Soldaten sind am Flughafen Kabul im Einsatz (Archivbild). | dpa
Exklusiv

Chaos in Kabul Bundeswehr weist Ortskraft ab

Stand: 26.08.2021 00:18 Uhr

Immer wieder hatte eine ehemalige Ortskraft der Bundeswehr öffentlich um Hilfe gefleht, dann orderte die Bundeswehr den Mann zum Flughafen Kabul, begleitet von den Taliban. Dort schickten Soldaten ihn wieder nach Hause.

Von Martin Kaul, WDR

Der Mann aus Afghanistan, um den es hier geht, hatte vieles getan, um bis zu den Kräften der Bundeswehr auf dem Flughafen Kabul vorzustoßen: Öffentlich hatte er in gutem Englisch immer wieder um Hilfe gefleht, bei Twitter seine Arbeitsverträge hochgeladen, um zu beweisen, dass er jahrelang für die Bundeswehr in Afghanistan tätig war. Journalisten in Berlin sprachen seinen Fall in Pressekonferenzen an und bei Hintergrundgesprächen im Bundesverteidigungsministerium.

Martin Kaul

Schließlich soll ihn die Bundeswehr dann endlich zum Flughafen Kabul gerufen haben. Erst nach tagelangem Flehen und öffentlichem Druck in Deutschland soll ihm die "Bearbeitungsstelle Ortskräfteverfahren Bundeswehr" an diesem Dienstag in einer Email bestätigt haben, er und seine Familie stünden auf der deutschen Evakuierungsliste.

So schildert es der Mann, der als Kameramann für die Medienarbeit der Bundeswehr in Afghanistan tätig war, untermauert von entsprechenden Emails und Dokumenten. Demnach erhielt er dann auch sensible Informationen über einen Treffpunkt in Kabul und die Möglichkeiten, im Rahmen eines durch die Bundesregierung organisierten Konvois zum Flughafen Kabul gebracht zu werden. Ob er das Angebot annehmen wolle, solle er selbst entscheiden, denn, so hieß es ebenfalls in den Schreiben der Deutschen: "Dieser Konvoi wird kontrolliert und eskortiert durch die Taliban." Auch das ergibt sich aus den Dokumenten.

Von Bundeswehrsoldaten zurückgewiesen

Mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern nahm er das Angebot an und fuhr mit dem Konvoi zum Flughafen. Dort, so beschreibt er es, hätte er auch den Checkpoint der US-Armee passieren können. Allein: Als er nach stundenlangem Warten bei Soldaten der Bundeswehr vorsprechen konnte, sollen diese ihn schließlich abgewiesen haben. Sein Name, so habe ihm ein Bundeswehrsoldat nach der Prüfung seiner Papiere gesagt, stünde nicht auf der Evakuierungsliste. Dann fuhr er mit seiner Familie und seinen ein und drei Jahre alten Kindern wieder zurück.

Chaos am Flughafen

Immer wieder hatte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in den letzten Tagen um Verständnis geworben, auf die kaum zu überblickende Lage am Flughafen Kabul hingewiesen und beteuert, bei der Rettung schutzbedürftiger Menschen in Afghanistan großzügig vorgehen zu wollen.

Der Fall der ehemaligen Ortskraft in Afghanistan zeigt nun, wie schwierig es selbst für registrierte und durch die Bundeswehr betreute ehemalige Ortskräfte ist, das Land zu verlassen - selbst wenn diese sich auf die Ansagen der Bundesregierung verlassen und nicht, wie Tausende andere Afghanen, eigenständig vor dem Flughafen auf Rettung hoffen.

Im Bundesverteidigungsministerium in Berlin hat der Fall inzwischen Bedauern ausgelöst. Dort, so heißt es aus dem Ministerium, arbeite man derzeit mit Hochdruck an einer Lösung, die den Mann mit seiner Familie nun doch noch aus dem Land bringen könnte. "Alle beteiligten Stellen", so teilte ein Ministeriumssprecher am Mittwoch mit, arbeiteten gerade mit Hochdruck daran, den Mann "wieder in den Flughafen Kabul zu bringen und auszufliegen."

Bei dem betroffenen Mann, der sich weiterhin in Kabul aufhält, ist das allerdings noch nicht angekommen. Er sagte dem WDR am Mittwochnachmittag telefonisch, dass er weiterhin auf einen Kontakt zu deutschen Behörden hoffe. Klar scheint, dass für ihn und alle weiteren Ortskräfte das Zeitfenster für eine mögliche Evakuierung immer enger wird, da die derzeit noch laufenden Evakuierungsflüge der Bundeswehr aus Afghanistan bereits in Kürze enden könnten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. August 2021 um 22:30 Uhr.