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Anzeigen zu Corona auf Facebook Profit mit Panikmache

Stand: 17.02.2021 12:08 Uhr

Die Pandemie sei vorbei, eine Inzidenz von unter 100 nicht möglich - so heißt es in bezahlten Anzeigen auf Facebook. AfD-Seiten sponsern zudem die Verbreitung unbelegter Behauptungen oder sogar Verschwörungsmythen, Verstöße haben kaum Folgen.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Mehrere Landesmedienanstalten gehen nach Informationen des Deutschlandfunks gegen umstrittene Online-Portale mit rechtsradikalen oder verschwörungsideologischen Inhalten vor. Im Fall des Kanals "KenFM" verfolge man in Berlin-Brandenburg den Anfangsverdacht, dass journalistische Grundsätze nicht eingehalten worden seien.

Patrick Gensing tagesschau.de

Nach DLF-Informationen ist auch die Facebook-Seite des "Deutschland Kuriers" betroffen. Das AfD-nahe Medium ist in dem Netzwerk sehr aktiv: Ende Januar machte der "Deutschland Kurier" beispielsweise Stimmung gegen CSU-Chef Markus Söder, stellte ihn in einem Latex-Anzug dar und wollte dazu von Nutzerinnen und Nutzern wissen, ob der "Lockdown-Fetischist" ein guter Bundeskanzler wäre. Diesen Beitrag sponserte der "Deutschland Kurier" als bezahlte politische Werbung.

Auch verschiedene Äußerungen von AfD-Politikern schaltete der "Deutschland Kurier" als bezahlte Werbung auf Facebook, so beispielsweise eine Rede des Bundestagsabgeordneten Martin Hess oder ein Zitat des AfD-Abgeordneten Marc Bernhard, das nach Facebook-Angaben durch die Anzeige auf bis zu 35.000 Bildschirmen zu sehen gewesen sei.

Hinweis auf politische Werbung fehlte

Mehrere Anzeigen verstießen gegen die Facebook-Richtlinien für politische Werbung. Diese müssen aus Transparenzgründen mit einem entsprechenden Hinweis versehen werden, was bei verschiedenen Anzeigen aber ausblieb, sie wurden deswegen entfernt. So beispielsweise geschehen vor Landtagswahlen im Jahr 2019, als der "Deutschland Kurier" von einem "historischen Wahlsieg der AfD" schrieb und ein "blaues Wunder" voraussagte. Auch mehrere Anzeigen mit Videos des AfD-Politikers Maximilian Krah sponserte der "Deutschland Kurier" ohne den entsprechenden Hinweis auf politische Werbung.

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Der "Deutschland Kurier" hat nach Facebook-Angaben seit 2019 Anzeigen für mehr als 36.000 Euro gekauft.

Seit 2019 investierte der "Deutschland Kurier" nach Angaben der Facebook-Datenbank mehr als 36.000 Euro in bezahlte Anzeigen bei dem Konzern. Das AfD-nahe Medium hatte schon mehrfach für Aufsehen gesorgt, da der "Kurier" beispielsweise an AfD-Wahlkampfständen auslag - dies aber nicht als Spende ausgewiesen war. Auf eine Anfrage zu den bezahlten Anzeigen auf Facebook reagierte der "Deutschland Kurier" bislang nicht.

NS-Relativierung und NWO-Verschwörung gesponsert

Facebook verdient außerdem an fragwürdigen Inhalten zur Corona-Pandemie. Zwar verweist das Unternehmen immer wieder auf seine Bemühungen im Kampf gegen Desinformation, doch nimmt Facebook gleichzeitig Geld für politische Anzeigen, die irreführende Behauptungen zur Pandemie verbreiten - oder Verschwörungslegenden.

Die Seite "Rote Fahne News" bewarb beispielsweise im Dezember 2020 einen Beitrag, in dem behauptet wird, das RKI habe bis zu diesem Zeitpunkt "keinen einzigen Corona-Toten nachgewiesen". Es gebe auch keine Statistik über nachgewiesene Infizierte. In einer anderen Anzeige der pro-russischen Seite wurde ein manipuliertes Bild gezeigt, dass die NS-Zeit verharmlost. Zu sehen sind darauf uniformierte Nazis, die auf Plakaten zum Boykott von jüdischen Geschäften aufrufen. Die Aufschrift der Plakate wurde bearbeitet, dort steht in der als Facebook-Anzeige geschalteten Meldung nun "Meldet Verschwörungstheoretiker".

Der AfD-Landtagsabgeordnete Robert Farle aus Sachsen-Anhalt schaltete mehrfach eine Anzeige, in der die von einer "globalen Corona-Machtergreifung" die Rede ist. Zwischen 600 und 699 Euro habe der Werbetreibende geschätzt für diese Anzeigen ausgegeben, geht aus der Facebook-Datenbank für Anzeigen hervor. Für das Geld konnte er seine Legende von "internationalistischen Pseudoeliten", die eine auf "Angst und Desinformation beruhende Neue Weltordnung" durchsetze, auf Facebook bewerben. Die Legende einer Neuen Weltordnung (NWO) ist zentrales Element antisemitischer Mythen.

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NWO-Verschwörung auf Facebook: Das Unternehmen teilt mit, es habe "verschärfte Vorgaben für Inhalte und Werbeanzeigen mit COVID-19-Bezug". Bild: facebook

Inzidenz unter 100 nicht möglich?

Die AfD-Politikerin Birgit Malsack-Winkemann bezahlte Werbung für Beiträge, in denen es beispielsweise heißt, eine Inzidenz von unter 100 sei "nie erreichbar?!". Grund seien ungenaue PCR-Tests, Quelle der Behauptung war ein Artikel auf "Epoch Times". Die Behauptung wird bereits durch einen Blick auf die Statistiken widerlegt, da die Inzidenz lange unter 100 lag - und mittlerweile wieder deutlich unter diesen Wert gefallen ist. Die Recherche-Plattform "Correctiv" kam zu dem Schluss, es handele sich um eine irreführende Darstellung.

"Correctiv" ist ein Partner von Facebook, um Desinformation zu enttarnen. Doch der Beitrag der AfD-Politikerin Malsack-Winkemann ist bis heute online, ein Hinweis auf den Faktencheck fehlt - dafür wurde der Beitrag, wohl auch dank der an Facebook bezahlten Werbegelder, mehr als 2300 mal geteilt. Als potenzielle Reichweite für die Anzeige gibt Facebook in seiner Werbedatenbank mehr als eine Million Personen an.

Ob Werbung mit fragwürdigen Behauptungen über angebliche Impfopfer ("Neun weitere Todesopfer genmeldet", "183-mal gefährlicher als andere Impfstoffe?!") oder das angebliche Ende der Pandemie: Mehr als 5000 Euro hat allein die AfD-Politikerin Malsack-Winkemann bislang für Anzeigen auf Facebook investiert, davon entfielen knapp 500 Euro auf Anzeigen, die nicht mit dem vorgeschriebenen Hinweis auf politische Werbung versehen wurden.

Auf die Anfrage, welche Konsequenzen fehlende Hinweise auf politische Werbung hätten, teilte ein Facebook-Sprecher mit, solche Anzeigen würden "deaktiviert und in der Werbebibliothek entsprechend gekennzeichnet". Wiederholte Verstöße haben demnach keine weiteren Folgen.

Facebook: "Verschärfte Vorgaben"

Auf die Frage, inwieweit Facebook darauf achte, insbesondere potenziell gefährliche Aussagen zur Corona-Pandemie zu prüfen, antwortete ein Sprecher: "Wir haben verschärfte Vorgaben für Inhalte und Werbeanzeigen mit COVID-19-Bezug. Zum Beispiel entfernen wir seit Dezember 2020 falsche Behauptungen über COVID-19-Impfstoffe, die von Expert*innen des öffentlichen Gesundheitswesens widerlegt wurden. Wir erweitern die Liste der widerlegten Aussagen über das Coronavirus und Impfstoffe fortlaufend in Abstimmung mit führenden Gesundheitsorganisationen, einschließlich der Weltgesundheitsorganisation."

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Bezahlte Anzeige auf Facebook, in dem beworbenen Beitrag werden steigende Corona-Zahlen als Ergebnis falscher Testungen dargestellt.

Die Facebook-Datenbank für politische Werbung oder Anzeigen zu gesellschaftlich relevanten Themen umfasst für Deutschland seit März 2019 mehr als 441.000 Anzeigen und einen ausgegebenen Gesamtbetrag von knapp 34 Millionen Euro. Große Auftraggeber sind unter anderem das Bundesgesundheitsministerium, der Bayer-Konzern, Organisationen wie Greenpeace, Unicef oder Campact, zudem Parteien und Politikerinnen und Abgeordnete. Bei der AfD gab allein die Fraktion im NRW-Landtag seit 2019 mehr als 45.000 Euro für Facebook-Anzeigen aus.

Wahlkampf in Corona-Zeiten

In den USA hatte Facebook politische Werbung kurz vor der Präsidentschaftswahl ausgesetzt. Grund war die Welle der Desinformation zu angeblichem Wahlbetrug. Bereits 2016 hatten russische Auftraggeber mit Facebook-Anzeigen versucht, den Wahlkampf in den USA zu manipulieren. Auch in Deutschland dürfte bei den anstehenden Wahlkämpfen die Bedeutung der digitalen Kampagnen weiter deutlich wachsen - insbesondere unter Corona-Bedingungen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Februar 2021 um 15:35 Uhr.