Amazons intelligenter persoenlicher Assistent Alexa wird getestet. | picture alliance / Frank Duenzl
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Digitale Spuren Alexa, wer ist der Mörder?

Stand: 25.03.2021 10:34 Uhr

Smart-Devices wie sprachgesteuerte Lautsprecher oder Fitnessarmbänder werden bei der Aufklärung von Straftaten wichtiger. In Fachkreisen heißt der Tatort mittlerweile auch "Smart Ort".

Von Florian Flade und Moritz Börner, WDR

Er kontrollierte ihr Handy, tauchte plötzlich vor der Wohnung auf, akzeptierte nicht, dass sie sich schließlich von ihm trennte. Am Abend des 03. Dezember 2019 stand der 54-jährige "Stalker" erneut vor dem Haus. Sie ließ ihn wohl hinein, die beiden tranken viel Alkohol und hatten Sex. Am nächsten Tag fand die Polizei die 45-jährige Modeverkäuferin erwürgt in ihrem Bett.

Florian Flade

Im Dezember vergangenen Jahres verurteilte das Landgericht Regensburg den ehemaligen Lebenspartner der Getöteten wegen Totschlags und Nötigung zu einer Haftstrafe von zehn Jahren und zu einer Sicherheitsverwahrung unter Vorbehalt. Im Prozess war ein ungewöhnliches Beweismittel vorgelegt worden: Eine Audioaufzeichnung aus dem Sprachsteuerungsgerät Alexa, das sich in der Wohnung des Opfers befand.

"Die Alexa hast halt wieder herinnen (bayerischer Dialekt für: im Zimmer)", so ist darauf der später verurteilte Totschläger zu hören. Ab 23:54 Uhr, nachdem das Wort "Alexa" gefallen war, zeichnete der Lautsprecher auf. Das Gericht sah es demnach als erwiesen an, dass sich der Mann spätestens zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung aufhielt. Und dass das spätere Opfer in diesem Moment noch lebte. Um 3 Uhr nachts dann sagte der Mann: "Alexa aus!" Vor Gericht gab er zu: Es ist seine Stimme, die in der Aufnahme zu hören ist.

Der Mitschnitt des sprachgesteuerten Lautsprechers war nur ein Puzzleteil in den Ermittlungen. Es gab noch andere Spuren, die belegten, dass sich der Täter in der Wohnung aufgehalten und die Frau erwürgt hatte. Aber der Fall verdeutlicht: Digitale Spuren können einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung von Straftaten leisten.

Verräterische Daten

Sprachgesteuerte Lautsprecher, Smart-Watches, Fitnessarmbänder, Smart-TVs, Staubsaugerroboter und viele andere mit dem Internet verbundene Geräte werden immer beliebter. Sie finden sich auch vermehrt an Tatorten und sie können den Ermittlern so einiges über den Ablauf von Straftaten, über Opfer und Täter verraten. Der Tatort sei zunehmend ein "Smart Ort", so die etwas phrasenhafte Beschreibung in Polizeikreisen.

In Australien und in den USA waren Daten aus Fitnessarmbändern und Smart-Watches bereits Beweismittel in Mordfällen. Durch sie konnte etwa belegt werden, wo sich Täter und Opfer aufgehalten hatten, oder dass eine Leiche bewegt wurde. In Deutschland konnte beim Mord an einer Studentin in Freiburg im Oktober 2016 der Tathergang durch eine Fitness-App auf dem Handy des Mörders rekonstruiert werden. Das Programm hatte nicht nur die Schritte gezählt, sondern auch Höhendistanzen aufgezeichnet. In Kombination mit den Geodaten des Smartphones konnten die Ermittler darlegen, dass der Täter das Opfer eine Uferböschung hinuntergezerrt hatte und anschließend wieder hinaufgeklettert war.

Wertvolle Informationen

"Es gibt die Entwicklung, dass elektronische Geräte und mit dem Internet verbundene Dinge immer mehr Teil unseres Alltags werden. Wir haben entschieden, dass wir als Polizei darauf reagieren müssen", sagt Juriaan Kettner vom Landeskriminalamt (LKA) in Schleswig-Holstein. Er leitet dort das 2019 geschaffene Kompetenzzentrum Digitale Spuren. Kettner und seine Kollegen beschäftigen sich nicht mit den herkömmlichen Spuren am Tatort, also mit Fingerabdrücken oder DNA. Und auch nicht mit elektronischen Beweismitteln wie Handys oder Computern.

"Es geht um neue digitale Spuren, die sich an Tatorten finden lassen, über die man bislang vielleicht noch nicht so nachgedacht hat", so Kettner. Unterstützt werden die Ermittler in Schleswig-Holstein von den Fachleuten der neuen Einheit oftmals schon direkt am Tatort. "Die Frage ist meistens: Welche Spuren könnte es hier noch geben? Welche Informationen die uns vielleicht helfen, liefern Geräte, die sich an diesem Ort befinden? Nicht alle Ermittler sehen gleich, wo sich noch digitale Spuren finden lassen", erzählt der Polizist.

Insbesondere jene Geräte und Programme, die Bewegungsdaten aufzeichnen oder Sprachaufnahmen speichern, können Ermittlern wertvolle Informationen liefern. Aber auch Daten aus Wlan-Routern können aufschlussreich sein. "Bei unserer Arbeit geht es auch darum, wie Ermittler solche Daten und deren Wert generell erkennen und sichern können", erklärt der LKA-Fachmann Kettner. "Hier wurde bislang viel improvisiert, wir wollen aber Wege finden, wie das standardisiert und professioneller möglich wird."

Amazon-Mitarbeiter hören zu

Auch im Süden Deutschlands wird daran gearbeitet, wie man digitale Spuren findet - und wie man sie sichern kann. Die Zentrale Stelle für die Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS) mit Sitz in München wurde 2017 ins Leben gerufen, um Methoden und Technologien für die Polizeibehörden zu erforschen und zu entwickeln, die auch bei Ermittlungsarbeit hilfreich sein können. Auch mit Smart-Devices haben sich die Fachleute von ZITiS bereits beschäftigt, in einem eigens eingerichteten Raum wurden etwa Experimente mit sprachgesteuerten Lautsprechern wie Alexa durchgeführt.

Um die Daten von Sprachassistenten wie Alexa von Amazon auswerten zu können, muss das Unternehmen die aufgezeichneten Mitschnitte den Ermittlern zur Verfügung stellen. Möglich ist das, weil die Lautsprecher die Aufnahmen speichern, wenn die Nutzer dem zugestimmt haben. Um die Software der Sprachassistenten zu verbessern, zum Beispiel festzustellen, warum bestimmte Befehle von Alexa nicht erkannt wurden, können ausgewählte Amazon-Mitarbeiter die Mitschnitte dann manuell überprüfen - sie also anhören oder die Abschriften lesen.

"Der Zugriff auf die manuellen Überprüfungswerkzeuge wird nur einer begrenzten Anzahl von Mitarbeitern gewährt, die diese zur Verbesserung des Dienstes benötigen", sagte ein Sprecher von Amazon dazu auf Anfrage. Die Sprachaufzeichnungen seien zudem "nicht mit identifizierbaren Kundendaten" verknüpft. Die Mitarbeiter wissen demnach nicht, wem das Gerät gehört und wer gesprochen hat. 

Was aber, wenn Alexa zufällig eine Straftat aufzeichnet? Häusliche Gewalt etwa, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch oder sogar Mord? Immerhin schalten sich sprachgesteuerte Lautsprecher von Amazon, Apple oder Google offenbar bei einer ganzen Reihe von sogenannten "Trigger Words" ein.

Auf Nachfrage wollte sich Amazon nicht dazu äußern, ob Mitarbeiter in Deutschland durch die Überprüfung aufgezeichneter Daten bereits Kenntnis von Straftaten bekommen haben - und ob dann die Polizei verständigt wurde. Ein Sprecher des Unternehmens teilte dazu lediglich mit: "Unsere Mitarbeiter, die diesen manuellen Überprüfungsprozess durchführen, sind nicht berechtigt, Sprachaufzeichnungen oder Abschriften an Strafverfolgungsbehörden weiterzugeben."

Über dieses Thema berichteten am 25. März 2021 Deutschlandfunk um 03:00 Uhr in den Nachrichten und NDR Info um 15:48 Uhr.

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KOMMENTARE

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Anderes1961 25.03.2021 • 14:53 Uhr

@Klabautermann 08

" Am 25. März 2021 um 14:10 von Klabautermann 08 Freiwillig? Dann werden entsprechende Gesetze zur Totalüberwachung herausgebracht und zwar unter dem Deckmantel der Gesundheit, Siehe Notrufassi in allen Neuzulassungen moderner Autos. Und wenn erst das Bargeld abgeschafft, der digitale Perso, Impfausweis usw eingeführt sind, wird ein Smartphone und dessen Mitführung verpflichtend. Nerds werden sich dann sicherlich freiwillig Chippen lassen, da es dann ja so hip und einfach ist seinen Unterarm nur noch am Scanner vorbei zu führen um auch seine Gesundheitsdaten online an den Arzt seines Vertrauens zu senden und Alexa bestellt dann auch automatisch .... mit oder ohne Noppen und Bananengeschmack und weiß auch wann die Batterien gewechselt werden müssen und der Scheidungsanwalt steht schon in den Startlöchern und schickt schon mal entsprechende E-Mails an den Partner. Schließlich haben sie ja nichts zu verbergen." Bin da noch altmodisch, ich lasse mir lieber eine Diskette einpflanzen.