperrung in Berlin-Moabit. | Bildquelle: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX
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Der russische Tatverdächtige sitzt in Untersuchungshaft und schweigt.

Rätselhafte Hintergründe

Der Mord an dem Georgier gibt seitdem Rätsel auf: Wer steckt hinter dem Attentat? War es ein Auftragsmord aus dem kriminellen Milieu? Eine Fehde unter Kaukasiern? Oder gar ein Attentat im Auftrag des Kreml?

Der mutmaßliche Todesschütze hatte nach der Tat versucht mit einem E-Roller zu fliehen, war jedoch festgenommen worden: Es ist ein stämmiger Mann mit Schnauzbart und auffälligen Tätowierungen. Laut Pass handelt es sich um den russischen Staatsbürger Vadim Sokolov. Er sitzt in Berlin in Untersuchungshaft und schweigt. Einmal soll er Besuch von Diplomaten aus der russischen Botschaft bekommen haben, die ihn konsularisch betreuen.

Beteiligung am "Tiergarten-Mord": Bundesanwaltschaft verdächtigt Russland
tagesschau 20:00 Uhr, 03.12.2019, A. Henze/F. Flade, ARD Berlin

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Vorwurf: Mord

Die Ermittlungen in dem Fall führt das Berliner Landeskriminalamt (LKA). Der Vorwurf gegen den festgenommenen Tatverdächtigen lautete bislang: Mord. Weil die Tat aber eine so große Brisanz birgt, lässt sich der Generalbundesanwalt seit Beginn an über den Stand der Ermittlungen informieren. Und auch das Bundeskriminalamt (BKA) ist beteiligt.

Jetzt könnte der Fall allerdings eine neue Dimension bekommen: Die Bundesanwaltschaft will das Verfahren nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" noch in dieser Woche übernehmen. Und zwar wegen eines möglichen Geheimdienst-Hintergrunds. In Karlsruhe geht man inzwischen davon aus, dass der russische Staat den Mord in Berlin-Moabit in Auftrag gegeben haben könnte. Auch der "Spiegel" hatte darüber berichtet.

Spur führt nach Russland

Demnach sollen sich in den vergangenen Wochen die Indizien dafür gemehrt haben, dass staatliche Stellen in Russland mit der Ermordung Khangoshvilis in Verbindung stehen könnten. So waren die Ermittler auf eine verdächtige Fahndungsausschreibung der russischen Behörden gestoßen: Im Jahr 2013 soll der gebürtige Kasache Vadim K. einen russischen Geschäftsmann ermordet haben - auch er war damals wohl bei der Tatbegehung auf einem Fahrrad unterwegs.

Ein Abgleich der biometrischen Daten der damaligen Fahndungsbilder ergab nun eine hohe Ähnlichkeit mit dem in Berlin festgenommenen Tatverdächtigen Sokolov. Auffällig war allerdings: Russland hatte die internationale Fahndung nach Vadim K. im Jahr 2015 ganz plötzlich eingestellt. Der Verdacht der deutschen Ermittler ist nun: Russische Dienste könnten den mutmaßlichen Mörder gefunden und für ein Attentat rekrutiert haben. Und schufen daraufhin die Falschidentität Sokolov.

Kontakt zum Verteidigungsministerium

Ein weiterer Hinweis auf eine mögliche staatliche Verwicklung in den Mord am Georgier in Berlin liefert eine Fax-Nummer, die bei den Ermittlungen auftauchte. Der mutmaßliche Mörder Sokolov war über Paris in die Europäische Union eingereist und hatte zuvor im französischen Konsulat ein Schengen-Visum beantragt. Dabei soll eine Fax-Nummer verwendet worden sein, die zu einem Unternehmen führt, das in der Vergangenheit mit dem russischen Verteidigungsministerium zusammengearbeitet haben soll.

Auf dem Visumsantrag von Sokolov war zudem ein angeblicher Arbeitgeber vermerkt: Die Firma "Zao-Rust", deren Buchhalter und Generaldirektor hatten das Zertifikat unterzeichnet. Sokolov sei angeblich Ingenieur in dem Unternehmen. Tatsächlich aber befindet sich die Firma gerade in einer Rekonstruktion und soll nach Erkenntnissen deutscher Ermittler keinen Arbeitnehmer mit diesem Namen haben.

Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe | Bildquelle: dpa
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Die Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft könnten zu einem diplomatischen Zerwürfnis führen.

"Vom Gesetz geschützt"?

Die investigative Plattformen "Bellingcat" und "The Insider" hatten nach dem Attentat auf Khangoshvili bereits die Vermutung geäußert, dass der mutmaßliche Mörder Unterstützung durch russische Stellen bekommen haben könnte. So soll der Pass des Tatverdächtigen in Datenbanken in Russland gesperrt sein, und zwar mit dem Hinweis, die Person sei "vom Gesetz geschützt".

Sollte die Bundesanwaltschaft tatsächlich den russischen Staat für den Mord in Berlin-Moabit verantwortlich machen, könnte dies für einige diplomatische Zerwürfnisse sorgen. Immerhin wäre der Vorwurf dann: Staatsterrorismus. Die russische Seite hatte eine Beteiligung an dem Verbrechen stets abgestritten. Jüngst soll es zudem eine Einladung an das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) nach Moskau gegeben haben: Man wolle die Deutschen davon überzeugen, dass man nichts mit der Tat zu tun habe.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Dezember 2019 um 10:40 Uhr.

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