Kämpfer der Al-Nusra-Front in Syrien (Archivbild) | AFP
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Deutsche Kämpfer in Syrien Die anderen Dschihadisten

Stand: 09.02.2021 18:01 Uhr

In Syrien kämpfen noch immer Islamisten aus Deutschland. Die Behörden gehen der Frage nach, ob sie Anschläge in Europa planen. Einer der Dschihadisten wurde in Westafrika festgenommen.

Von Florian Flade, WDR

Marius A. soll versucht haben, mit einem falschen vietnamesischen Pass einzureisen. Die Grenzbeamten am Flughafen im westafrikanischen Senegal aber wurden offenbar misstrauisch. Bei der genauen Überprüfung stellte sich heraus, dass der Reisende kein Vietnamese ist, sondern ein Deutscher. Noch dazu ein Terrorverdächtiger, nach dem weltweit über Interpol gefahndet wurde.

Florian Flade

Seit Anfang September 2020 sitzt er im Senegal in Haft. In Deutschland ermittelt der Generalbundesanwalt wegen Terrorverdachts gegen den Islamisten, der aus einer Kleinstadt bei München stammt und zuletzt im nordrhein-westfälischen Kleve gemeldet war. Beim Bundeskriminalamt (BKA) gibt es eine eigene Ermittlungsgruppe zu seinem Fall mit dem Namen "Sky".

Marius A. soll ein Dschihad-Kämpfer sein, ausgereist im Jahr 2013 über die Türkei nach Syrien. Dort soll er sich der Terrorgruppe "Dschabhat al-Nusra" angeschlossen und mehrere Jahre in deren Reihen gekämpft haben. Dann verschwand der Islamist plötzlich. Dass er schließlich in Westafrika gefasst wurde, überraschte auch die BKA-Fahnder.

Zahlreiche Islamisten aus Deutschland in Syrien

Mehr als 1070 Personen aus dem "islamistischen Spektrum" sind laut Verfassungsschutz in den Bürgerkrieg nach Syrien und in den Irak ausgereist. Der überwiegende Teil soll sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen haben, die inzwischen als militärisch besiegt gilt und ihr einstiges Herrschaftsgebiet weitestgehend verloren hat. Noch immer aber sollen zahlreiche deutsche Islamisten in Syrien kämpfen - und zwar auf Seiten anderer Terrorgruppen, die ideologisch dem Al-Qaida-Netzwerk nahestehen und mit dem IS verfeindet sind. 

Dazu zählen vor allem "Hayat Tahrir Al-Sham" (HTS), ein Zusammenschluss mehrerer islamistischer Kampfgruppen, zu der auch "Dschabhat al-Nusra" gehört, "Junud ash-Sham" und "Hurras ad-Din". Diese Gruppen, die vor allem in den Regionen um Aleppo, Idlib und Hama aktiv sind und dort gegen das Militär des Assad-Regimes und auch russische Einheiten kämpfen, sollen über mehr als 10.000 Kämpfer aus unterschiedlichen Herkunftsländern verfügen. Die Zahl der Dschihadisten aus Deutschland, die sich in diesen Gegenden aufhalten sollen, beziffern hiesige Sicherheitsbehörden auf etwa 60 bis 100 Personen.

Propagande über soziale Medien

Es sind vor allem Männer mit türkischen Wurzeln und Islam-Konvertiten aus Süddeutschland, die sich in den vergangenen Jahren HTS und den anderen Terrormilizen angeschlossen haben. Einige von ihnen haben über soziale Medien wie Telegram immer wieder Propaganda verbreitet, sich selbst im Kriegsalltag oder bei Kampfhandlungen gefilmt und Glaubensbrüder in Deutschland aufgerufen, den Krieg gegen das Assad-Regime zu unterstützen - offenbar teilweise sogar erfolgreich.

Anfang Januar ließ der Generalbundesanwalt die Wohnungen von vierzehn Personen in Berlin, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Hessen durchsuchen. Vier Tatverdächtige, darunter eine Frau, wurden festgenommen. Sie sollen ein "internationales Netzwerk zur Terrorfinanzierung" gebildet haben, das in Deutschland Gelder gesammelt und anschließend über die Türkei an Kämpfer der HTS-Gruppe in Syrien transferiert haben soll.

Terrorgefahr für Europa?

Bislang gebe es keine konkreten Erkenntnisse darüber, dass von diesen Dschihadisten eine Terrorgefahr für Europa ausgeht, heißt es in Sicherheitskreisen. Die Kämpfer von HTS, "Junud ash-Sham" und der anderen Gruppen hätten vor allem eine regionale Agenda, würden in erster Linie die Errichtung eines islamistischen Gottesstaates in Syrien anstreben. Als unmittelbarer Feinde würden das Assad-Regime und dessen russische und iranische Unterstützer erachtet, sowie nicht zuletzt auch die Terrormiliz IS, die für gezielte Mordanschläge verantwortlich gemacht wird. 

Die Gruppierung "Hurras ad-Din" (HAD), übersetzt "Wächter des Glaubens", allerdings verfolge durchaus eine "global-dschihadistische Agenda" und plane möglicherweise auch Anschläge außerhalb des syrischen Kriegsgebiets, vielleicht sogar in Europa, so die Einschätzung von Sicherheitsbehörden. Sie gilt als ein Ableger des Al-Qaida-Netzwerkes, zu den Führungskadern gehören ausländische Dschihadisten, die Erfahrung in den Krisengebieten in Afghanistan, Pakistan, Irak oder Jemen gesammelt haben. Zuletzt gerieten sie verstärkt ins Visier vor allem amerikanischer Geheimdienste. Mehrere HAD-Kommandeure, darunter Islamisten aus Jordanien, Ägypten und Tunesien, wurden in den vergangenen Monaten bei Drohnenangriffen getötet.

Wohl nur vereinzelt Deutsche bei der HAD

Über deutsche Mitglieder der HAD ist bislang wenig bekannt, die Behörden gehen davon aus, dass sich nur vereinzelt Extremisten aus Deutschland dieser Gruppe angeschlossen haben. Bei einigen Islamisten ist fraglich, wo sie sich aufhalten - ob sie noch leben. Erst vor wenigen Tagen tauchte im Netz ein Foto auf, das die Leiche eines Terrorkämpfers aus Deutschland zeigt - der Türke ist offenbar bei Gefechten getötet wurde. Einige deutsche Dschihadisten sollen das Kriegsgebiet inzwischen auch verlassen haben, manche könnten sich in der Türkei aufhalten oder im Libanon.

Marius A. war offenbar im vergangenen Jahr schon aus Syrien verschwunden und nach Afrika gereist. Was er im Senegal vorhatte, ob er sich einer weiteren Terrorgruppe in Westafrika anschließen wollte, auf dem Rückweg nach Europa war oder nur untertauchen wollte, ist bislang unklar. Der inhaftierte Islamist wird derzeit von Mitarbeitern der Deutschen Botschaft in Dakar konsularisch betreut. Eine Überstellung in die Bundesrepublik soll stattfinden, wenn es die Pandemie-Situation zulässt.