Ein Polizist steht vor dem abgesperrten Breitscheidplatz. | Bildquelle: dpa

Anschlag am Breitscheidplatz Hilfe aus einem Clan? 

Stand: 24.08.2020 17:03 Uhr

Ein V-Mann des Verfassungsschutzes in Mecklenburg-Vorpommern behauptet, Anis Amri habe nach seinem Anschlag in Berlin Hilfe aus einer arabische Großfamilie bekommen. Das BKA ermittelt.

Von Florian Flade, WDR

Eigentlich sollte der Fall längst abgeschlossen sein. Doch noch immer ermittelt das Bundeskriminalamt (BKA) auf Hochtouren, zuletzt wurde sogar noch einmal mehr Personal herangezogen. Es geht um den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 - und um neue Hinweise, die durch einen Whistleblower aus Norddeutschland zu den Ermittlern gelangten.

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern hatte sich im Oktober vergangenen Jahres beim Generalbundesanwalt gemeldet, wie der WDR im Mai erstmals berichtete. Er habe Hinweise, die für die Aufklärung des Anschlags nützlich sein könnten, so der Beamte. Anfang 2017 habe ein V-Mann brisante Angaben zum Attentäter Anis Amri und möglichen Helfern in Berlin gemacht - diese Informationen seien damals nicht an die Strafverfolger weitergeleitet worden. Sein Vorgesetzter habe dies untersagt, behauptete der Ex-Verfassungsschützer.

Hielt der Schweriner Verfassungsschutz Informationen zurück?

Es steht der Vorwurf der Vertuschung im Raum - und die Frage, ob in Schwerin tatsächlich wichtige Informationen über Amri und mögliche Helfer vorlagen und womöglich zurückgehalten wurden. Inzwischen hat sich der Untersuchungsausschuss im Bundestag zum Anschlag auf dem Breitscheidplatz der Sache angenommen. Noch im September soll der Whistleblower aus dem Schweriner Verfassungsschutz als Zeuge befragt werden. 

Nach WDR-Recherchen haben die Staatsanwälte beim Generalbundesanwalt mittlerweile mehrere Zeugen in diesem Fall vernommen. Darunter nicht nur den ehemaligen Verfassungsschützer, sondern auch dessen V-Mann und weitere Personen, die mit der Quelle dienstlich befasst waren. Der V-Mann soll dabei umfangreiche Angaben gemacht haben, zu Amri und möglichen Unterstützern in Berlin.

Berichte von Waffen und Unterschlupf

Dabei soll es um Mitglieder einer arabischen Großfamilie gegangen sein, um ein Restaurant und um ein Café, in denen Amri angeblich zeitweise untergekommen sein soll. Auch von Waffen und von einem Auto soll die Rede gewesen sein, mit dem der Terrorist nach dem Attentat angeblich gefahren wurde.

Die Aussagen des V-Mannes haben einige Brisanz: Hatte Amri vielleicht doch Unterstützer? Und kamen die Helfer aus einem arabischen Clan? Amri war als Drogendealer tätig und verfügte auch über Kontakte ins arabische Clan-Milieu. Hinzu kommt, dass Amris Flucht nach dem Anschlag am Abend des 19. Dezember 2016 noch immer nicht vollständig aufgeklärt werden konnte. Bis heute ist beispielsweise unklar, ob ihm nicht dabei geholfen wurde, aus Berlin zu fliehen.

Nach dem Attentat floh Amri zunächst nach Nordrhein-Westfalen und anschließend über die Grenze in die Niederlande, nach Belgien und Frankreich bis er am frühen Morgen des 23. Dezember 2019 in Italien beim Schusswechsel mit einer Polizeistreife getötet wurde. Amri reiste meist mit dem Zug und wurde von Überwachungskameras auf den Bahnhöfen gefilmt - etwa in Amsterdam, in Brüssel oder Mailand.

Wie floh Amri durch Deutschland?

Die erste Etappe seiner Flucht allerdings ist weiterhin unklar: Wie kam Amri von Berlin nach Nordrhein-Westfalen? Es gibt keine Indizien dafür, dass der Extremist diese Langstrecke mit der Bahn oder einem Fernbus zurückgelegte, keine Kamerabilder, keine Zeugenaussagen. Wurde Amri also vielleicht mit dem Auto von einem Helfer gefahren?

Das BKA geht seit Monaten den neuen Hinweisen aus Schwerin nach. Aus Ermittlerkreisen heißt es, es sei sehr schwierig, die Informationen heute - vier Jahre nach dem Attentat - zu überprüfen. Klar ist jedoch: Wären die Hinweise des V-Mannes aus Mecklenburg-Vorpommern kurz nach dem Anschlag an das BKA übermittelt worden, hätten vermutlich andere Maßnahmen ergriffen werden können. Es wären wohl weitere Zeugen befragt und Örtlichkeiten abgeklärt worden.

Von den besagten Treffen zwischen dem Verfassungsschützer und seinem V-Mann sollen seinerzeit nur ein "Treffbericht" angefertigt worden sein, in denen lediglich Zeit und Ort des Treffens vermerkt ist. Die sonst übliche "Deckblattmeldung", in der notiert ist, was die Quelle berichtet, soll es nicht geben - angeblich, weil ein Vorgesetzter dies untersagt haben soll.

Weiterleitung blieb aus

Mit dem Fall vertraute Sicherheitsbeamte gehen von einem schweren Versäumnis im Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern aus. Die Hinweise der Quelle - selbst, wenn sie von Vorgesetzten als wenig glaubhaft eingeschätzt wurden - hätten demnach Anfang 2017 in jedem Fall an die Ermittlungsbehörden weitergeleitet werden müssen.

Auch dem Bundesamt für Verfassungsschutz hätte man die Informationen übermitteln können. Dort interessiert man sich schon seit einiger Zeit für mögliche Verbindungen zwischen Islamisten und arabischen Clans in Berlin. Es gibt in der Behörden einen geheimen Vorgang zu dieser Thematik - mit dem Arbeitstitel "Opalgrün".

Kein Kommentar vom Schweriner Innenministerium

Warum die Hinweise des V-Mannes vor drei Jahren nicht an Bundesbehörden weitergeleitet wurden, ist bislang unklar. Eine Sprecherin des Innenministeriums Mecklenburg-Vorpommern teilte auf Anfrage mit, zu "internen Entscheidungsprozessen innerhalb des Verfassungsschutzes" erteilte man "grundsätzlich keine Auskunft".

Im BKA ist man derweil noch schwer mit Ermittlungsarbeit beschäftigt. Eigentlich wollten die Kriminalisten schon im Sommer damit fertig sein. Nun heißt es, es könne noch Wochen dauern. Kürzlich übergab der besagte V-Mann den Ermittlern noch zahlreiche Unterlagen und Notizen, die er angeblich zu seiner Sicherheit bei einer anderen Person hinterlegt hatte. Die Auswertung des Materials, so die Ermittler, gestalte sich "sehr umfangreich und zeitraubend".

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