Schild BND-Zentrale in Pullach | Reuters
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Afghanistan in den 1980ern Als der BND die Mudschaheddin unterstützte

Stand: 23.08.2021 18:00 Uhr

In den 1980er-Jahren half der BND heimlich den afghanischen Aufständischen in ihrem Guerillakrieg gegen die Sowjets. Akten des Geheimdienstes geben exklusive Einblicke in die Operation "Sommerregen".

Von Florian Flade, WDR

Es gibt viel Kritik am Bundesnachrichtendienst (BND) in diesen Tagen. Die deutschen Spione hätten die Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan nicht vorhergesehen, hätten die Geschwindigkeit, mit der die Islamisten schließlich die Hauptstadt Kabul unter ihre Kontrolle gebracht haben, unterschätzt. "Der BND hat offensichtlich eine falsche Lageeinschätzung vorgenommen, so wie andere Dienste auch", sagte Bundesaußenminister Heiko Maas in der vergangenen Woche.

Florian Flade

Auch im BND übt man sich inzwischen in Selbstkritik - und gibt sich überrascht. Grundsätzlich sei die "nachrichtendienstliche Zugangslage" in Afghanistan über viele Jahre nämlich durchaus gut gewesen. Der BND war vor Ort stark aufgestellt, die Residentur in Kabul gehörte zu den größten weltweit. Manche Kontakte des Dienstes in der Region reichen Jahrzehnte zurück.

Operation "Sommerregen" 

Was bis heute kaum bekannt ist: Schon in den 1980er-Jahren waren die deutschen Spione am Hindukusch sehr umtriebig - und knüpften damals Kontakte zu den afghanischen Aufständischen, den Mudschaheddin, von denen sich einige Islamisten später auch den Taliban anschlossen. Die Operation "Sommerregen" hatte zum Ziel, den Widerstandskampf gegen die sowjetischen Besatzungstruppen in Afghanistan zu unterstützen und nebenbei Informationen über Ausstattung und Fähigkeiten der Sowjetarmee zu sammeln.

Der WDR konnte zahlreiche Akten zu der BND-Operation auswerten, darunter Auflistungen der Hilfslieferungen im Wert von mehreren Millionen D-Mark, Vermerke über Transportflüge, Unterlagen zur Finanzierung und über die afghanischen Kämpfer. Die Dokumente geben exklusive Einblicke in eine der letzten großen Operationen des BND im Kalten Krieg.

Im Dezember 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Kurz zuvor war der pro-sowjetische Ministerpräsident in Kabul getötet worden, durch einen Putsch übernahm Hafizullah Amin die Macht. In Moskau befürchtete man, Amin könne zu einem Verbündeten des Westens werden und die NATO um Hilfe bitten, um seine Macht zu sichern. Es kam zu einer militärischen Intervention.

USA unterstützten den Kampf der Afghanen

Was folgte, war ein neun Jahre andauernder blutiger Krieg der Sowjets und ihrer afghanischen Helfer gegen die "Mudschaheddin", der zahllose Opfer forderte und Millionen von Afghanen zu Flüchtlingen machte. Sie flohen in die Nachbarländer, vor allem nach Pakistan.

Westliche Geheimdienste, allen voran die US-amerikanische CIA, begannen Mitte der 1980er-Jahre damit, die afghanischen Kämpfer zu unterstützen - mit Waffen und Ausrüstung.

Im Sommer 1985 reiste eine Delegation deutscher Bundestagsabgeordneter nach Pakistan und sprach dort mit Regierungsvertretern über die Auswirkungen des Krieges im Nachbarland Afghanistan. Dabei wurde offenbar der Entschluss gefasst, dass sich auch Deutschland an der Unterstützung der afghanischen Aufständischen beteiligen solle. Und zwar in einer geheimen Aktion, von der die Öffentlichkeit nichts erfahren sollte. Mit der Umsetzung wurde der BND beauftragt.

Hilfe aus Deutschland

Am 30. August 1985 ordnete die BND-Spitze die geheime, abgeschirmte Operation mit dem Namen "Sommerregen" an. Am 19. Dezember 1985 dann erfolgte die erste Lieferung von Hilfsgütern, die mit einer Transportmaschine der Luftwaffe nach Pakistan geflogen wurden. Wenige Wochen später schrieb der damalige BND-Präsident Hans-Georg Wieck an den inzwischen verstorbenen CSU-Bundestagsabgeordneten Erich Riedl.

"Es bereitet mir eine besondere Freude, Sie zu Beginn dieses Jahres davon zu unterrichten, dass die von Ihnen und Ihren Herren Kollegen auf Ihrer Pakistan-Reise initiierte Hilfe des Deutschen Bundestages für die afghanische Widerstandsbewegung angelaufen ist", so der BND-Chef. Man habe bereits 5500 Paar Stiefel, 1800 Feldjacken und 12.700 Wollpullover an die afghanischen "Mudschaheddin" geliefert. Durch einen Beauftragten des BND seien die Sachen übergeben worden, in "Gegenwart führender Vertreter der afghanischen Widerstandsbewegung" - darunter auch Gulbuddin Hekmatyar.

Einmarsch in Kabul

Am 13. November 2001 nimmt die sogenannte Nordallianz, ehemalige Mudschaheddin, die Hauptstadt Kabul ein.

Mudschaheddin und die späteren Kriegsfürsten 

Der heute 72-jährige Hekmatyar ist Anführer der Gruppierung "Hizb-i Islami", kämpfte in den 1990er Jahren als "Warlord" im afghanischen Bürgerkrieg und wurde später sogar zeitweise Premierminister. Wegen des besonders brutalen Vorgehens seiner Milizen erlangte er später auch Bekanntheit als "Schlächter von Kabul". Heute gilt Hekmatyar wieder als wichtige Figur der afghanischen Politik. Nach der Machtübernahme der Taliban ist er nun einer der Akteure, die mit den Taliban über die Zukunft Afghanistans verhandeln.

"Hekmatyar bedankte sich im Namen der anderen Parteiführer für die Unterstützung und bat ausdrücklich darum, diesen Dank auch den Mitgliedern des Haushaltsgremiums zu übermitteln", heißt es im geheimen Schreiben des damaligen BND-Präsidenten. "Er bezeichnete diese Art der Übergabe und Verteilung wegen ihrer Korrektheit und Gerechtigkeit als vorbildlich."

In den Folgejahre brachte der BND umfangreiches Material an den Hindukusch. Darunter nicht nur Zehntausende Stiefel, Jacken und andere Winterbekleidung, sondern auch Medikamente, Schlafsäcke, Zelte, Krankentragen, Öfen, Minensuchgeräte, Ferngläser, Nachtsichtgeräte, Messer, Geländemotorräder, Bohrschlaghämmer, Funkgeräte, Schlauchboote und Feldlazarette. Zudem wurden einige schwerverletzte afghanische Kämpfer zur medizinischen Versorgung nach Deutschland gebracht.

"Dank und Anerkennung" für den BND

Die Geschenke aus Deutschland wurden zunächst nach Pakistan geflogen, die direkte Verteilung an die afghanischen Kämpfer übernahm der pakistanische Geheimdienst ISI. Dennoch werde die Hilfe "von den Widerstandsgruppen als deutsche Hilfe angenommen", notierten BND-Mitarbeiter sichtlich zufrieden. Um die Operation effektiver durchführen zu können, gründete der BND auch eine neue Außenstelle, eine konspirative Unterkunft, im westpakistanischen Peshawar, an der Grenze zu Afghanistan. 

"Die Operation Sommerregen dient der Unterstützung der Aufständischen in Afghanistan (…) dies geschieht seit 1985 durch die Lieferung von Gerät und Material", so steht es einem BND-Vermerk aus dem September 1987. Der Transport der Geräte und des Materials erfolge mit Flugzeugen der Bundeswehr und vereinzelt mit dem Dienst-Flugzeug des BND. Eine Fortführung der Operation sei "aus humanitären Gründen sinnvoll und notwendig", notierten die Spione in Pullach. "Außerdem dient sie im Interesse der demokratischen Staaten der Stärkung des afghanischen Widerstandes".

Sowjetisches Kriegsmaterial im Visier

Offenbar ging es jedoch nicht nur um humanitäre Hilfe, sondern auch um das "Sicherheitsinteresse der Bundesrepublik Deutschland", wie es in den BND-Akten heißt. Der Dienst erhoffte sich auch, wertvolle Einblicke in die militärische Ausstattung der Sowjetunion zu bekommen. In Afghanistan kamen moderne Rüstungsgüter der Sowjetarmee zum Einsatz, teilweise solche, die der NATO bislang nicht in allen Details bekannt waren. Der BND sicherte sich mit Hilfe der Mudschaheddin solches Kriegsmaterial und brachte es zur genaueren Untersuchung nach Deutschland.

Gelder aus geheimer Operation veruntreut 

Mehrkosten sind dem BND wohl auch dadurch entstanden, dass ein verantwortlicher Mitarbeiter durch fingierte Rechnungen offenbar Geld abgezweigt hatte. Im August 1987 war der BND auf "Unregelmäßigkeiten bei der Abwicklung" gestoßen und rief die interne Operation "Kapsel" ins Leben, um dem Verdacht nachzugehen. Es ging um eine Firma in München, über die Medikamente für die Operation "Sommerregen" beschafft worden waren. Diese Firma soll überhöhte Rechnungen gestellt, dabei ein Nummernkonto in der Schweiz angegeben und behauptet haben, dies sei ein BND-Konto. Der Betrug flog auf, ein BND-Mitarbeiter und sein ehemaliger Schulfreund wurden überführt, dem BND soll ein Schaden von 82.000 D-Mark entstanden sein.

Überhaupt war die jahrelange Finanzierung der BND-Operation am Hindukusch nicht ohne Risiko. Immerhin hatten die Spione die Geschenke für die Kämpfer in Afghanistan nicht über die üblichen Ausschreibungen beschafft. "Der Bundesrechnungshof wird nach Aufhebung der Abschirmung mit großer Wahrscheinlichkeit auch diese Angelegenheit überprüfen und ggf. die nicht vorgenommene offene Ausschreibung beanstanden", schrieb der BND-Präsident im April 1986 an das für die Haushaltsausgaben zuständige Vertrauensgremium des Bundestages. "Für diesen Fall hoffe ich auf Unterstützung durch das Gremium."

Anfang der 1990er-Jahre stoppte der BND seine geheime Unterstützungsaktion. Allzu erfolgreich soll das Unterfangen aus Sicht der Spione nicht gewesen sein. Ende 1987 zogen sie ein eher ernüchterndes Fazit: "Aus der Op Sommerregen hat sich für den BND ein wesentlicher nachrichtendienstlicher Nutzen bisher nicht ergeben". Seine Kontakte zu den afghanischen Aufständischen und zum pakistanischen Geheimdienst pflegte der Dienst jedoch weiter.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. August 2021 um 19:09 Uhr in der Sendung "Kommentare und Themen der Woche".