Luftaufnahme der Gemeinde Insul im Ahrtal. | dpa
Exklusiv

Flutkatastrophe Bundesamt war von Ausmaß offenbar überrascht

Stand: 13.08.2021 13:57 Uhr

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz ist vom Ausmaß der Flutkatastrophe offenbar überrascht worden. Das zeigt die Auswertung von Lageberichten aus der Katastrophenwoche an das Bundesinnenministerium, die dem WDR vorliegen.

Von Florian Flade und Martin Kaul, WDR

Seit den verheerenden Unwettern Mitte Juli steht das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in der Kritik. Eine Auswertung interner Dokumente zeigt nun, dass die Behörde das Ausmaß der Katastrophe möglicherweise unterschätzt hat.

Florian Flade
Martin Kaul

Der WDR hat diese über den Weg des Informationsfreiheitsgesetzes beim Bundesinnenministerium angefordert und ausgewertet. Dabei handelt es sich um die täglichen Lageberichte, die in der Woche der Flutkatastrophe vom Gemeinsamen Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern (GMLZ) an das Bundesinnenministerium gingen. Das Lagezentrum hat seinen Sitz beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn.

Kaum zuverlässige Prognosen

Zuständig für den Katastrophenschutz ist in Deutschland nicht der Bund, sondern die Länder und Kommunen. Das Bundesamt leistet dabei lediglich Katastrophenhilfe, vermittelt Koordinierungsanfragen und bündelt Informationen in einem gemeinsamen Lagezentrum. Die Lageberichte zeigen, dass die zuständigen Experten in den Folgetagen der Katastrophe vor allem Zusammenfassungen über bereits erfolgte und offensichtliche Schadensereignisse lieferten, dagegen aber kaum zuverlässige Prognosen.

Bei der Unwetterkatastrophe mit verheerenden Hochwassern waren Mitte Juli mindestens 180 Menschen ums Leben gekommen, Mobilfunknetze und Trinkwasserversorgung zusammengebrochen. Ganze Städte standen unter Wasser, Staudämme drohten zu brechen.

Risiko unterschätzt?

In ihrem täglichen Bericht an das Bundesinnenministerium meldeten die Experten am 12. Juli, die Niederschläge würden "örtlich zu typischen Unwetterfolgen wie Ausuferungen von kleineren Fließgewässern und begrenzten Überschwemmungen führen. Vollgelaufene Keller, kleinere Erdrutsche und Verkehrsbehinderungen sind wahrscheinlich." Fazit des Lagezentrums: "Mit einer länderübergreifenden Hochwasserlage wird nach derzeitiger Prognose nicht gerechnet."

Einen Tag später, am Nachmittag des 13. Juli, notierten die Beamten zwar gemäß dem Deutschen Wetterdienst, dass mit bis zu 200 Litern Niederschlag pro Quadratmeter zu rechnen sei - eine Menge, die sonst für gewöhnlich nur innerhalb von zwei bis drei Monaten niedergeht. Dennoch sahen sie weiterhin "keine länderübergreifende Hochwasserlage" kommen. 

Am 14. Juli kursierten in sozialen Medien Videos von teils dramatischen Szenen aus dem nordrhein-westfälischen Hagen. Fernsehreporter berichteten live über die verheerenden Fluten. An diesem Tag kam das Lagezentrum erneut zu dem Schluss, dass "nicht mit einem länderübergreifenden und bevölkerungsschutzrelevanten Schadensereignis zu rechnen" sei. Bilanz der Gesamtlageeinschätzung am 14 Juli: "Von einer großflächigen Hochwasserlage mit länderübergreifendem Koordinierungsbedarf wird derzeit nicht ausgegangen." Über diesen Lagebericht vom 14. Juli hatte bereits die "Bild"-Zeitung berichtet.

Ministerium gab nicht alle Bericht heraus

Erst als das Ausmaß der Katastrophe schließlich nicht mehr zu übersehen war, notierten die Beamten in einer Sondereinschätzung am 15. Juli um kurz nach Mitternacht: "Durch die Großflächigkeit der Ereignisse ist von überörtlichen Hilfeleistungen, ggf. auch länderübergreifend auszugehen." Zu diesem Zeitpunkt war die Bundeswehr bereits mit 230 Soldaten, 38 Radfahrzeugen und zwei Panzern zur Bergung im Einsatz.

Am Nachmittag des 15. Juli schrieb das Lagezentrum an die Bundesregierung dann, "ein länderübergreifendes und bevölkerungsschutzrelevantes Schadensereignis sei nicht auszuschließen." Die Dokumente, die der WDR auswerten konnte, zeigen noch nicht das ganze Bild: Einen Lagebericht wollte das Bundesinnenministerium nicht herausgeben. Dieser sei durch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz als Verschlusssache eingestuft worden. 

Ministerium will sich nicht äußern

Der Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Armin Schuster, äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Lageeinschätzungen seines Amtes. In der Vergangenheit hatte Schuster das Bundesamt verteidigt: Deren Aufgabe sei es, ein Warnsystem für den Verteidigungsfall bereitzustellen. Vor Ort seien Kommunen und Landkreise zuständig. Zwischen Mittwochmorgen und Samstagmittag seien 150 Warnmeldungen über das BBK-System geschickt worden, sagte Schuster in den Tagesthemen. Er habe aber keinen Einfluss darauf, wie vor Ort mit den Warnungen seiner Behörde umgegangen werde.

Das Bundesinnenministerium wollte die Arbeit des BBK im Vorfeld der Flutkatastrophe nicht bewerten. Eine Sprecherin sagte auf Anfrage: "Mit Blick auf die laufenden Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaften in den betroffenen Bundesländern äußert sich das BMI derzeit nicht." In Rheinland-Pfalz ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft gegen den Landrat von Ahrweiler wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen.

Politiker fordern Reformen

In einer Sondersitzung hatte der Innenausschusses im Deutschen Bundestag Behördenleiter Schuster und Innenminister Horst Seehofer zum Katastrophenmanagement befragt. Aus Teilnehmerkreisen ist zu hören, dass aus Pietätsgründen wegen der damals noch laufenden Suche nach Vermissten dort keine Schuldzuweisungen erfolgen sollten.

BBK-Chef Schuster hatte seinerzeit bereits eingeräumt, er könne nicht behaupten, dass alles optimal gelaufen sei. Auch sehen viele Abgeordnete das Problem weniger beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz, sondern in den mangelhaften Strukturen für eine effektivere Koordinierung zwischen Bund, Ländern und Landkreisen. Reformbemühungen für eine stärkere Koordinierung würden seit Jahren auch durch die Länder blockiert.

Im März hatte Amtschef Schuster, ein langjähriger CDU-Bundestagsabgeordneter, der das Amt erst im November übernommen hatte, gemeinsam mit Innenminister Seehofer ein Konzept für eine Neuausrichtung des BBK vorgelegt. Dieses sieht eine intensivere Zusammenarbeit von Bund und Ländern im Krisenfall vor. Auch zahlreiche Bundespolitiker fordern inzwischen eine Neuausrichtung des Katastrophenschutzes in Deutschland.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Juli 2021 um 09:00 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
Sisyphos3 14.08.2021 • 00:04 Uhr

21:17 von Bernd Kevesligeti

produzieren die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 36 bis 45 Prozent der Emissionen. Zehnmal so viel wie das ärmste Zehntel der Bevölkerung. -------------- da hätte ich schon gern plausible Gründe dafür liegt es daran, dass die größere Wohnungen haben dort die Temperaturen der Heizung höher sind die alle dicke Autos fahren ? vielleicht auch die häufigen Flüge nach Tahiti